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Foto: wikipedia
Im Gegensatz zu den USA übertragen die Zecken in Europa neben Borrelia burgdorferi noch drei andere humanpathogene Borrelienarten: B. garinii, B. afzelii und B. spielmani.
 
Infektiologie 22. September 2009

Eine Seuche des 21. Jahrhunderts

Trotz 80.000 Neuinfektionen jährlich wird die Lyme-Borreliose gewöhnlich sehr spät diagnostiziert.

Die Krankheit ist eine Multisystemerkrankung, die als eine Infektionskrankheit definiert und durch die Spirochäte Borrelia burgdorferi verursacht wird. Die Krankheit beginnt meistens mit Hautveränderungen und befällt später verschiedene Organe. Daher stellt sie klinisch eine besondere Herausforderung dar, besonders in der disseminierten und chronischen Form.

 

Lyme-Borreliose geht auf den Namen des Ortes Lyme im US-Bundesstaat Conneticut zurück, in dem das Krankheitsbild 1975 nach gehäuftem Auftreten von Gelenksentzündungen bei Kindern in Verbindung mit Zeckenstichen erstmals beschrieben wurde.

Der amerikanische Arzt und Bakterologe Willy Burgdorfer fand dann im Jahr 1981 den Erreger dieser „Lyme-Borreliose“ – nämlich ein schraubenförmiges Bakterium: Borrelia burgdorferi. Im Gegensatz zu den USA existieren in Europa neben Borrelia burgdorferi noch drei ande-re humanpathogene Borrelienarten, nämlich B. garinii, B. afzelii und B. spielmani. B. afzelii verursacht hauptsächlich Hautmanifestationen, während das Erregerspektrum bei Arthritis und Neuroborreliose heterogener ist; bei Neuroborreliose überwiegt B. garinii. In seltenen Fällen kann die Lyme-Borreliose auch über Fliegenbisse (Bremsen) oder Spinnen übertragen werden.

Jede fünfte Zecke verseucht

Die Borreliose ist kein lokales Phänomen, sondern nimmt durch ihre weite Verbreitung epidemische Ausmaße an. Eine Ansteckungsgefahr mit Erregern besteht praktisch überall in Österreich, da etwa jede fünfte Zecke mit diesen Bakterien verseucht ist. Jährlich rechnet man hierzulande mit zirka 80.000 Neuinfektionen. Die Zecken leben in Bodennähe – sie fallen nicht, wie oft irrtümlich behauptet, von den Bäumen herab. Sie lauern auf Gräsern, Sträuchern und im Unterholz. Auch im eigenen Garten, auf Wiesen und in Parks sind sie anzutreffen. Diese Insekten setzen sich durch Vorbeistreifen zum Beispiel an Sträuchern, bei der Gartenarbeit, beim Picknick im Grünen auf unsere Kleidung. Von dort aus klettern sie auf unseren Körper, wo sie sich eine warme Stelle suchen, um sich festhalten. Sie betäuben die Stelle mit einem Biss, erst dann stechen sie zum Blutsaugen zu.

Im Allgemeinen denkt man bei Lyme-Borreliose an drei Stadien: akute Manifestation, frühes Generalisationsstadium und chronische Borreliose.

Mit der Therapie nicht lange zuwarten

Je früher die Behandlung nach der Infektion begonnen wird, umso besser ist die Erfolgsrate. Eine unbehandelte Infektion wird unumgänglich wieder ausbrechen – als chronische Lyme-Borreliose mit all ihren Komplikationen. Deshalb sollte dem frühen Stadium höchste Aufmerksamkeit gewidmet und die Behandlung sorgfältig durchgeführt werden.

Im frühen Stadium entwickelt sich um die Biss-Stelle bei zirka 50 Prozent der Betroffenen eine gerötete, sich zentrifugal ausbreitende Läsion, die erhaben oder überwärmt sein kann – das sogenannte „Erythema migrans“. In den meisten Fällen verschwindet die Hautrötung von alleine, sie ist aber der sichere Hinweis auf eine Borrelieninfektion.

Sehr häufig wird diese Hautveränderung von Grippe-ähnlichen Beschwerden, wie erhöhter Körpertemperatur, Schweißausbrüchen, Abgeschlagenheit, Gelenk- und Muskelschmerzen, begleitet – ein Hinweis darauf, dass sich der Erreger über die Blutbahn im Körper ausgebreitet hat.

Das Erythema migrans ist für die Borreliose beweisend, tritt aber in weniger als der Hälfte der Fälle auf. Und auch wenn eine Rötung ent-steht, kann sie oft vom Patienten unbemerkt bleiben. Unmittelbar nach dem Zeckenstich sind die serologischen Tests negativ und der serologische Nachweis ist somit erst nach einigen Wochen möglich. Sollte aber ein Erythema migrans auftreten, muss die Behandlung sofort begonnen werden, da hier die Erfolgsrate für die Heilung am höchsten ist.

Die chronische Lyme-Borreliose ist eine ganz andere Erkrankung als die frühen Stadien, hauptsächlich weil sie das Immunsystem hemmt (vor allem die B- und T-Zellen). Durch die Hemmung des Immunsystems wird nicht nur die Infektion aufrechterhalten, sondern sie kann noch weiter fortschreiten. Ein zusätzliches Problem stellen die Koinfektionen dar. Zecken können eine große Anzahl von pathogenen Keimen enthalten und auf den Wirt übertragen. Wird die Lyme-Borreliose rechtzeitig behandelt und somit das Immunsystem nicht ausgeprägt geschädigt, so können weitere Mikroben erfolgreich vom Immunsystem abgewehrt und durch spezielle Antibiotika oder Antibiotika-Kombinationen behandelt werden.

Problematisch ist auch, dass viele latente Infektionen, die vor dem Zeckenstich bereits vorhanden waren wie zum Beispiel Infektionen mit Herpesviren, reaktiviert und so ebenfalls wieder in Erscheinung treten können.

Bei der chronischen Borreliose handelt es sich um eine Erkrankung des Nervensystems. Als eine Erweiterung der Auswirkung auf das Nervensystem findet sich oft ein zerstörerischer Effekt auf die Hypothalamus-Hypophysen-Achse. Dabei werden unterschiedliche Stufen der Hypophyseninsuffizienz beobachtet. Deren Korrektur führt zu einer Wiederherstellung der Energie, Ausdauer, Libido und zur Stabilisierung einer hartnäckigen Hypotension. Deshalb gehören zu einer sorgfältigen Diagnose sowohl neuropsychiatrische Untersuchungen, SPECT und MRT des Gehirns, als auch eventuell eine Liquor-Analyse, wobei hier ein negatives Ergebnis eine Lyme-Borreliose nicht ausschließt.

Umfangreiche Diagnostik

Erschwerend zur Diagnostik kommt, dass serologische Tests bei Fortschreiten der Infektion weniger sensitiv werden. Offenbar basiert dies auf der schwindenden Immunantwort, auf der diese Tests basieren. Gleichzeitig bilden sich Immunkomplexe, die Borrelien-Antikörper binden – diese gebundenen Antikörper werden von den serologischen Tests nicht erkannt. Es überrascht deshalb nicht, dass seronegative Patienten in 36 Prozent der Fälle zu seropositiven Patienten konvertieren, nachdem bei ihnen eine antibiotische Therapie begonnen wurde.

Bei 80.000 Neuinfektionen pro Jahr möchte man meinen, dass Borreliose schnell diagnostiziert und sobald als möglich auch behandelt wird. Dem ist leider nicht so. Viele Patienten suchen nach einem „Zeckenbiss“ nicht sofort den Arzt auf, zumal das Erythema migrans sich nach einiger Zeit von selbst wieder zurückbildet oder gar nicht auftritt.

Sollte der klinische Verdacht einer Borreliose bestehen (siehe auch Tabelle), müssen serologische Untersuchungen durchgeführt werden: Blutbild, CRP, Gerinnung und natürlich ein AK-Nachweis (z. B. Westernblot). Deshalb sollte bei einer negativen Serologie, aber bleibendem Verdacht einer Borreliose nach vier Wochen ein neuerlicher AK-Nachweis durchgeführt werden. Antigen-Tests (Antigen capture test und PCR) sind nicht sehr sensitiv, aber sehr spezifisch. Sie sind hilfreich, um seronegative Patienten und solche, die noch krank sind oder nach der Therapie wieder erkranken, herauszufinden. Oft sind diese antigennachweisenden Tests die einzigen positiven Marker einer Borrelien-Infektion, da die Seronegativität 30 bis 50 Prozent betragen kann.

Niedriger Anteil der CD57-Zellen als Marker

Die chronische Lyme-Borreliose kann die Anzahl der CD57-Zellen (natürliche Killerzellen) senken. Daher können diese dazu benutzt werden, um festzustellen, wie aktiv die Borreliose-Infektion ist und ob nach Ende der Behandlung mit einem Rückfall zu rechnen ist. In einer Publikation von Joseph J. Burrascano wird beschrieben, dass nur Borrelien die CD57-Zellen unterdrücken, daher ist ein kranker Patient mit einem hohen CD57-Anteil möglicherweise nicht an Lyme-Borreliose erkrankt, sondern an einer Koinfektion.

Die Therapie der Borreliose, auch wenn sie rechtzeitig diagnostiziert wird, ist nie einfach: Tetracycline wie Doxycyclin oder Azithromycin müssen über mindestens drei Wochen verabreicht werden. In fortgeschrittenen Stadien und bei der Neuroborreliose kommen besonders Cephalosporine der dritten Generation (Ceftriaxon, Cefotaxim – als i.v.-Therapie) zum Einsatz. Wichtig ist also: Die Therapie der Borreliose richtet sich nach dem Krankheitsstadium und dem jeweiligen Befund. Somit variiert auch die Dauer der Behandlung von drei Wochen bis zu mehreren Monaten. Die gleichzeitige Anwendung mit Immunsuppressiva – inklusive Steroide – hat erwiesenermaßen eine sehr ungünstige Wirkung bei Patienten mit einer aktiven Borreliose-Infektion.

Als Prophylaxe sollten bei Spaziergängen in Wäldern nur lange Hosen und lange Ärmel getragen werden. Nach so einem Spaziergang oder nach dem Aufenthalt in einem gefährdeten Gebiet muss der ganze Körper nach Zecken untersucht werden (inklusive Kopfhaut). Sollte eine Zecke gefunden werden, diese behutsam entfernen, die Stichstelle desinfizieren und mehrere Tage beobachten, um einer eventuell auftretenden Hautrötung (Erythema migrans) nicht zu übersehen.

 

Beim 1. Klagenfurter Borreliose Symposium, das unter der Leitung von Dr. Albin Obiltschnig am 19. September 2009 im Elisabethinen Krankenhaus Klagenfurt stattfand, gab es in Zusammenarbeit mit der SHG Kassel Stadt Land ein Update zum Thema.

Weitere Informationen unter: Dr. Albin Obiltschnig

E-Mail:

Tabelle:
Mögliche Symptome der Borreliose
• Nicht erklärliches Fieber, Schwitzen, Frösteln
• Nicht erklärliche Gewichtsveränderungen
• Müdigkeit
• Erschöpfung
• Geringe Ausdauer
• Geschwollene Lymphknoten
• Halsschmerzen
• Schmerzen in den Leisten
• Blasenfunktionsstörungen
• Magenbeschwerden
• Schmerzen des Brustkorbes
• Kurzatmigkeit
• Husten
• Herzklopfen
• Herzstolpern
• Gelenkschmerzen
• Gelenkschwellungen
• Muskelschmerzen
• Muskelkrämpfe
• Kopfschmerzen
• Nackensteifheit
• Nacken schmerzen
• Kribbeln
• Taubheitsgefühl
• Brennende oder stechende Gefühlsstörungen
• Einschießende Schmerzen
• Sprech- und Schreibschwierigkeiten
• Stimmungsschwankungen
• Schlafstörungen
• Alkoholunverträglichkeit

Von Dr. Christiane Loinig, Ärzte Woche 39 /2009

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