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Infektiologie 25. August 2010

"Megagau Mainz“: Erste Ergebnisse heute erwartet

Elf Säuglinge bekamen vergangenes Wochenende eine mit Darmbakterien verunreinigte Nährlösung. Drei Frühchen überlebten nicht. Das erschreckende Detail: Ein Katastrophe, die fast überall möglich gewesen wäre.

"Ein absoluter Megagau, ein furchtbarer", so kommentierte Arnold Pollack, Vorstand der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde des AKH Wien, in einer ersten Stellungnahme in der Zeit im Bild den tragischen Vorfall an der Mainzer Uniklinik. So wie er, wissen viele: Der "Megagau" hätte fast überall passieren können.

Zum Einen, weil die Kultivierung der Rückstellproben einfach seine Zeit braucht. Bis Ergebnisse da sind, ist das Schlimmste bereits geschehen. Zum Anderen, weil in vielen Kliniken die Lösungen nicht vollautomatisiert hergestellt werden. Das Wiener AKH zum Beispiel, mischt diese direkt auf der Station. In Mainz ist dafür die Klinikapotheke zuständig.

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Foto: PhotoDisc

Verunreinigung in der Klinik vermutet

Die Verunreinigung sei vermutlich über die Schläuche einer Mischapparatur in die Infusionen gelangt, sagte der leitende Oberstaatsanwalt Klaus-Peter Mieth in einer ersten Stellungnahme. "Das ist der einzige Teil, mit dem die Mitarbeiter in Kontakt kommen. Der Rest läuft vollautomatisch und steril." Und weiter: "Wir gehen davon aus, dass die Verunreinigung in der Klinik stattgefunden hat."

Mikrobiologische Untersuchung noch ausständig

Eine Verkeimung der Grundlösungen schloss Mieth bereits aus. Die Produkte, die die Klinik von verschiedenen Herstellern beziehe, seien bereits Anfang März geliefert worden. "Wären sie verunreinigt, hätte es längst Meldungen aus anderen Kliniken geben müssen." Die Ermittlungen konzentrierten sich deshalb auch auf die Uniklinik und dort speziell auf die Apotheke, so Mieth. "Wenn allerdings doch die Grundkomponenten verunreinigt waren, ist die Uniklinik raus." Dafür müsse man nun aber auf die Ergebnisse der mikrobiologischen Untersuchungen warten.

Als "unwahrscheinlich“ bezeichnete auch Arnold Pollack vom Wiener AKH die Möglichkeit der Verschmutzung durch die externen Hersteller. Auch er äußerte gegenüber der APA die Vermutung, dass es sich nur um eine Verkettung unglücklicher Zustände handeln kann: "Es muss wohl an einer Zentralstelle gelegen sein, wo menschliches Versagen passieren kann."

Eine 18-köpfige Sonderkommission hat bereits vergangenen Sonntag die Arbeit aufgenommen. Ermittelt wird laut Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung. Im ersten Fall drohen bis zu fünf Jahre Haft.

Die Hintergründe

Die Keimbelastung in den Infusionen, mit denen insgesamt elf Kinder Freitag Abend versorgt worden waren, sei am späten Samstagvormittag entdeckt worden, sagte Staatsanwalt Mieth. Routinemäßig würden in der Klinikapotheke von den Infusionen Rückstellproben kultiviert. Die Ärzte hätten nach dem Fund sofort eingegriffen und die Infusionen abgehängt. Alle Kinder seien mit dem Verdacht auf Darmbakterien antibiotisch behandelt worden.

Am Wochenende seien bereits die Patientenakten sichergestellt worden, so Mieth. "Das sind alles zusammen etwa 30 Leitz-Ordner." Man brauche nun Zeit, um das Material zu sichten. Jetzt beginnen erste Vernehmungen des Apotheken- und Stationspersonals.

Problem bei der Obduktion

Ein Problem gebe es allerdings bei der Obduktion der Leichen. "Die Keime, nach denen wir suchen, können auch durch natürliche Fäulnisprozesse entstehen", sagte Mieth. Bei Kindern gehe das mitunter sehr schnell. Man habe nun große Hoffnung, dass die Rechtsmedizin in Frankfurt am Main schnell Ergebnisse vorlege. Habe man dann ein Bakterium ermittelt, könne damit auch der Überträger ermittelt werden. Erste Ergebnisse werden Dienstagnachmittag erwartet.

Die Frage, ob die Klinikapotheke denn nach dem Vorfall versiegelt worden sei, verneinte der Oberstaatsanwalt. Die betreffenden Materialien seien sichergestellt worden. Die Klinik arbeite mittlerweile mit alternativen Verfahren und Lösungen anderer Hersteller. Das bestätigte auch die Mainzer Uniklinik.


Zwei verschiedene Keime

Mittlerweile konnte die Klinik zwei verschiedene Keime in den Infusionslösungen ausmachen. Beide seien aus der Familie der Enterobacteriacea. Bei einem handele es sich nachweislich um Enterobacter cloacae, einen der häufigsten Enterobakterien. Die zweite Art sei wesentlich schwieriger zu ermitteln, eine genaue Bestimmung steht zur Stunde noch aus. Enterobacter-Bakterien sind natürliche Darmbesiedler. In der Regel führen sie nur extraintestinal zu Infekten. Gesundheitlich bereits schwer angeschlagene Patienten, wie auch die betroffenen Kinder in Mainz, sind davon am ehesten betroffen.

Bei den gestorben Kindern in Mainz wird als mögliche Todesursache eine Bakteriämie durch die kontaminierten Infusionslösungen mit Sepsis diskutiert.

Individuelle Infusionsherstellung

Erstmals gab die Uniklinik am Montag auch Einblick in die Abläufe der Infusionsherstellung. Alle betroffenen Kinder hatten intravenöse Ernährungslösungen erhalten, die individuell für sie hergestellt worden waren.Die Infusionen, so die Klinik, würden jeden Tag neu verordnet und am Nachmittag in einem Reinraum hergestellt. Gegen 15 Uhr kämen die Beutel auf die Stationen und würden ab 17 Uhr verabreicht.

Von den Infusionen würden jedes Mal Rückstellproben angelegt. Die Kultivierung liefert allerdings erst am darauffolgenden Tag Ergebnisse.Zahlreiche Sicherheitsvorkehrungen in dem Reinraum sollen nach Klinikangaben die Sterilität der Produkte gewährleisten. So wird etwa kontinuierlich die Luft getauscht und auf die Partikel- und Keimbelastung überprüft. Die Mitarbeiter müssten halbstündlich ihre Einmalhandschuhe wechseln.

Wiener AKH plant Verbesserungen in der Herstellung

In den vergangenen zehn Jahren seien so über 90 000 Lösungen hergestellt worden, in denen bei den Kontrollen nie Keime gefunden worden waren. Die Kinderstation am Wiener AKH plant jedenfalls eine Verbesserung in der individuellen Infusionsherstellung und wird diese vollständig automatisieren. Täglich werden in Wien rund 30 Infusionen für Säuglinge hergestellt. Die Zubereitung soll dann von der Station in die Apotheke verlagert werden. Zu Zwischenfällen auf der Kinderstation  in Wien gab es bisher keine.

Laut Deutscher Presseagentur dpa reagieren auch die deutschen Kliniken auf das Mainzer Unglück mit höchster Vorsicht. So würden Verfahren und Nährlösungen überprüft und Chargen, wie jene aus Mainz sicherheitshalber zurückbehalten.  In der Uniklinik Mainz wird zur Stunde gespannt auf erste Ergebnisse gewartet, die noch diese Woche eintreffen sollen.

Ärztezeitung/Nösinger, AN, APA

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