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Abb.: Autor
Abb. 1: Standardeinreibeverfahren, Schritt 1

Abb. 2: Standardeinreibeverfahren, Schritt 2

Abb. 3: Standardeinreibeverfahren, Schritt 3

Abb. 4: Standardeinreibeverfahren, Schritt 4

Abb. 5: Standardeinreibeverfahren, Schritt 5

Abb. 6: Standardeinreibeverfahren, Schritt 6

Abb.: Autor

Abb. 7: Auskneten der Hände in Nährlösung

 
Infektiologie 21. April 2011

Händedesinfektion – wie lange?

1 Dipl.-Ing. Dr. Arno Sorger W.H.U. GmbH, St. Johann im Pongau

Die vollständige Verteilung ist wichtiger als die Zeit

Händedesinfektion ist bekanntlich eine wichtige Maßnahme zur Verhinderung der Übertragung von Infektionen. In den vergangenen Jahren wurde immer wieder über eine Verkürzung der Einwirkzeit diskutiert. Bei dieser Diskussion wird aber meist darauf vergessen, dass die zugrundeliegenden Modelle für eine Prüfung der Desinfektionswirkung fehlerbehaftet sind. Bei geänderten Einwirkzeiten treten diese Fehler gegenüber der reinen Desinfektionswirkung in den Vordergrund und führen zu Fehlinterpretationen. Für eine gute Händedesinfektion ist eine ordentliche Durchführung des Einreibeverfahrens wichtiger als ein Mittel, das statistisch kürzere Einwirkzeiten erlaubt.

Einleitung

Desinfektion – das bedeutet „totes oder lebendes Material in einen Zustand versetzen, dass es nicht mehr infizieren kann“ (1) – ist ein Instrument zur Unterbrechung von Infektionsketten (2). Händedesinfektion ist somit eine der wichtigsten Hygienemaßnahmen im Krankenhaus. Aus fachlicher Sicht ist zwischen zwei Arten der Händedesinfektion zu unterscheiden.

Die Hygienische Händedesinfektion richtet sich gegen Mikroorganismen, die zufällig aus der Umgebung auf die Haut gelangen (transiente Hautflora). Sie erfolgt daher als Dekontaminationsmaßnahme nach Kontamination. Es ist dabei unerheblich, ob die Kontamination aus einer bekannten Kontaminationsquelle (z. B. nach Kontakt mit Blut oder Eiter) oder einer unbekannten „diffusen“ Quelle stammt (3).

Die Chirurgische Händedesinfektion richtet sich gegen die Mikroflora auf den Händen, die sogenannte residente Hautflora. Durch die chirurgische Händedesinfektion soll die Abgabe hauteigener Bakterien von den Händen eines chirurgischen Teams für den Fall eines Handschuhrisses soweit verringert werden, dass es zu keiner Infektion kommt (3). Für längere chirurgische Eingriffe ist nicht nur die unmittelbare Reduktion von Interesse, sondern auch, ob eine mehrstündige Wirkung auf die residente Hautflora zu beobachten ist. Demgemäß wird bei der chirurgischen Händedesinfektion zwischen „Sofortwirkung“ und „Langzeitwirkung“ unterschieden.

Die (hygienische) Händedesinfektion ist von der hygienischen Händewaschung zu unterscheiden. Die hygienische Händewaschung entspricht einer normalen Händewaschung – nur mit dem Unterschied, dass die verwendete Seife eine desinfizierende Wirkung aufweist. Da die Hände nach dem Waschen „nass“ sind, wird sie auch durch „Abtrocknen“ abgeschlossen. Im Gegensatz dazu wird bei der Händedesinfektion nur das Mittel auf den Händen verteilt (eingerieben). Das Mittel trocknet auf den Händen auf.

Theoretische Grundlagen der Desinfektion

In vielen Versuchen wurde nachgewiesen, dass die Inaktivierung von Mikroorganismen einer annähernd logarithmischen Kurve folgt. Das bedeutet, dass der Faktor der innerhalb einer Zeiteinheit inaktivierten Mikroorganismen konstant ist (4). Wenn in einer Zeiteinheit durch ein Desinfektionsverfahren 99,99 Prozent (entspricht einer Reduktion der ursprünglichen Population auf 1/10.000 = Faktor 10.000) aller Mikroorganismen inaktiviert werden, so beträgt der logarithmische Reduktionsfaktor Rf 4.

Diese Regel gilt allerdings nur bei in Suspension befindlichen planktonischen Mikroorganismen.

Bei der Desinfektion ist wichtig, dass das desinfektionswirksame Agens an die jeweilige sensible Stelle der Mikroorganismen gelangt. Treten die Mikroorganismen in Zellverbänden auf, sind sie an Partikel angelagert oder durch EPS oder andere Barrieren geschützt, wird die Inaktivierung durch zusätzliche Einflussgrößen bestimmt. Die wichtigsten dieser Einflussgrößen sind die Diffusion, Kapillarkräfte (Oberflächenspannung), Verteilung (Adsorption und Desorption) und mechanischer Transport.

In der Praxis überlagern sich die vorgenannten Effekte mit dem Reduktionsfaktor. In mikrobiologisch stark belasteten Systemen kommt es zunächst zu einer Reduktion der ungeschützten Organismen – in etwa der logarithmischen Theorie folgend. Bei den geschützten Mikroorganismen wird die Desinfektionswirkung durch die oben genannten Effekte verzögert. Dies führt zu einem Abflachen der Kurve bzw. einer mehr oder weniger deutlichen Abnahme des Reduktionsfaktors bei verlängerter Einwirkzeit.

Mathematisch kann man die Reduktion daher folgendermaßen ausdrücken: Logarithmische Reduktionskurve: log(y) = log(a) – Rfx, wobei y die verbleibende Koloniezahl, a die Ausgangsbelastung, Rf den logarithmischen Reduktionsfaktor und x die (theoretische) Zeit darstellen. Umgeformt ergibt sich daraus y = 10a/(10Rfx). Bei der realen Desinfektionskurve kommt das Desinfektionsmittel durch die vorher beschriebenen Vorgänge erst später an den eigentlichen Wirkungsort und kann die Zellen daher erst später inaktivieren. Die einzelnen Einflussgrößen lassen sich formelmäßig zwar darstellen, enthalten jedoch viele unbekannte bzw. kaum bestimmbare Variablen. Auf eine genaue mathematische Darstellung wird daher verzichtet, sondern es wird nur die Summe der Wirkung dieser Faktoren betrachtet, diese lautet x = t–f(t, si), wobei t die reale Zeit darstellt und si alle weiteren Einflussgrößen.

Wirksamkeitsprüfung von Händedesinfektionsmitteln

Zur Prüfung der Desinfektionsmittel wurden mehrere Verfahren entwickelt. Neben den immer mehr in den Vordergrund tretenden Europäischen Normen (siehe dazu EN 14885 (5)) sind auch weiterhin die Prüfmethoden der DGHM (Deutsche Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie, jetzt VAH = Verband für Angewandte Hygiene) (3) verbreitet.

Sowohl bei den europäischen Prüfmethoden als auch bei den Prüfmethoden des VAH erfolgt die quantitative Bestimmung der Desinfektionswirkung zweistufig. Einem quantitativen Suspensionsversuch, folgt ein praxisnaher Versuch. Bei der Prüfmethode der DGHM/VAH sind dem quantitativen Suspensionsversuch noch eine „Bestimmung der bakteriostatischen und fungistatischen Wirkung sowie geeigneter Neutralisationsmittel“ und ein qualitativer Suspensionsversuch vorangestellt.

Im quantitativen Suspensionsversuch wird die Wirkung des Mittels gegenüber ausgewählten – repräsentativen – planktonischen Mikroorganismen unter den erschwerten Bedingungen einer organischen Belastung geprüft. Über eine Matrix verschiedener Konzentrationen des Desinfektionsmittels und Einwirkzeiten kann der wirksame Bereich vom unwirksamen Bereich unterschieden werden.

Ein Desinfektionserfolg ist – streng genommen – immer unter Berücksichtigung der Ausgangsbelastung zu sehen. In der Praxis wurden für ausgewählte repräsentative Mikroorganismen Mindestreduktionsfaktoren festgelegt, die für den Nachweis einer Desinfektionswirkung erreicht werden müssen. Im Suspensionsversuch folgt die Inaktivierung der Mikroorganismen relativ gut der theoretischen logarithmischen Kurve.

Zusätzlich zu den Suspensionsversuchen werden „praxisnahe“ Versuche mit Probanden durchgeführt. Der praxisnahe Versuch für die hygienische Händedesinfektion ist in der ÖNORM EN 1500 (7) beschrieben. Der praxisnahe Versuch für die chirurgische Händedesinfektion findet sich in der ÖNORM EN 12791 (8). Vergleichbare Versuche finden sich auch in den Standardmethoden der DGHM/VAH.

Bei der hygienischen Händedesinfektion nach EN 1500 werden die Hände von Probanden (15 Personen) zunächst mit einer E. coli-Suspension kontaminiert. Anschließend werden die Hände desinfiziert, wobei das sogenannte Standardeinreibeverfahren (Abb. 1–6) angewendet wird. Vor und nach der Desinfektion wird die Anzahl der an den Fingerspitzen vorhandenen E. coli durch „Auskneten“ in Nährlösung bestimmt (Abb. 7). Die Differenz der logarithmierten Ergebnisse ergibt den „Reduktionsfaktor“. Dieser Versuch wird von den Probanden zweimal durchgeführt. Einmal mit dem zu prüfenden Mittel und einmal mit einem festgelegten Referenzprodukt. Bewertet werden nicht die absoluten Reduktionsfaktoren, sondern nur die Differenzen der jeweils gegenübergestellten Reduktionsfaktoren.

Im Versuch nach EN 12791 – für die chirurgische Händedesinfektion – werden die Hände der Probanden (20 Personen) nicht kontaminiert, sondern es wird zunächst die transiente Hautflora entfernt. Anschließend werden die Hände mit dem jeweiligen zu prüfenden Mittel desinfiziert. Wie bei der EN 1500 werden vor und nach der Desinfektion die Keimzahlen durch Auskneten der Fingerspitzen bestimmt. Auch hier wird ein Reduktionsfaktor bestimmt und die Bewertung erfolgt durch Differenzbildung der Reduktionsfaktoren des Testproduktes und des Referenzproduktes.

Die abschließende Feststellung, ob ein Produkt geeignet ist, erfolgt durch einen statistischen Test, mit dem belegt wird, ob das Testprodukt signifikant schlechter abschneidet als das Referenzprodukt – dann ist es nicht geeignet. Nur bei der Feststellung einer „Langzeitwirkung“ der chirurgischen Händedesinfektion muss das Testprodukt signifikant besser abschneiden als die Referenz.

Die Methoden weisen zwar gewisse systematische Fehler auf (z. B. wird durch das „Auskneten“ der Fingerspitzen ein systematischer Fehler zwischen 0,2–0,6 log-Stufen verursacht), sind jedoch aufgrund ihres Designs robust gegenüber Fehlbewertungen und haben sich in den vergangenen Jahren gut bewährt. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass all die oben genannten Methoden zur Bestimmung eines Reduktionsfaktors und nicht zur Bestimmung eines D-Wertes (Zeit, innerhalb der die Mikroorganismenpopulation auf ein Zehntel reduziert wird) verwendet werden bzw. verwendet werden können.

Verkürzung der Einwirkzeit

In den vergangenen Jahren wurde die erforderliche Einwirkzeit für die Händedesinfektion verkürzt. Bei der hygienischen Händedesinfektion von 60 Sekunden auf 30 Sekunden, es werden aber auch schon Zeiten von 20 Sekunden bzw. 15 Sekunden genannt. Bei der Chirurgischen Händedesinfektion wurde die Zeit von fünf Minuten zunächst auf drei Minuten verkürzt, aber auch hier werden schon Mittel mit 90 Sekunden oder 60 Sekunden Einwirkzeit genannt.

Als Begründung für die Verkürzung wurden die oben angeführten Prüfmethoden herangezogen. Es wurde in vielen Versuchen belegt, dass mit vielen Produkten eine 15 Sekunden hygienische Händedesinfektion keinen signifikanten Unterschied zu einer 60 Sekunden dauernden hygienischen Händedesinfektion mit dem Referenzprodukt aufweist.

Rein rechnerisch scheint alles in Ordnung. Der Fehler liegt in der Annahme der logarithmischen Inaktivierungskurve. Wenn man bei einem Desinfektionsmittel, das den Test nach EN 1500 binnen 15 Sekunden bestanden hat, die Reduktionsfaktoren des Ergebnisses nach 15 Sekunden Desinfektionszeit, nach 30 Sekunden Desinfektionszeit und nach 60 Sekunden Desinfektionszeit betrachtet, stellt man fest, dass diese innerhalb einer log-Stufe liegen. In den ersten 15 Sekunden wird aber in der Regel ein mittlerer Reduktionsfaktor von mehr als 3 log-Stufen (in der Praxis meist zischen 3,5 und 4,5 log) erreicht. Gemäß der oben angeführten Theorie der Inaktivierung müsste nach 30 Sekunden eine Reduktion von 6 log-Stufen erreicht werden – in der Praxis liegt man nur unwesentlich über dem Reduktionsfaktor nach 15 Sekunden (zwischen 4,5 und 5 log-Stufen). Die geringen Differenzen der mittleren Reduktionsfaktoren erschwert – unter Berücksichtigung von Streuungen um mehr als eine log-Stufe – das Feststellen einer signifikanten Differenz.

Der Vollständigkeit halber muss an dieser Stelle auch angeführt werden, dass Inaktivierungen um mehr als die Ausgangskeimzahl methodisch nicht erfassbar sind, da es, wenn keine Keime rückgewinnbar sind, aus rechentechnischen Gründen erforderlich ist, dies mit logarithmisch 0 (= 1 Keim) gleichzusetzen. Die Auswertetabellen von derartigen Versuchen zeigen aber, dass nur einzelne Probanden eine vollständige Inaktivierung aller Testkeime erreichen und dieser Effekt daher nur von untergeordneter Bedeutung ist. Nach 15 Sekunden hat man daher den Bereich der logarithmischen Inaktivierungskurve bereits verlassen. Dies zeigt auch ein Vergleich mit den Suspensionsversuchen. Händedesinfektionsmittel zeigen im Suspensionsversuch oft schon nach fünf Sekunden eine Reduktion von mehr als 5 log-Stufen.

Zusätzlich ist zu berücksichtigen, dass ein Desinfektionsmittel erst praktisch wirken kann, wenn es an seinen Einsatzort gelangt ist – sprich: die Hand vollständig benetzt hat. Ein wesentlicher Aspekt der Händedesinfektion ist daher auch die Verteilung des Desinfektionsmittels auf den Händen. In der Praxis ist es kaum möglich, die kompletten sechs Schritte der Händedesinfektion, wie sie in der EN 1500 oder EN 12791 genannt sind, in weniger als fünf Sekunden durchzuführen. Das bedeutet, dass zumindest in den ersten fünf bis zehn Sekunden einer Desinfektion die Verteilung des Mittels auf den Händen einen größeren Einfluss hat als die chemische Desinfektionswirkung des Mittels. Als interessanter Nebenaspekt tritt auf, dass auch die Verteilung des Desinfektionsmittels annähernd einer logarithmischen Kurve folgt. Für die Praxis bedeutet dies, dass die logarithmische Betrachtung der Inaktivierung der Mikroorganismen auf den Händen bis kurz nach der vollständigen Benetzung der Hände rechentechnisch gerechtfertigt ist.

Da die mechanische Wirkung wesentlich effizienter ist als die anderen Einflussgrößen, kann die Verzögerung der Desinfektion durch entsprechende Mechanik möglichst gering gehalten werden. Daher ist das Einreibeverfahren konsequent über die gesamte Desinfektionsdauer – auch nach der vollständigen Benetzung – durchzuführen.

Bei der chirurgischen Händedesinfektion tritt der Effekt der logarithmischen Desinfektionswirkung noch weiter zurück. Das gleiche Produkt wird dort wesentlich länger eingesetzt. Trotzdem sind die Reduktionsfaktoren bei der chirurgischen Händedesinfektion niedriger (typische Reduktionsfaktoren liegen zwischen 2 log und 3 log nach 3 Minuten und zwischen 1,8 log und 2,5 log nach 90 Sekunden. Siehe dazu auch (9)). Dies liegt einerseits an der deutlich niedrigeren Ausgangskeimzahl (3,5 log – 4,5 log), andererseits sind die Mikroorganismen durch Hautfalten, Hautschuppen, Fett, Schweiß etc. geschützt und liegen auch nicht planktonisch vor (die Vermehrung selbst erfolgt in den obersten Schichten des Stratum corneum). In der Praxis gibt es hier also überhaupt keine logarithmische Inaktivierung.

Aufgrund der Vielzahl der Effekte mit kaum bezifferbaren Einflussgrößen ist aber ein allgemein gültiges Rechenmodell, das der realen Desinfektionswirkung auf den Händen besser entspricht, praktisch nicht realisierbar. Die Konsequenz daraus ist das in den beiden genormten Prüfmethoden erhaltene Auswerteverfahren. Die Bewertung eines Produktes erfolgt nur über einen paarweisen Vergleich von einem Mittel zu einem Referenzprodukt.

Sind kürzere Zeiten bei der Händedesinfektion gerechtfertigt?

Wie die Prüfergebnisse nach Prüfungen gemäß EN 1500 zeigen, darf man nicht davon ausgehen, dass nach einer Händedesinfektion die Hände „keimfrei“ sind. Je länger aber die Desinfektion, desto weniger Keime sind auf der Haut nachweisbar. Dies gilt auch, wenn die Desinfektionswirkung nicht mehr den logarithmischen Gesetzen folgt. Längere Desinfektion gibt daher höhere Sicherheit. Wie bei vielen Sicherheitsaspekten sind aber auch praktische und wirtschaftliche Gegebenheiten zu berücksichtigen.

Es darf auch nicht vergessen werden, dass die Prüfungen gemäß EN 1500 bzw. EN 12791 nur „praxisnahe“ sind. Es handelt sich nur um einen standardisierten Versuchsaufbau (die Prüfung gemäß EN 12791 ist zwar näher an der Praxis, weist jedoch mehr systematische Fehler auf). Das Desinfektionsverfahren in der Praxis entspricht nicht unbedingt dem geprüften Verfahren (siehe dazu unten stehende Beispiel).

Die Prüfung nach EN 1500 vergleicht zwei Reduktionsfaktoren. Werden zwei Produkte mit identischem Verfahren (unter Konstanthaltung der Variablen „Hände“, „Menge“ und „Zeit“) getestet, so kann damit auch gut bewertet werden, ob die beiden Produkte in ihrer Wirkung gleichwertig sind. Die mathematisch-systematischen Fehler treten dabei in den Hintergrund.

Formal kann diese Vorgangsweise auch gewählt werden, wenn Desinfektionsverfahren (mit unterschiedlichen Variablen „Hände“, „Menge“ und „Zeit“) miteinander verglichen werden. Das Ergebnis kann sich dann aber ausschließlich auf das Desinfektionsverfahren beziehen. Da das reale Desinfektionsverfahren sich aber vom Prüfverfahren unterscheidet, ist ein Schluss auf das reale Verfahren in diesem Fall nicht zulässig. Bei unterschiedlicher Einwirkzeit tritt die logarithmische Desinfektionswirkung in den Hintergrund – dies führt zu geringerer Trennschärfe. Bei unterschiedlicher Menge tritt die Verteilung des Mittels gegenüber der Desinfektionswirkung in den Vordergrund.

Bei der EN 1500 könnte überlegt werden, die Prüf-Einwirkzeit zu verkürzen. Dies betrifft insbesondere das Referenzprodukt, da mathematisch aussagekräftige Resultate sich im logarithmischen Bereich der Benetzung („es darf noch keine vollständige Benetzung erfolgt sein“) bewegen müssten. Nach der vollständigen Benetzung folgen die Reduktionen nicht mehr logarithmischen Gesetzmäßigkeiten. Die derzeitigen langen Desinfektionszeiten des Referenzproduktes suggerieren, dass das Testprodukt „besser“ sei als die Referenz. Es ist zu beachten, dass auch beim Referenzprodukt die logarithmische Desinfektion bereits abgeschlossen ist. Bei einer gemeinsamen Prüfzeit von Referenzprodukt und Prüfprodukt von 15 Sekunden oder 20 Sekunden – in Verbindung mit gut geschulten Probanden (zur Reduktion des Einflusses der Verteilung des Mittels auf den Händen) – würden systematische Fehler minimiert.

Diese kurze Prüfzeit sollte aber nicht als reale Einwirkzeit angewendet werden, sondern nur für korrektere Berechnung und bessere Vergleichbarkeit sorgen. Eine Verkürzung der momentan üblichen Einwirkzeit von 30 Sekunden erscheint nicht sinnvoll, da davon ausgegangen werden kann, dass für eine vollständige Benetzung bei einem üblichen Händedesinfektionsvorgang – dies ist in der Praxis das entscheidende Kriterium – eine entsprechende Zeit erforderlich ist.

Hierzu noch ein Beispiel für eine (übliche) hygienische Händedesinfektion im Krankenhaus- und Pflegebereich: Neben der Türe ist ein Desinfektionsmittelspender angebracht. Beim Betreten (oder auch Verlassen) des Raumes wird eine Portion aus dem Spender entnommen. Wenn diese Portion subjektiv zu gering ist, werden mehrere Portionen unmittelbar hintereinander entnommen. Die nachfolgende Desinfektion erfolgt – je nach Ausbildungsstandard des Personals – unter Beachtung oder auch nur teilweiser Beachtung der Schritte des Standardeinreibeverfahrens. Desinfiziert wird solange, bis die Hände soweit angetrocknet sind, dass weitergearbeitet werden kann. Sind die Hände zu lange feucht, werden sie abgewischt (an der Kleidung etc.; damit erfolgt bereits wieder eine Rekontamination).

Auf Basis dieses Beispiels könnte man über eine praxisnähere Auslobung nachdenken. Formulierung und Abgabe (Menge aus Desinfektionsmittelspender) eines Händedesinfektionsmittels sollten so gewählt sein, dass bei üblicher geschulter Desinfektion bis zur „Trockene“ eine ausreichende Desinfektionswirkung gegeben ist – ohne Beachtung einer Einwirkzeit. Die Auslobung könnte daher weg von „Einwirkzeit“ in Richtung „ausreichend mit Desinfektionsmittel benetzen und bis zur Trockene verreiben“ gehen.

Die erhaltenen Reduktionsfaktoren für die Prüfung von Produkten für die chirurgische Händedesinfektion stimmen nicht mit dem mathematischen Modell einer logarithmischen Desinfektion überein. Die Methode sollte daher nur zum unmittelbaren Vergleich von Desinfektionsmittel nverwendet werden. Da die mit der EN 12791 bestimmten Desinfektionseffekte mit zunehmender Einwirkzeit deutlich geringer werden, sind alle sich – rein mathematisch ergebenden – Schlüsse bei unterschiedlichen Desinfektionsverfahren zu hinterfragen. Es wird darauf hingewiesen, dass die der Bewertung zugrunde liegende Statistik – obwohl sie „parameterfrei“ ist – gewisse Grundvoraussetzungen benötigt. Eine der Grundvoraussetzungen ist die symmetrische Verteilung (10). Es zeigt sich, dass gerade bei unterschiedlichen Einwirkzeiten diese symmetrische Verteilung nicht mehr gewährleistet ist.

Aus den oben genannten Gründen wird auch vor der Verwendung absoluter Zahlen (absolute Reduktionsfaktoren, Differenzen von Reduktionsfaktoren) – sei es als Werbeinstrument, sei es aber auch in Berechnungen – gewarnt.

Schlussbemerkung

Zuletzt soll auch noch darauf hingewiesen werden, dass die meisten handelsüblichen Händedesinfektionspräparate eine gute bakterizide und levurozide Wirkung aufweisen. Es gibt auch Präparate am Markt, die eine gute viruzide Wirkung aufweisen, diese sind jedoch teurer und führen zu einer stärkeren Belastung der Haut – außerdem benötigen sie eventuell – je nach Virenstamm – längere Einwirkzeiten. Diese Präparate werden dadurch meist nicht flächendeckend eingesetzt. Gleiches gilt für fungizide Wirkungen. Die derzeit üblichen alkoholischen Händedesinfektionsmittel weisen auch keine sporozide Wirkung auf. Händedesinfektion als alleinige Maßnahme der Händehygiene ist daher nicht ausreichend. Richtige Händehygiene beinhaltet daher immer auch eine ausreichende Reinigung der Hände und den Gebrauch von Handschuhen.

Korrespondenz: Dipl.-Ing. Dr. Arno Sorger W.H.U. GmbH Hans-Kappacher-Straße 9 5600 St. Johann im Pongau

1 Deutsches Arzneibuch (2006) Herausgegeben vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Berlin

2 Assadian O, Kramer A (2008) Desinfektion unbelebter Materialien. In Kramer, A., Assadian, O.: Wallhäusers Praxis der Sterilisation, Desinfektion, Antiseptik und Konservierung. Thieme, Stuttgart

3 Rotter ML (2008) Desinfektion der Hände. In Kramer, A., Assadian, O.: Wallhäusers Praxis der Sterilisation, Desinfektion, Antiseptik und Konservierung. Thieme, Stuttgart

4 Machmerth RM (2008) Grundlagen der Abtötung von Mikroorganismen. In Kramer, A., Assadian, O.: Wallhäusers Praxis der Sterilisation, Desinfektion, Antiseptik und Konservierung. Thieme, Stuttgart

5 ÖNORM EN 14885:2007 01 01 (2007) Chemische Desinfektionsmittel und Antiseptika - Anwendung Europäischer Normen für chemische Desinfektionsmittel und Antiseptika

6 Gebl J et al. (2001) Standardmethoden der DGHM zur Prüfung chemischer Desinfektionsverfahren. mhp, Wiebaden

7 ÖNORM EN 1500:1998 02 01 (1998) Chemische Desinfektionsmittel und Antiseptika – Hygienische Händedesinfektion – Prüfverfahren und Anforderungen (Phase 2/Stufe2)

8 ÖNORM EN 12791:2005 10 01 (2005) Chemische Desinfektionsmittel und Antiseptika - Chirurgische Händedesinfektionsmittel - Prüfverfahren und Anforderungen (Phase 2/Stufe 2)

9 Suchomel M (2009) Chemical disinfectants and antiseptics: Evaluation of the European test method EN 12791 of determining the antimicrobial efficacy of products for surgical hand disinfection. Dissertation. Universität für Bodenkultur, Wien

10 Siegel S (2001) Nichtparametrische statistische Methoden – Eschborn b. Frankfurt a. M.: Verlag Dietmar Klotz

Kompetenzstelle für Wasser, Hygiene und Umwelt
Die W.H.U. GmbH – Kompetenzstelle für Wasser, Hygiene und Umwelt – ist als Prüf- und Inspektionsstelle vom BMWFJ akkreditiert. Der Aufgabenbereich umfasst die Prüfung und Bewertung von Wasser (z. B. Trinkwasser, Badewasser, Wasser in Hausinstallationen – „Legionellen“, Wasser in Gesundheitseinrichtungen, Prozesswasser), die Prüfung von Desinfektionsmitteln, die Prüfung von Reinigung und Desinfektion in Gesundheitseinrichtungen, Hotellerie und Industrie, die Prüfung von Medizinprodukten im Hinblick auf ihren hygienischen Einsatz und ihre Aufbereitbarkeit, die Prüfung von Geräten zur Reinigung, Desinfektion und Sterilisation (Geschirr, Textilien, Medizinprodukte) sowie allgemeine Hygieneinspektionen.
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