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Prof. Dr. med. Gernot Rohde

ERS Respiratory Infections Assembly Secretary

Oberarzt am Universitätsklinikum
Bergmannsheil, D-Bochum

Facharzt für Innere Medizin
Lungen- und Bronchialheilkunde
Infektiologie

 

 
Infektiologie 17. September 2009

H1N1: "Man kann die Lage nicht beurteilen"

Auch im Rahmen des Europäischen Pulmologen Kongresses wird die Neue Grippe diskutiert. Der deutsche Infektiologe Gernot Rohde sagt klar, dass zur Zeit selbst Experten die Lage nicht einschätzen können und vertritt den neuen Ansatz vor allem Junge zu impfen. Das Resumee zu seinem Vortrag "Pandemic or Panic": Eine zentrale Stelle für Europa, die Situation genau beobachten und alle Möglichkeiten ausschöpfen. Grund zur Panik gäbe es seiner Meinung nach keinen.

SpringerMedizin.at: In Nicht-EU-Staaten werden nur die Todesfälle durch die Neue Grippe registriert, in Europa auch die Zahl der Erkrankten. Ist die unterschiedliche Herangehensweise nicht problematisch, weil dadurch die Beurteilung der tatsächlichen Lage beeinträchtigt wird?

Rohde: Richtig kann man die Lage nicht beurteilen. Aus vielen Ländern fehlen die Meldungen, aus anderen werden nur inkomplette Daten gemeldet. Manche haben überhaupt aufgehört zu zählen, so dass man keinen Überblick hat.

SpringerMedizin.at: Wozu kann man dann in der Praxis raten?

Rohde: Wenn man zum Beispiel einen Kollegen in der Praxis fragt: „Na wie viele Fälle hast du jetzt schon gesehen? Dann erhält man immer nur ein verdutztes Gesicht als Antwort. „Ich habe auch noch keinen gesehen, hast du schon einen gesehen?  - In Deutschland haben wir derzeit rund 75 Fälle, umrechnet auf die Gesamtbevölkerung ist das ein minimaler Prozentsatz. Das heißt man befürchtet, dass eine große Welle kommt, aber richtig gesehen hat sie bisher noch keiner.

SpringerMedizin.at: Die aktuelle Situation zeichnet sich durch zwei interessante Eigenschaften aus: Zum einen verzeichnen wir eine unterschiedlich ausgeprägte Mortalität in den einzelnen Ländern, mit einer hohen Mortalität vor allem in den USA und Südamerika. Zum anderen sind von der Pandemie generell Jüngere betroffen und diese dann auch schwerer. Gibt es Erklärungsansätze für diese Auffälligkeiten?

Rohde: Dass vor allem junge Menschen vermehrt infiziert werden, liegt daran, dass es ein ganz neues Virus ist und somit gar keine Immunität besteht. Bei den Älteren hingegen besteht offensichtlich doch eine, wenn auch nur sehr gering ausgeprägte, partielle Immunität. Das heißt, dass Menschen die schon vor 20 oder 30 Jahren eine Grippe durchgemacht haben, wo bereits H1N1-Viren beteiligt waren, zumindest gegen das eine oder andere Antigen eine Immunität erworben haben.

Was die Mortalitätsunterschiede angeht, ist noch nicht wirklich klar woran das liegt. Man muss die Daten, die angeboten werden, mit großer Vorsicht betrachten und immer bedenken, dass nur jene Fälle berücksichtigt werden sollten, wo nachgewiesenermaßen eine H1N1-Infektion bestanden hat und nicht noch irgendeine andere Komplikation zum Tod geführt haben könnte. Meine Einschätzung ist, dass derzeit einfach vieles H1N1 zugeschrieben wird.

SpringerMedizin.at: Einer rezenten Studie aus dem Medical Journal of Australia ist zu entnehmen, dass 44 Prozent der BEvölkerung sich zu wenig über die Situation informiert fühlen. Wie sind Sie mit der medialen Berichterstattung zufrieden?

Rohde: Das kann ich nicht einschätzen. Ich bin kein Experte auf diesem Gebiet.

Generell glaube ich, dass die Bevölkerung nicht sehr gut informiert ist und deshalb auch die Lage nicht einschätzen kann. Was sicherlich auch daran liegt, dass zur Zeit selbst  Experten das nicht können.

SpringerMedizin.at: Selbst Ärztevertreter, wie zum Beispiel die deutsche Bundesärztekammer Vizepräsidentin Gösmann, zweifeln an der Impfaktion und bezeichnet sie als „Kampagne der Pharmaindustrie“. Wie ist Ihre Einschätzung?

Rohde: Also es ist sicherlich so, dass wir ein neues pandemisches Virus haben. Erstmalig haben wir die Chance, schnell genug zu sein, um das Virus durch eine Impfung direkt zu eliminieren. Insoweit ist das schon eine große Herausforderung und ich persönlich bin ein absoluter Befürworter der Impfung. Zusätzlich ist es ja eher so, dass die Pharmaindustrie von der Politik aufgefordert wurde, möglichst umgehend einen Impfstoff herzustellen. Deshalb sehe ich das nicht so.

SpringerMedizin.at: Die Forscher um Dr. Ira Longini vom Zentrum für Statistik und Infektionskrankheiten der Universität Seattle haben mittels Computermodellen berechnet, dass Impfungen am effektivsten wären, wenn sie spätestens einen Monat vor dem Gipfel der Epidemie beginnen würden, der derzeit etwa Mitte bis Ende Oktober erwartet wird. Das zweite Sondertreffen der EU-Gesundheitsminister findet am 12. Oktober statt. Sind wir damit also nicht viel zu spät dran?

Rohde: Die Grippe hat immer zwei Peaks. Der zweite wird im Januar/Februar stattfinden, für diesen sind wir also keinesfalls zu spät dran. Wie ausgeprägt der Peak nun ausfallen wird wissen wir nicht genau, weil ja schon die unterschiedlichsten Maßnahmen im Gesundheitssystem eingeleitet worden sind. Auch die Awareness in der Bevölkerung wurde erhöht. Sie wird aufgeklärt wie sie sich im Erkrankungsfall zu verhalten hat. Auch das beeinflusst die Ausbreitung der Krankheit.

SpringerMedizin.at: Die Computerberechnungen haben ergeben, dass eine Durchimpfungsrate der Bevölkerung von 70 Prozent wünschenswert ist. Soll diese Prozentzahl tatsächlich angestrebt werden?

Rohde: Über die Prozentzahl kann man streiten. Aber ich bin nicht so der Freund davon, die Alten zu impfen, die vielleicht wenig Kontakt zu anderen haben. Ich würde mich eher auf die Jungen fokussieren, die im Leben stehen, viel Kontakt haben, die arbeiten gehen. So könnte man versuchen die Ausbreitung zu vermindern. Wobei die Impfung nur eine Maßnahme darstellt.

Es gibt auch noch die antivirale Therapie, die nicht nur therapeutisch sondern auch prophylaktisch angewendet werden kann und wir haben Maßnahmen des Gesundheitssystems. Jeder Staat kann zum Beispiel Schulen schließen. Wir stehen also auf mehreren Beinen, nicht nur auf einem.

SpringerMedizin.at: Die Impfbegeisterung der Bevölkerung unterscheidet sich länderspezifisch stark. In den USA ist sie hoch, in Österreich werden  nur 12 Prozent Durchimpfungsrate erreicht. Zwei Drittel der Deutschen wollem sich nicht impfen lassen. Sollte ihrer Meinung nach die Impf-Motivation gesteigert werden?

Rohde: Absolut, klar. In unserem Klinikum, wo 2000 Leuten arbeiten, hat interessanterweise unser Betriebsmediziner immer nur 200 Impfdosen gebraucht, eben genau jene 10 Prozent die Sie eben angesprochen haben. Bei der Vogelgrippe war der Bedarf aber schon größer, da wurde der Impfstoff aufgebraucht. Insofern glaube ich schon, dass sobald die Grippewelle anläuft, viele doch noch geimpft werden wollen. Dann wird letztendlich die Impfungsrate doch höher sein. Das heißt, die Motivation verbessert sich immer nur dann, wenn man es am eigenen Leib erfährt.

SpringerMedizin.at: Erst letzte Woche lehnte die deutsche Bundesregierung eine Impfpflicht für bestimmte Gruppen, wie etwa Beschäftigte im Gesundheitswesen, ab. Finden Sie diese Vorgehensweise klug?

Rohde: Ich würde fordern, dass jeder Arzt, jede Krankenschwester und überhaupt jeder der in Kontakt mit Patienten kommt sich jährlich impfen lässt. Prinzipiell.

SpringerMedizin.at: Also eine verpflichtende Impfung?

Rohde: Ja, genauso wie man einen Hepatitis B Titer nachweisen muss. Und das ist ja „nur“ zum Selbstschutz, wohingegen die Grippe-Impfung sowohl zum Selbstschutz als auch zum Schutz des Patienten beiträgt.

SpringerMedizin.at: Nach Auftreten der Vogelgrippe im Jahr 2006 hat Österreich in Summe 33 Millionen Euro an die Pharmafirma Baxter bezahlt, um im Fall einer Pandemie, einen Impfstoff kaufen zu können. Wie sinnvoll halten Sie solche Maßnahmen?

Rohde: In Deutschland war es ja mit dem „Stockpilling“ von Tamiflu für die Pandemie ähnlich. Aber das ist eine politische Frage, mit der ich Gott sei Dank nichts zu tun hab.

SpringerMedizin.at: Bei der H1N1 in den USA (1976) wurden ungefähr 50 Millionen Impfungen verabreicht. Dabei kam es bei 532 Geimpften zur Nebenwirkung des Guillain Barre Syndrom (GBS). Es starben 25 Menschen an den Folgen der Impfung, hingegen nur eine Person an den direkten Folgen des Virus. Wie real schätzen Sie die Impfgefahr ein?

Rohde: Das Verhältnis kann man nur dann richtig einschätzen, wenn man die Realität so gut wie möglich abbilden kann, aber dazu haben wir derzeit nicht die Daten. Man weiß heute nicht wie todesbringend das H1N1 werden wird. Das heißt, das Wichtigste ist für die Zukunft wirklich die Risikogruppen zu finden.

Außerdem kann man die damaligen Vakzine nicht mit jenen von heute vergleichen. Die Technologie und die Entwicklung in der Impfstoffherstellung ist geradezu revolutioniert worden.

SpringerMedizin.at: Bei der jetzigen Pandemie wurde vereinzelt schon von resistenten Viren gegen Oseltamivir berichtet. Was ist davon zu halten?

Rohde: Ja, es gibt weltweit ungefähr 20 publizierte Fälle mit der Resistenz. Aber das ist für mich nichts Neues, denn bei der saisonalen Grippe gibt es genau so Resistenzen. Und bei Zanamivir, ein Wirkstoff der zu Unrecht so wenig eingesetzt wird, haben wir dieses Problem nicht.

SpringerMedizin.at: Morgen wird die EU-Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou einen Aktionsplan enthüllen, welcher die Diskussionsbasis für das zweite Sondergespräch über die Pandemie am 12. Oktober in Luxemburg darstellen soll. Wäre eine zentrale Koordinierungsstelle nicht von Vorteil?

Rohde: Ja, auf jeden Fall. Wir haben ja in Deutschland das Robert Koch Institut mit der "Arbeitsgemeinschaft Influenza", das die Influenza Aktivität genau monitort. Diese Arbeit wird viel zu wenig wahrgenommen. Ich glaube, dass wir Infektionskrankheiten, ob AIDS, Hepatitis oder Influenza sehr genau im Auge behalten sollten, weil das eine sehr wichtige Frage für die Bevölkerung ist.

SpringerMedizin.at: Also ein „Robert Koch Institut“ für ganz Europa?

Rohde: Ja.

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Redaktion, Jürgen Beer

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