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Infektiologie 30. September 2009

Fiebernde Schweine, zitternde Welt und nachlässiges Österreich

H1N1-Impfstoff nur für Risikogruppen, die saisonale Vakzination wird mehr denn je empfohlen.

Wer sich vor dem saisonalen Grippevirus schützt, ist auch auf dessen berühmten Vetter H1N1 besser vorbereitet, sagen Experten. Den H1N1-Impfstoff wird es vorerst nicht im Einzelhandel geben. Folgend ein Wochenupdate zur „Schweinegrippe“.

 

Bei der augenblicklichen Diskussion um die H1N1-Influenza attestieren einige Experten der Öffentlichkeit, was das Thema Viren betrifft, eine gewisse Überempfindlichkeit, und sie unterstellen einigen Gruppen der (pharmazeutischen) Industrie, diese Angst zu schüren. Natürlich: Die Marketingabteilungen der Pharmabranche sind in Sachen H1N1-Influenza derzeit höchst aktiv. Es stellt sich die Frage: Wie groß ist die Bedrohung wirklich?

Seriöse, unabhängige Organisationen, wie etwa das deutsche Gemeinschaftsprojekt „Gute Pillen – Schlechte Pillen“, nehmen eine differenzierte Haltung zur geplanten Massenimpfung gegen H1N1 in Deutschland ein. Sie bemängelten letzte Woche in einer Aussendung, dass der Impfstoff, der nun 25 Millionen Deutschen verabreicht werden soll, schlecht erprobt ist: „Der Großauftrag für Schweinegrippe-Impfstoffe mit Wirkverstärkern kommt eher den Interessen der Hersteller an einem einfach zu produzierenden Impfstoff entgegen als den Interessen der Menschen an einem bewährten und optimal verträglichen Impfstoff.“

Angesichts der strengen Handhabe bei der Freigabe von pharmazeutischen Produkten ist es in der Tat sehr verwunderlich, dass plötzlich bei der Produktion von Impfstoffen derart Gas gegeben werden kann. Der Grund liegt in den Erfahrungen mit der Vogelgrippe. Damals entwickelte die Europäische Arzneimittelbehörde (EMEA) einen Plan, der es ermöglicht, die Testphase bereits vor dem drohenden Pandemieausbruch abzuschließen, um im Ernstfall dem Vakzin nur noch den Erreger beisteuern zu müssen – eine Art Baukasten-Impfstoff. Was manche als fahrlässig empfinden, ist für andere eine vernünftige Lösung, um für eine veritable Bedrohung gewappnet zu sein. Den Weg der „aggressiven Vorbeugung“ gehen auch die österreichischen Experten, wie am 15. September 2009 in einer Pressekonferenz des Grünen Kreuzes in der Wiener Urania deutlich wurde. Sie plädierten zwar nicht für eine Massenvakzination gegen H1N1, wohl aber für die saisonale Grippeimpfung, insbesondere aufgrund der Kozirkulation von H1N1 und den „gemeinen“ Influenzaviren sowie Doppelinfektionen.

Prof. Dr. Michael Kunze, Vorstand am Institut für Sozialmedizin der MedUni Wien, zählt zu den gemäßigten Warnern: „Noch verursacht das H1N1-Virus im Regelfall eine relativ moderate Grippe. Es ist noch nicht mutiert, es hat ja keinen Grund dazu. Die milden Verläufe garantieren ja die beste Verbreitung. Dass dies so bleibt, kann dagegen niemand gewährleisten. Schließlich hat auch die fürchterliche Grippeepidemie von 1918 anfangs nur milde Krankheitsverläufe verursacht.“

Der Sozialmediziner warnte daher vor einem voreiligen Aufatmen. Es könnte durchaus noch schlimmer kommen. Ein bedrohliches Szenario wäre eine Durchmischung von aviären, saisonalen und H1N1-Viren mit dem Resultat eines neuen, hochinfektiösen und gefährlichen Virusstammes. Oder aber eine Doppelinfektion mit einem potenzierten Risiko. In diesem Zusammenhang darf auch nicht auf eine bakterielle Superinfektion vergessen werden.

Rote Laterne

Um einer gefährlichen Influenzaepidemie vorzubeugen, müsse daher die Durchimpfungsrate innerhalb der Bevölkerung gegen die jährliche Grippe deutlich ansteigen. Kunze: „Durchschnittlich haben wir eine geschätzte Durchimpfungsrate von zwölf Prozent. Damit belegen wir in Europa die hintersten Plätze.“ Vor allem der Vergleich mit den Niederlanden offenbare die europäische Schere; dort liegt die Quote bei etwa 80 Prozent. Kunze appellierte vor allem an die Hausärzte, ihre Rolle als Impfmotivatoren ernst zu nehmen. Nur so könne die vor einer Pandemie schützende 75-prozentige Durchimpfungsrate bei den Risikogruppen erreicht werden. Dazu zählen chronisch Kranke, über 65-Jährige, Menschen mit Immunschwächen sowie Personen, die aus beruflichen Gründen ein erhöhtes Infektionsrisiko tragen, gehören.

Dass selbst Mitarbeiter in Krankenhäusern teilweise ungeimpft bleiben, ist für Doz. Dr. Christoph Wenisch, Vorstand der der 4. Medizinischen Abteilung mit Infektions- und Tropenmedizin, SMZ-Süd Kaiser Franz Josef Spital, Wien, ein fast unerklärliches Phänomen. In seinem Vortrag wies er darauf hin, dass in der Bevölkerung nicht der Eindruck entstehen dürfe, die H1N1-Impfung sei die einzige Vakzination, die jetzt etwas zählt: „Die H1N1-Impfung zielt ja auf einen komplett anderen Virusstamm ab. Und dass eine Doppelinfektion möglich ist, kann in Australien gut beobachtet werden, wo derzeit das saisonale Virus neben dem H1N1 grassiert.“

Kein Gießkannenprinzip

Was die parallele Impfung gegen die H1N1-Grippe und die saisonale Influenza betrifft, so gibt es noch keine verlässlichen Daten über mögliche Effekte. AGES-PharmMed-Leiter Marcus Müllner erklärte kürzlich, dass es keine Hinweise auf verstärkte Nebenwirkungen gebe, trotzdem sei eine getrennte Abgabe vorgesehen. Wer vorrangig in den Genuss eines Impfschutzes kommt, hat mittlerweile der Oberste Sanitätsrat festgelegt. Demnach wird der H1N1-Impfstoff nicht im Einzelhandel erhältlich sein, sondern im Zuge eines gesamtstaatlichen Plans an Risikogruppen und Schlüsselberufe zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung verteilt werden. Einfacher Grund: die gedrosselte Impfstoffproduktion, die erst im Falle einer beginnenden Pandemie hochgefahren wird.

Von Raoul Mazhar, Ärzte Woche 40 /2009

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