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Infektiologie 20. Februar 2012

50 Jahre Kampf gegen Polio

Eine Therapie gibt es bis heute nicht, nur eine Impfung schützt.

Die Poliomyelitis ist eine durch Polio-Viren hervorgerufene Erkrankung. Dank der Möglichkeit einer Schutzimpfung konnte die Anzahl der Erkrankungen signifikant gesenkt werden. Doch das Ziel „eine Welt ohne Polio“ wurde bislang nicht erreicht.

 

Es hat ganz plötzlich mit hohem Fieber angefangen, dann sind Nackenstarre und Atemlähmungen dazugekommen. Das kleine Mädchen kam in der Uniklinik Erlangen, in die sogenannte Eiserne Lunge. „Ich wurde tagelang beatmet, sonst wäre ich gestorben“, sagt Carola Hiedl heute über den Ausbruch der Polio. Sie war damals, 1952, drei Jahre alt. In der Bundesrepublik Deutschland wurde der erste wirksame Impfstoff gegen die Krankheit erst zehn Jahre später in Bayern verabreicht. Das war vor 50 Jahren, am 5. Februar 1962.

Nach dem Ausbruch der Krankheit konnte sich Hiedl kaum noch bewegen. „So kleine Rollstühle gab es nicht, weshalb meine Eltern mich in einem Kinderwagen rumfahren mussten“, erzählt sie.

Im Frühjahr 1957 spritzten westdeutsche Ärzte einen ersten Polio-Impfstoff, dessen Wirkung aber umstritten war. Als in der DDR 1961 die erste Schluckimpfung mit Lebend-Impfstoff eingeführt wurde, waren Experten der Bundesrepublik kritisch. Mehr noch: Die Gesundheitsbehörden waren aufgeschreckt, als sie erfuhren, dass man im Osten „waggonweise“ Bonbons mit abgeschwächten Polio-Viren verteilte.

Anfang Februar 1962 führte Bayern dann als erstes Land der Bundesrepublik den Lebend-Impfstoff ein. Mit den Worten „Der Trunk schmeckt gut“ leerte Bayerns Innenminister Alfons Goppel das Zuckerwasser mit den abgeschwächten Viren. Die deutsche Kampagne unter dem Motto „Schluckimpfung ist süß – Kinderlähmung ist grausam“ zeigte schnell Wirkung: Waren 1961 nach Angaben des Paul-Ehrlich-Institutes noch mehr als 4.600 Menschen erkrankt, waren es 1962 nur etwa 290.

In Österreich war der Impfstoff schon 1958 erhältlich und wurde von der Bevölkerung sofort angenommen. Gab es in Österreich zwischen 1946 und 1961 noch 12.620 Erkrankungs- und 1.426 Todesfälle, so erkrankten im Zeitraum 1962 bis 1980 nur mehr 37 Österreicher an Kinderlähmung, bei sechs verlief die Erkrankung tödlich, zuletzt 1973.

Die WHO startete 1988 ein Programm zur Ausrottung der Kinderlähmung. Doch das Ziel „eine Welt ohne Polio“ wurde bislang nicht erreicht. Vor allem Pakistan, Afghanistan und Nigeria bereiten den Experten Sorgen. Aus Indien wurde seit rund einem Jahr kein neuer Fall gemeldet.

Zu einzelnen Ausbrüchen in anderen Ländern kommt es aber immer noch. Schuld sind vor allem zu geringe Impfraten. So gab es laut „Ärzte ohne Grenzen“ 2010 in Tadschikistan mehrere hundert Fälle.

Der Lebend-Impfstoff wird in Deutschland seit 1998, in Österreich seit 2001 nicht mehr eingesetzt. Im Ausland ist das anders. „Für Massenimpfungen ist die Spritze schwierig“, sagt der medizinische Verantwortliche bei „Ärzte ohne Grenzen“, Sebastian Dietrich. Vor allem in Krisengebieten setze man weiter auf die Schluckimpfung. Die Vorteile: einfache Verabreichung auch bei geringem Hygienestandard vor Ort und leichtere Schulung des Personals.

Eine Therapie gibt es nicht. „Wenn wir Polio diagnostizieren, können wir nur hoffen, dass diese nicht ausbricht“, sagt Dietrich. Denn nicht jeder, der sich mit Polio infiziert, bekommt die Kinderlähmung – das hängt auch von der körpereigenen Abwehr ab.

Die ersten Symptome sind oft schwierig zuzuordnen und grippeähnlich. Nach ein paar Wochen komme es zu einem Fieberschub. „Danach folgt eine Meningitis mit Kopf-, Rücken- und Gliederschmerzen.“ Weitere Symptome in diesem Stadium: Bewusstseinseintrübung, Erbrechen, Lichtempfindlichkeit, Nackenstarre. Einige Tage später setze dann die Lähmung ein.

Carola Hiedl konnte erst ab dem Gymnasium in die Schule gehen – die Volksschule war nicht für Körperbehinderte geeignet. Dennoch schaffte sie das Abitur und studierte Psychologie. Sie appelliert an Eltern, ihre Kinder immunisieren zu lassen: „Mein Leben wäre mit Impfung ein komplett anderes gewesen.“ APA/FH

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