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Darmbakterien neigen – wie alle Lebewesen – bei günstigen Bedingungen zur überbordender Fortpflanzung. Mithilfe von tüchtigen Konkurrenten, etwa Probiotika, kann die überschießende Vermehrung eingedämmt werden.
Foto: Ärzte-Woche-Montage

Probiotika sind durch die intensive Werbung der Nahrungsmittelindustrie, die ein großes Geschäft wittert, einer breiten Bevölkerung ein Begriff.

 
Infektiologie 8. September 2009

Von guten und bösen Bakterien

Je nach Indikation können gegen Diarrhoen ausgewählte Probiotika erfolgreich eingesetzt werden.

Die Studienlage ist höchst vielfältig, die Ergebnisse sind daher schwer vergleichbar. Für den Einsatz von Probiotika bei Durchfallerkrankungen liegen für bestimmte Keime in einzelnen Indikationen positive Ergebnisse vor. Für manche Einsatzgebiete fehlt derzeit noch die Evidenz.

 

In den Jahren 1980 bis 2004 wurden laut Medline zum Thema Probiotika 288 klinische Therapiestudien publiziert, 83 Prozent davon berichteten über ein günstiges Ergebnis. 195 Studien wurden mit einem Keim, 69 mit zwei Keimen und 24 mit drei oder mehr Keimen als Therapeutikum durchgeführt, insgesamt wurden 37 verschiedene Keime verwendet. Die Studien waren also sehr inhomogen, was die Auswahl der Kandidaten (probiotische Keime) anlangt, aber auch die Dosis, denn die Keimzahlen pro Einzeldosis variieren erheblich zwischen 10 4 und 1.010 Keimen.

Methodischer Ansatz ist umstritten

Außerdem ist die methodische Frage umstritten, ob die Kontrollgruppe ein Placebo, ein Präbiotikum oder handelsübliches Joghurt erhalten soll. Die vielen Studien legen nahe, statt Einzelstudien systematische Reviews und Metaanalysen zur Beurteilung heranzuziehen. Allerdings sind auch diese inflationär am Wissenschaftsmarkt vertreten. Die Cochrane Library listet 22 systematische Reviews, und eine computergestützte Literaturrecherche fand 37 Metaanalysen.

Die vor allem verwendeten Keimgruppen sind Lactobazillen, Bifidobakterien, von den Hefen vor allem Saccharomyces boulardii, sowie eine gemischte Gruppe, in denen die prominentesten Vertreter Enterokokken und Escherichia coli Nissle 1917 sind.

Metaanalyse zur Prophylaxe der Reisediarrhoe

Zur Prophylaxe der Reisediarrhoe ergab eine Metaanalyse von Mc Farland 2007 mit insgesamt 4.709 Patienten und einer bunten Mischung verwendeter Keime eine signifikante Risikoreduktion um 15 Prozent.

Bei hospitalisierten Kleinkindern konnte in einer doppelblind randomisierten Studie von Saafedra 1994 durch Fütterung mit Probiotika statt mit normaler Milch das Auftreten von Durchfällen auf weniger als ein Viertel reduziert werden. Sogar eine Reduktion um 35 bis 52 Prozent der Diarrhoen konnte mit Probiotika bei Kindern und Erwachsenen in einer Metaanalyse gezeigt werden. Akut infektiöse Diarrhoen, nosokomiale Diarrhoen und antibiotikaassoziierte Diarrhoen (AAD) wurden um 35 Prozent reduziert, Clostridium difficile assoziierte Diarrhoen (CDAD) um 52 Prozent. Noch besser sprachen die Kinder an, bei denen die Verminderung der Durchfälle insgesamt 57 Prozent betrug (26 Prozent bei Erwachsenen). Kinder sprechen auch bei AAD und CDAD offenbar besser an: Mit Probiotika reduzierten sich in der 2006 publizierten Analyse von Szajewska die Durchfälle um 66 bzw. 72 Prozent. Besonders wirksam erwiesen sich dabei Lactobacillus rhamnosus und Saccharomyces boulardii.

Bei Erwachsenen sind diese Ergebnisse weit weniger eindrucksvoll. Unter vier hochwertigen randomisierten Studien, die von Pillai und Nelson 2009 systematisch reviewt wurden, konnte nur einmal ein signifikant günstiges Ergebnis mit einer Besserung von 41 Prozent durch Saccharomyces boulardii gezeigt werden. Auch bei akut infektiösen Diarrhoen im Kindesalter führt der Einsatz von Probiotika nur zu einer geringen Verkürzung der Dauer von 0,8 Tagen, wie eine Metaanalyse zeigte (Huang; 2002).

Unterstützender Einsatz kann Therapie bessern

Zur Therapie der pseudomembranösen Colitis mit Escherichia coli Nissle liegt zwar nach einer Pilotstudie von Goerk im Jahre 2008 mit zehn Patienten ein vielversprechendes Ergebnis mit 100-prozentiger Besserung vor. Allerdings muss es noch bestätigt werden.

Auch in der Behandlung chronisch entzündlicher Darmerkrankungen konnten Probiotika, vor allem wiederum E.coli Nissle, in der Remissionserhaltung der Colitis ulcerosa und in der Behandlung der postoperativen Pouchitis so günstige Ergebnisse bringen, dass sie in die Empfehlungen zur Standardtherapie aufgenommen wurden. In den akuten Phasen von Colitis ulcerosa und Morbus Crohn sowie zur Remissionserhaltung des Morbus Crohn erwiesen sie sich dagegen bisher als wirkungslos.

Additiv zur Eradikationstherapie von Helicobacter pylori verabreicht, reduzierte die Gabe von Probiotika laut einer Metaanalyse (Tong; 2007) die Nebenwirkungen um etwa ein Drittel. Dadurch kam es zu weniger Therapieabbrüchen und einer um etwa zehn Prozent verbesserten Eradikationsrate.

Daten oft quantitativ oder qualitativ ungenügend

Noch ungenügend ist die Datenlage bei Durchfall und Reizdarmsyndrom, bakterieller Überwucherung, Sondenernährung und Immunsuppression. Reichlich, aber von ungenügender Qualität sind die Daten zur Laktoseintoleranz. Daher wären Studien notwendig, die die extrem inhomogene Datenlage zu klären helfen.

Fazit: Probiotika sind eine interessante Option

  • Probiotika sind bereits ein Ernst zu nehmender ergänzender oder alternativer Ansatz für die Prophylaxe von Reisediarrhoe, antibiotikaassoziierter Diarrhoe und nosokomialen Diarrhoen von Säuglingen und Kleinkindern.
  • Probiotika gehören mit zur Standardtherapie in der Rezidivprophylaxe bei Colitis ulcerosa und Pouchitis.
  • Probiotika sind wirksam in der Therapie der akut infektiösen Diarrhoe, der Antibiotika assoziierten Diarrhoe und der Clostridium difficile assoziierten Diarrhoe – vor allem bei Kindern.
  • In Zukunft werden wir mit gentechnisch veränderten Mikroorganismen zur Toxinabsorption, zum Zytokintransport und zur Verbesserung oraler Impfungen konfrontiert.
  • Generell wäre eine einheitlichere Datenlage zur Vergleichbarkeit der Studien wünschenswert.

 

Doz. Dr. Rainer Schöfl ist Vorstand der 4. Internen Abteilung, Gastroenterologie und Hepatologie, Stoffwechsel- und Ernährungsmedizin, Endokrinologie, am Krankenhaus der Elisabethinen Linz.

Von Doz. Dr. Rainer Schöfl, Ärzte Woche 38 /2009

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