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Infektiologie 9. Februar 2012

"Malariatherapie" - Immer mehr Betroffene melden sich

In der Affäre um die Verabreichung von "Malariatherapien" gegen psychiatrische Erkrankungen in den 60er Jahren an der Wiener "Klinik Hoff" melden sich immer mehr Betroffene. Der Anwalt Johannes Öhlböck, der seit Mittwoch mit bereits vier ehemaligen Patienten Kontakt hat, rechnet mit rund 100 Opfern.

Menschen als "Erregerträger"

Siegfried Kasper, Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, schließt nicht aus, dass die Betroffenen damals missbräuchlich als "Erregerträger" verwendet worden seien. Die Uni-Klinik will die Sache in den nächsten Wochen aufarbeiten.

Die "Malariatherapie" sei ab den späten 1920er Jahren gegen Syphilis zum Einsatz gekommen, ihm selbst sei allerdings nicht bewusst gewesen, "dass das nach dem Zweiten Weltkrieg noch gelaufen ist". Allerdings: "Für psychiatrische Erkrankungen gab es gar keine Verwendung", so Kasper. Um Syphilis-Patienten den Malariaerreger spritzen zu können, habe man "Erregerträger" gebraucht. Es sei möglich, dass Menschen mit oder ohne ihr Wissen dafür "verwendet" wurden, sagte Kasper.

Krisenteam und Untersuchung

Ein Krisenteam sollen den Vorwürfen nachgehen. Betroffene können sich unter der Telefonnummer 01/40400-3568 melden. Kasper rechnet mit einem Untersuchungszeitraum von vier bis fünf Wochen. Ziel der Erhebungen sei es herauszufinden, ob die umstrittene Therapie zu jener Zeit noch dem damaligen Stand der Wissenschaft entsprach, ob Betroffene durch den Einsatz der Malaria-Kur biologischen oder psychischen Schaden hätten und wie man ihnen gegebenenfalls helfen könne.

Weiteres Opfer bei weißem Ring gemeldet

Beim "Weißen Ring" hat sich neben einem 63-jährigen Mann, der mit seinen Schilderungen die Geschichte ins Rollen gebracht hat, ein zweiter Betroffener aus Niederösterreich gemeldet. Beide Fälle werden bearbeitet, sagte eine Sprecherin der Opferschutzorganisation, welche die Hilfszahlungen von Missbrauchsopfern in Wiener Heimen abwickelt.

Ein von Johannes Öhlböck juristisch vertretener Mann gibt an, 1964 in dem Spital als Heimkind, das mehrfach wegen Misshandlungen ausgerissen war, mit Malaria angesteckt worden zu sein. Diese Angaben würden von einer 1963 in der "Klinik Hoff" (Universitätsklinik für Psychiatrie unter Leitung von Hans Hoff ab 1950) behandelten Frau gestützt. Diese sei von ihren Eltern, die mit der Pubertierenden nicht zurecht gekommen seien, in das Spital gebracht und der "Malariatherapie" unterzogen worden.

Schadenersatz- Anspruch

Ein zweiter Mann sei ebenfalls 1964 behandelt worden. Ein Dritter gebe an, er sei als 16-Jähriger nach "einmaligem Alkoholmissbrauch" eingeliefert worden und habe eine sechswöchige "Malariakur" durchgemacht. Alle klagen über wiederkehrende Spätfolgen.

Zum Thema Schadenersatz sagte Öhlböck, der auch zwei Frauen vertritt, die im ehemaligen Wiener Kinderheim Schloss Wilhelminenberg misshandelt worden sein sollen: "Falls es überhaupt eine positive Entscheidung gibt, dann erst in der dritten Instanz." Der Opferanwalt kritisierte heftig die Verjährungsfristen.

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