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Infektiologie 10. Februar 2012

Malariatherapie: Aufarbeitung sei "ein Ding der Unmöglichkeit"

Der Wiener Opferanwalt Johannes Öhlböck fordert in der Affäre um die sogenannten Malariatherapien in der Nachkriegspsychiatrie Auskunft von der Stadt Wien, an welchen Heimkindern eine solche Behandlung durchgeführt wurde. Doch das ist nicht möglich: In den Archiven lagern mehr als 180.000 Akten über damalige Heimkinder, nach Namen geordnet. Eine Aktenrecherche etwa nach Jahren sei nicht möglich.Man könne nicht alle Akten prophylaktisch ausheben und durchforsten: "Das ist ein Ding der Unmöglichkeit", unterstrich die Sprecherin der Wiener MA11 (Jugend und Familie) am Freitag.

Jedoch hätten Betroffene die Möglichkeit, Einsicht in ihre Akten zu nehmen. Sobald das Amt nämlich einen Namen hat, ist die Suche in den Archiven möglich: "Es wird geschaut, ob es alte Unterlagen gibt. Diese werden dann ausgehoben." Die Betroffenen erhalten auch eine Kopie der Unterlagen.

Tiefen der österr. Medizingeschichte

Der Strom der Opfer, die sich melden, reißt nicht ab. Es sind mittlerweile mindestens zehn", sagte der Wiener Anwalt Johannes Öhlböck . Die Angelegenheit selbst führt in die Tiefe der österreichischen Medizin-Zeitgeschichte und somit auch der Geschichte der Psychiatrie der NS- und Nachkriegszeit.

Hunderte Kinder waren betroffen

 

Die Angaben des Wiener Anwalts: "Es haben sich Betroffene gemeldet, die von solchen Therapien oder Versuchen ab 1957/1958 bis 1967/1968 berichteten. Ich komme auf rund 260 Kinder, die man dafür (als vorübergehende Träger von Plasmodium vivax, Anm.) benötigte. Ein nach eigenen Angaben Betroffener hätte berichtet, dass es sich um eine "Abkühltherapie für Pubertierende" gehandelt hätte. Darüber hinaus sei von Elektroschocktherapien ("Da hat es jemanden im Bett 'aufgestellt'", so Öhlböck), von "Niederspritzen" und "Schlaftherapien" in den Aussagen die Rede.

"Genesungsheim" Kalksburg

Aktiv in dem Bereich sei speziell der als "Adlatus" von Klinikchef Hans Hoff bezeichnete Psychiater Cornelius (in der Literatur auch "Kornelius") Kryspin-Exner in den Aussagen der Zeitzeugen genannt worden. Hier führt die Angelegenheit in die Medizin-Geschichte: Cornelius Kryspin-Exner übernahm 1969 nach dem Tod von Hoff die Leitung des Genesungsheims Kalksburg, das heutige Anton-Proksch-Institut für die Therapie von Abhängigen.

Der Spezialist für Suchtkrankheiten wechselte 1975 als Ordinarius an die Universitätsklinik nach Innsbruck als Chef der Psychiatrie, wo er Vorgesetzter der wegen der Verwendung von Epiphysan (Veterinärpräparat) ab 1980 in die Kritik gekommenen Psychiaterin Psychiaterin Maria Nowak-Vogl wurde.

NS-Vergangenheit

In der Wiener Psychatrie-Geschichte der vergangenen Jahrzehnte taucht der Name Kryspin-Exner auch im NS-Umfeld auf. Das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) führt in einer Darstellung an, dass der Psychiater bzw. Neurologe "Richard Kryspin-Exner" (eventuell auch "Wichard" genannt) unter jenen Ärzten des psychiatrischen Krankenhauses "Am Steinhof" war, die nach dem Zweiten Weltkrieg wegen Euthanasie nach dem Kriegsverbrechergesetz angezeigt worden waren. Die Anzeige wurde demnach aber 1949 zurückgelegt.

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