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Foto: photos.com
Die sprichwörtlich schlauen Füchse streunen immer öfter auch durch Wohnsiedlungen.
 
Infektiologie 10. Oktober 2011

Der heimliche Schrecken im Dünndarm

Fuchsbandwurm: Eine seltene, aber gravierende Krankheit. Gerade jetzt im Herbst ist wieder Vorsicht geboten.

Er ist heimtückisch und besonders gefährlich: der Fuchsbandwurm. Infizierte bemerken ihn jahrelang nicht – dann ist es oft zu spät: Viele Organe sind befallen. Schlimmer noch: der Parasit bleibt dauerhaft.

 

Herbst – die Saison für Pilzesammeln und Spaziergänge durch bunte Wälder. In dieser Jahreszeit häufen sich – ebenso wie im Frühjahr – besorgte Anfragen, ob man Gefahr laufe, sich mit Fuchsbandwürmern zu infizieren, wie Dr. Beate Grüner, Leiterin einer Spezialsprechstunde an der Uniklinik Ulm, berichtet.

Zwar gehört die durch den Fuchsbandwurm ausgelöste alveoläre Echinokokkose zu den seltenen Erkrankungen, trotzdem ist sie ein gravierendes Gesundheitsproblem, handelt es sich doch um die schwerste Parasitose der nördlichen Breiten und eine der schwersten Lebererkrankungen überhaupt.

Krankheit geht mit hoher psychischer Belastung einher

Bis vor wenigen Jahrzehnten verlief sie fast immer tödlich, selbst heute noch lassen sich trotz Therapie massive Organschäden oft nicht verhindern. Hinzu kommt für die Patienten „eine hohe psychische Belastung“, so das Robert-Koch-Institut (RKI) in einem Bulletin (15/2006), weil es bedeutet, dauerhaft mit einem großen Parasiten im Körper leben zu müssen.

In einzelnen Regionen tritt die Infektion gehäuft auf, und Fachleute äußern die Sorge, sie könnte sich in dem Maße ausbreiten, wie sich die Füchse vermehren und in Städte vorwagen.

Bei den meisten Patienten setzen sich die Larven zuerst in der Leber fest, doch greifen sie mit potenten Stammzellen leicht auf Lunge, Herz oder Zwerchfell über oder streuen via Lymphe und Blut in Milz oder gar ins Gehirn.

Dort wuchern sie mit den typischen Bläschen (Alveolen) ähnlich einem malignen Tumor. Werden der Gallengang oder Blutgefäße wie die Portalvene abgedrückt, muss man Stents einsetzen, um Cholestase, portale Hypertension und sekundäre Leberzirrhose zu verhindern.

Zehn bis 15 Jahre bis zur Diagnosefeststellung

Wie sich Menschen anstecken, ist nachträglich schwer festzustellen, da zwischen Infektion und Diagnose zehn bis 15 Jahre vergehen. Als Fehlzwischenwirte infizieren sie sich vermutlich erst, wenn sie die Eier über längere Zeit oder in größerer Menge aufnehmen und zudem anfällig sind.

Denn Reihentests zufolge haben bis zu zwei Prozent der Bevölkerung Antikörper gegen den Parasiten, hatten also Kontakt, ohne zu erkranken. Jährlich wird der Befall in Deutschland bei rund zwanzig Menschen manifest, im Median 51 Jahre alt, etwa gleich viele Männer wie Frauen.

Am höchsten sind die Raten in Süddeutschland. Bei rund 60 Prozent der Patienten war bei der Meldung ans RKI nur die Leber befallen, bei den übrigen zusätzlich andere Organe. Das Europäische Echinokokkose-Register gewährt ebenfalls einen Einblick: Von 1982 bis 2000 wurden retrospektiv 559 Patienten aus der Türkei sowie elf Ländern West- und Mitteleuropas dokumentiert.

Ist Einatmen von Staub mit Fuchskot ansteckend?

Knapp 80 Prozent hatten Symptome, bei 13 Infizierten war nicht primär die Leber befallen. Fünf Prozent der rund 400 Patienten, die im Dezember 2000 noch lebten, waren geheilt, bei 55 Prozent war die Krankheit stabil oder auf dem Rückzug.

62 Prozent hatten mit Jagd, Land- oder Forstwirtschaft zu tun, 70 Prozent hielten Hunde oder Katzen. Denkbar sei zudem, dass sich Menschen durch Einatmen von Staub mit getrocknetem Fuchskot anstecken, berichtet Grüner. Pilze stellen wohl – so wie Bärlauch, Heidel- oder Walderdbeeren – keine Gefahr dar, zumal wenn man sie erhitzt. Wer sie roh trocknet, tut gut, sie vorher gründlich zu waschen.

Symptome: Bauchschmerzen und hohe Leberwerte

Erste Symptome sind Bauchschmerzen, oder bei Routine-Checks fallen hohe Leberwerte auf. Die Diagnose erfolgt per Ultraschall und Antikörpertest; für genauere Aussagen, auch im weiteren Verlauf, eignen sich CT, MRT und PET.

Die Therapie hängt davon ab, in welchem Stadium der Befall erkannt wird. Nur bei einem Drittel der Patienten ist noch eine Operation möglich, aber selbst dann sollten sie noch für zwei Jahre Antihelminthika nehmen.

Bei einem weiteren Viertel stagniert die Krankheit, so dass sie die Tabletten zeitweise oder dauerhaft weglassen können. Den übrigen bleibt eine lebenslange hochdosierte Therapie nicht erspart, mit Albendazol oder dem älteren Mebendazol.

Dadurch ist die Lebenserwartung der Infizierten um bloß drei Jahre verkürzt, zehn Jahre nach der Diagnose leben noch 90 Prozent, wogegen früher im selben Zeitraum ebenso viele gestorben waren.

Trotzdem sind diese Benzimidazole keineswegs die ultima ratio: Indem sie den Aufbau der Mikrotubuli hemmen, drosseln sie bloß das Wachstum der Erreger und haben oft schwere Nebenwirkungen. Daher testet etwa Prof. Klaus Brehm aus Würzburg Krebsmittel auf ihre Eignung, die Signalkaskaden der Echinokokken zu blockieren.

Meister der Immunabwehr, Meister der Regeneration

Erschwert wird die Forschung dadurch, dass sie schwer zu züchten sind. Dabei sind sie hochinteressant: Die in Organen nistenden Larven – perfekte Transplantate – bilden ein potenziell unsterbliches Gewebe. Und sie sind Meister im Unterlaufen der Immunabwehr.

Daraus lassen sich Erkenntnisse schöpfen über Immunreaktionen und Allergien. Weiter sind die Würmer Meister der Regeneration: Omnipotente Stammzellen verleihen ihnen enorme Flexibilität. Das komplette Tier kann aus kleinsten Fragmenten neu entstehen, manche Stadien entwickeln sich je nach Stimulus des Wirts in verschiedene Richtungen – eine Fundgrube des Wissens über die Zelldifferenzierung.ÄZ

Kasten 1
Tipps zur Vorbeugung
Bodennah wachsende Früchte sowie Fallobst, das von Streuobstwiesen aufgelesen wurde, gründlich waschen. Das gilt auch für Obst und Gemüse, das aus Gärten oder Plantagen stammt, wie Erdbeeren.
Nur Erhitzen über 60 Grad, etwa beim Braten, Backen oder Einkochen (von Marmelade), vernichtet die Erreger. Einlegen von Früchten in Alkohol oder Tiefgefrieren gewährt dagegen keinen Schutz.
Nach Arbeiten in Garten, Feld oder Wald Hände waschen, verschmutzte Schuhe oder Kleidung nicht ins Haus bringen.
Wenn bei landwirtschaftlichen Tätigkeiten viel Staub aufgewirbelt wird, wie beim Mähen oder Heuen, möglichst einen Atemschutz tragen.
Hunde und Katzen alle sechs Wochen entwurmen. Sie können Wurmeier aber nicht nur über den Kot, sondern auch über Fell und Pfoten verschleppen.
Tot aufgefundene oder erlegte Füchse nur mit Plastikhandschuhen anfassen und für den Transport in Plastiksäcke verpacken, dabei auch Mundschutz tragen. Vorsicht bei Mäusen, den regulären Zwischenwirten!
Kasten 2
Wirtswechsel beim Fuchsbandwurm
Fuchsbandwürmer sind mit 2 bis 4 mm Länge winzig und haben meist fünf Glieder, im letzten einen sackförmigen Uterus mit bis zu 200 Eiern. Endwirte sind fleischfressende Tiere, hierzulande meist Füchse, aber auch Hunde und Katzen.
In Endemiegebieten ist jeder zweite Fuchs befallen. Die geschlechtsreifen Würmer leben bei ihnen zu Tausenden im Dünndarm und ernähren sich vom Speisebrei, ohne die Wirte wesentlich zu beeinträchtigen.
Mit der Losung scheiden die Füchse die Eier aus, die, monatelang infektiös, von den natürlichen Zwischenwirten – Nagetieren, meist Mäusen – aufgenommen werden. In deren Magen schlüpfen die Larven, bohren sich mit ihrem Hakenkranz durch die Darmwand und wandern bevorzugt in die Leber, wo sie aussprossen und Finnen mit eingestülptem Kopf bilden, was im Fehlzwischenwirt Mensch selten ist.
Die Mäuse sind durch die schleichende Organzerstörung irgendwann so geschwächt, dass sie für Füchse eine leichte Beute werden – so schließt sich der Kreis. Bei einer Entwurmung im Landkreis Starnberg – Auslegen von 11000 Praziquantel- imprägnierten Ködern im Abstand von vier Wochen – sank die Befallsrate bei Füchsen dauerhaft von 35 auf 1 Prozent.

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