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Fotos (2): isw-tbe.info
In hochendemischen Gebieten ist das Risiko einer FSME-Erkrankung durchaus mit dem Typhusrisiko in Indien vergleichbar.
 
Infektiologie 3. März 2009

Winzling mit Biss

Die Zecken-Regionen in Europa breiten sich aus und erreichen bislang ungeahnte See-Höhen. Experten warnen davor, die Gefahr zu verharmlosen.

„Hier ist das Biest“ – Sozialmediziner Prof. Dr. Michael Kunze weist auf Ixodes Ricinus. Und fährt fort: „Hier ist die Lösung: die Impfung.“ Experten der Internationalen FSME-Arbeitsgruppe sehen einstimmig in der Zeckenimpfung den einzig wirksamen Schutz gegen FSME.

 

FSME ist aktuell in 16 europäischen Ländern (neben Österreich, Deutschland und der Schweiz unter anderem in Russland, Ungarn, Polen und Lettland) meldepflichtig. Seit 1990 sind fast 158.000 Fälle von FSME-Infektionen dokumentiert worden, was einer Erfassungsrate von rund 8.750 Fällen pro Jahr entspricht.

Geimpftes Österreich

Österreich nimmt, was die Durchimpfungsrate angeht, einen europäischen Spitzenplatz ein: Weit über 80 Prozent der Bevölkerung sind FSME-geimpft. Zum Vergleich: In der Tschechischen Republik mit einem vergleichbaren FSME-Risiko sind nur zehn Prozent der Bevölkerung geimpft. Mit Auswirkungen: Während in Österreich im Jahr 2006 rund 100 FSME-Fälle verzeichnet wurden, lag die Vergleichszahl in Tschechien bei über 1.000 Fällen. Durch die hohe Durchimpfungsrate konnte somit, obwohl in Österreich ein hohes FSME-Risiko besteht, die Zahl der Opfer von 677 Fällen im Jahr 1979 auf 86 Fälle im Jahr 2008 reduziert werden.

Interessanterweise haben Männer gegenüber Frauen ein erhöhtes FSME-Risiko, wofür sich als Erklärung das häufig stärker exponierte Freizeitverhalten anbietet. Dabei ist FSME keinesfalls zu verharmlosen, da – sobald die Krankheit ausgebrochen ist – keine Beeinflussung des klinischen Verlaufs möglich ist. FSME als Erkrankung des zentralen Nervensystems verursacht bei 35 bis 58 Prozent der Betroffenen bleibende Schäden, die zu schweren neurologischen und neuropsychiatrischen Folgen (u.a. Gedächtnisstörungen, Ataxie, Tremor, Dysphagie etc.) führen können, wie Prim. Dr. Ulf Baumhackl, Landesklinikum St. Pölten, ausführte. Die FSME-Todesrate liegt bei annähernd zwei Prozent. Worauf Prof. Dr. Jochen Süss (Friedrich-Löffler-Institut Jena) hinwies: „Das Auf und Ab bei den jährlichen Erkrankungszahlen ist typisch für FSME.“

Zecken-Wanderung

Bedingt durch klimatische, mikroklimatische, soziale Faktoren etc. haben Zecken in den letzten Jahren neue Regionen „erschlossen“: So gab es im vergangenen Jahr in Tirol österreichweit die höchste Zahl an FSME-Fällen, bedingt durch die Zecken-Ausdehnung im gesamten Inntal. Auch das bis dato mehr oder weniger zeckenfreie Salzach-Tal ist zu einer Zecken-Region geworden. Somit ist gleichfalls die alte Meinung zu korrigieren, dass Zecken nur bis zu einer bestimmten Höhe vorkämen.

Kurios war der Fall in Vorarlberg, wo durch den Verzehr eines Käses mit Ziegenmilch bei vier Personen FSME ausgebrochen ist. Die medienwirksame Erkrankung spielte sich außerhalb eines bekannten Zeckengebietes auf einer Höhe von über 1.500 Metern ab und konnte von Prof. Dr. Franz X. Heinz, Institut für Virologie der Medizinischen Universität Wien, durch sorgfältigste Untersuchung rekonstruiert werden: Infolge des Verzehrs eines Käses mit Ziegenmilch, die von einer FSME-infizierten Ziege (namens Bianca) stammte und die sich auf einer der Weiden infiziert haben musste, wurden sechs von insgesamt sieben Personen mit dem FSME-Virus infiziert. Vier mussten mit FSME-Erkrankung stationär betreut werden – jene vier, bei denen die Krankheit ausgebrochen ist, waren nicht FSME-geimpft.

Risiko durch Mobilität

Die Experten der International Scientific Working Group on Tick-Borne Encephalitis (ISW-TBE) raten infolge der erhöhten Mobilität in Urlaub und Beruf, das Zecken-Risiko nicht herunterzuspielen: In hoch-endemischen Gebieten, vorwiegend in Zentraleuropa, sei das Risiko einer FSME-Erkrankung durchaus vergleichbar mit dem Typhus-Risiko in Indien. Während man allerdings jedem Indien-Reisenden eine Typhus-Impfung nahe lege, würde auf eine FSME-Impfung nur selten hingewiesen, so DDr. Martin Haditsch, Institut für Hygiene, Mikrobiologie und Tropenmedizin, Krankenhaus der Elisabethinen in Linz.

 

Quelle: Internationaler Presse-Workshop anlässlich des 11. Jahresmeeting des ISW-TBE (International Scientific Working Group on Tick-borne encephalitis), 29. Jänner 2009, Wien

Fotos (2): isw-tbe.info

In hochendemischen Gebieten ist das Risiko einer FSME-Erkrankung durchaus mit dem Typhusrisiko in Indien vergleichbar.

Foto: Alex Dobias

Mit gutem Vorbild voran: DDr. Haditsch impft Prof. Dr. Süss.

Foto: Privat

Prof. Dr. Franz X. Heinz Institut für Virologie der MedUni Wien

Foto: Privat

DDr. Martin Haditsch Institut für Hygiene, Mikrobiologie und Tropenmedizin, Krankenhaus der Elisabethinen in Linz

Von Mag. Peter Bernthaler, Ärzte Woche

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