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Foto: wikipedia/Bresson Thomas / Ärzte-Woche-Montage
Erst 1982 isolierte der Bakteriologe Willy Burgdorf aus dem Darm einer Zecke Borrelien. Sie gehören der Gruppe der Spirochäten an und sind mit dem Erreger der Syphilis verwandt.
 
Infektiologie 23. November 2010

Schwierige Diagnose der Lyme-Borreliose

Versteckspiel von Antikörpern und Symptomen: Nicht jedes positive Testergebnis bedeutet tatsächlich eine Erkrankung.

An der ICLB 2010 (12th International Conference on Lyme Borreliosis and other Tick-Borne Diseases), die im September in Ljubljana, Slowenien, stattfand, informierten Prof. Dr. Gerold Stanek und Prof. Dr. Elisabeth Aberer über den Stellenwert von vorbeugenden Behandlungen: Nicht jeder positive Borrelientest bedeutet auch eine Erkrankung.

 

In den Siebzigerjahren litten in der waldreichen Gegend rund um das Städtchen Lyme im Bundesstaat Connecticut, USA, besonders viele Kinder an Gelenksentzündungen. Auch andere schwere entzündliche Krankheiten, deren Ursachen nicht nachweisbar waren, traten vermehrt auf. Erst 1982 isolierte der Bakteriologe Willy Burgdorf aus dem Darm einer Zecke den Erreger, die Borrelien, die der Gruppe der Spirochäten angehören und mit dem Erreger der Syphilis verwandt sind.

Der Schluss lag nahe, dass auch in den waldreichen Gebieten von Österreich Borrelien die Ursache von bisher ungeklärten Entzündungen sein könnten, die bis zu Arthritisschüben, Nervenlähmungen und Herzrhythmusstörungen führen können.

Prof. Dr. Gerold Stanek vom Institut für Hygiene der MedUni Wien zählt zu den Pionieren der Borrelienforschung, und er leitete auch den internationalen Kongress in Ljubljana, der neue Leitlinien für Diagnose und Therapie erbrachte. „Etwa jede vierte Zecke in Österreich überträgt beim Blutsaugen Borrelien. Pro Jahr kommt es etwa zu 50.000 Erkrankungen. Doch nicht jeder Zeckenbiss muss zu einer Erkrankung führen und auch nicht jeder positive Borrelientest bedeutet eine Erkrankung“, erklärte Stanek das listige Spiel dieser Bakterien. Das belegt auch eine Studie, die Stanek mithilfe des burgenländischen Jagdverbandes durchgeführt hat. Obwohl die Tests, je nach Alter, bei 50 Prozent der 50-Jährigen und bei 70 Prozent der über 70-Jährigen positiv waren, gaben nur sehr wenige gesundheitliche Beschwerden an. Von einer vorbeugenden Behandlung hält Stanek deshalb nichts. „Die Antikörper sind Anzeichen der eigenen Abwehr. Wenn eine Hautrötung, das Erythema migrans, auftritt, ist es noch früh genug, mit einer Behandlung zu beginnen.“

Erythema migrans

Die Borreliose-Expertin Prof. Dr. Elisabeth Aberer, MedUni Graz, bestätigte ebenfalls, dass positive Tests leicht auf eine falsche Spur führen können. „Aber bei der Persistenz eines rötlich verfärbten Flecks länger als eine Woche nach einem Stich kann eine Lyme-Borreliose nicht ausgeschlossen werden und es sollte eine Sicherheitstherapie durchgeführt werden.“

Aberer gab in Ljubljana einen Überblick über die Differenzialdiagnose: Es gibt heterogene Formen des Erythema migrans – homogene, anuläre, zentral livid verfärbte und auch vesikulöse Formen. Wichtig ist, die Ausbreitung des Herdes in die Peripherie und die Farbe zu beobachten – außen hellrot deutet auf eine Ausbreitung hin. Differenzialdiagnostisch muss anfangs an eine unspezifische Arthropodenreaktion gedacht werden, die sich innerhalb einer Woche zurückbildet. Auch eine beginnende zirkumskripte Sklerodermie kann ähnlich aussehen, bei deutlich anulärem Charakter auch ein Granuloma anulare.

Borrelien-Lymphozytom

Das Borrelien-Lymphozytom erscheint als ein roter bis blauroter Knoten an der Helix, der Mamilla, am Scrotum oder auch an anderen Körperstellen. Bei klinisch eindeutiger Diagnose sollte man bei Kindern sofort eine Therapie, auch bei negativer Serologie, durchführen. Bei Erwachsenen empfiehlt sich die Entnahme einer Hautbiopsie und eine serologische Bestätigung der Vermutungsdiagnose. Differenzialdiagnostisch muss ein Mammakarzinom und ein malignes Lymphom vor allem bei der Lokalisation an der Brust ausgeschlossen werden.

Acrodermatitis chronica atrophicans

Die Acrodermatitis chronica atrophicans beginnt unscheinbar, später bilden sich polsterförmige Schwellungen mit Hautatrophien und derben Knoten. Die Diagnose beruht auf dem klinischen Befund, dem Ergebnis der Hautbiopsie und den obligat positiven Borrelien-IgG-Antikörpern. Bei fibroiden Knoten in Gelenksnähe, an Ulnar- und Tibiakanten muss auch an Rheumaknoten und Calcinosis cutis gedacht werden.

Symptome gut behandelbar

Die kutane Lyme-Borreliose spricht auf eine antibiotische Therapie mit Penicillinen, Tetracyclinen, Cephalosporinen der dritten Generation wie Ceftriaxon und Cefuroximaxetil und auch Azithromycin gut an. Manchmal erfolgt die Abheilung allerdings zögernd, sodass eine Zweittherapie mit anderen Antibiotika zu empfehlen ist.

Die Therapiedauer beträgt zwei Wochen bei unkomplizierten Fällen, drei Wochen bei Allgemeinbeschwerden, die bei etwa einem Drittel der Patienten auftreten. Das Borrelien-Lymphozytom sollte über drei Wochen, die Acrodermatitis chronica atrophicans über vier Wochen behandelt werden. Die beiden letztgenannten Erkrankungen zeigen eine langsame Abheilung, beim Borrelien-Lymphozytom über Wochen, bei der Acrodermatitis über Monate.

Nach einer Antibiotika-Therapie fallen die Antikörper nur langsam ab. Eine Persistenz von IgG- und IgM-Antikörpern wurde auch bei völliger Beschwerdefreiheit der Patienten beschrieben. Die Tricks der Antikörper täuschen weiter: Im Laufe von Monaten und Jahren können sie schwanken, einmal negativ, einmal positiv sein, ohne dass dabei klinische Symptome auftreten müssen.

 

Stanek, G. et al.: Lyme borreliosis: Clinical case definitions for diagnosis and management in Europe. Clin Microbiol Infect. 2010 Feb 2. [Epub ahead of print]PMID: 20132258; doi: 10.1111/j.1469-0691.2010.03175.x

Von Dr. Gerta Niebauer, Ärzte Woche 47 /2010

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