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Foto: pixelio.de / Marco Barnebeck
Nicht emotionales Sicherheitsdenken soll der determinierende Faktor für eine Chemoprophylaxe sein, sondern die Risikoabschätzung. Schließlich sind Antibiotika keine Gummibärchen.
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Prof. Dr. Karl Zwiauer Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Landesklinikum St. Pölten

 
Infektiologie 14. Juli 2009

„Chemoprophylaxe nicht wie Gummibärli austeilen!“

Im Falle einer Meningokokken-Erkrankung im persönlichen Umfeld muss längst nicht jeder Antibiotika einnehmen. Die beste Vorbeugung ist jedoch die Impfung, wie Prof. Dr. Karl Zwiauer erklärt.

Bei zehn bis 20 Prozent der Menschen finden sich Meningokokken im Nasenraum. Mit einer österreichweiten Inzidenz von 1 : 100.000 treten Meningokokken-Erkrankungen jedoch selten auf. Trotzdem sollen Eltern ihre Kinder impfen lassen.

 

Im Falle einer Infektion kann sich der Zustand von Erkrankten rasch und dramatisch verschlechtern und schwere Langzeitschäden nach sich ziehen, wie Prof. Dr. Karl Zwiauer, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Landesklinikum St. Pölten, erklärt.

 

Warum sollten Eltern ihre Kinder gegen Meningokokken impfen lassen – wo es doch so eine seltene Erkrankung ist?

Zwiauer: Selten ist die Meningokokken-Erkrankung zwar, aber wenn sie auftritt, sterben trotz intensivmedizinischer Behandlung bis zu 20 Prozent der Betroffenen, bei der schwersten Verlaufsform jeder zweite Erkrankte. Außerdem haben viele der Überlebenden Langzeitschäden, etwa Schäden des zentralen Nervensystems. Bei zehn Prozent der Betroffenen kommt es zu Taubheit.

In Vorarlberg, Salzburg und Tirol liegt die Inzidenz mit 4/100.000 übrigens über dem österreichischen Schnitt. Sieben Kinder und Jugendliche sterben pro Jahr daran.

 

Wer ist besonders gefährdet?

Zwiauer: 40 Prozent der Betroffenen sind Kleinkinder und Säuglinge. 20 Prozent der invasiven Meningokokkeninfektionen kommen bei Teenagern vor.

 

Als ein Argument gegen die Impfung hört man immer, dass sie in Österreich ja nicht hilfreich sei, da hier vorwiegend Meningokokken der Gruppe B für Erkrankungen verantwortlich sind – gegen die es keine Impfung gibt.

Zwiauer: Das Wasserglas kann als halbleer oder halbvoll gesehen werden, aber: In der Gruppe der 15- bis 19-Jährigen sind Meningokokken C für über die Hälfte aller Meningokokkeninfektionen verantwortlich.

Außerdem ist ja nicht zu vergessen, dass viele Jugendliche in dieser Altersgruppe Sprachreisen, Maturareisen oder Ähnliches in Länder mit höherem Meningokokkenanteil antreten.

Eine Impfung im jugendlichen Alter bietet Langzeitschutz und benötigt keine Auffrischung. Das sind durchaus gravierende Vorteile, die nicht von der Hand zu weisen sind.

 

Warum wird Eltern in Österreich empfohlen, ihre Kinder gleichzeitig mit der Sechsfachimpfung gegen Meningokokken zu impfen, obwohl bei Säuglingen unter einem Jahr eigentlich keine Meningokokken-C-Erkrankungen auftreten? Dieses Impfschema erfordert zwei Impfungen im ersten Lebensjahr, eine Auffrischung im zweiten Lebensjahr. Ist dies wirklich nötig?

Zwiauer: Dieses Impfschema bietet den maximalen Schutz, wird aber derzeit in Österreich nicht akzeptiert.

Es gibt daher Überlegungen, durch eine Gratis-Meningokokkenimpfung eine bessere Akzeptanz zu erreichen: Eine Impfempfehlung könnte daher so aussehen: eine Impfung im zweiten Lebensjahr und eine Auffrischung zwischen dem elften und dem 13. Lebensjahr.

Die Compliance der Eltern würde sowohl durch die wegfallenden Kosten steigen als auch dadurch, dass nicht drei Monate alte Säuglinge bei einem Impftermin zweimal gestochen werden müssten.

Allerdings wurde das Impfbudget 2009 um 15 Prozent gekürzt, also werden wir sehen, wie es mit diesen Wünschen aussehen wird.

 

Hat der tetravalente Polysaccharid-Impfstoff – gegen A, C, W135 und Y-Stämme – bei uns Bedeutung?

Zwiauer: Wenn Sie sich nicht samt Ihrer Kinder auf die „Hadsch“ begeben oder im Saharagürtel Trekkingreisen unternehmen, eigentlich nicht. Der Polysaccharidimpfstoff ist nicht boosterfähig. Er erzeugt eine Hyporesponsiveness. Das heißt: bei weiteren Gaben des Impfstoffes wird die Immunantwort immer schlechter. Er wirkt nicht bei Kindern unter zwei Jahren. Die beiden am Markt befindlichen Konjugatimpfstoffe gegen Meningokokken C sind daher für Österreich sicher sinnvoller.

 

Ein Argument gegen eine Impfung ist, dass es ohnehin nach der Impfung zu einem Replacement der C- Meningokokken durch andere Stämme käme, was bedeuten würde, dass die Zahl der Erkrankungen gleich bliebe. Können Sie das bestätigen?

Zwiauer: Nein, keinesfalls. Ein Replacement in Ländern, die die Meningokokken-C-Impfung eingeführt haben, durch andere invasive Stämme ist bisher nicht beobachtet worden. Und in Großbritannien, wo seit 2000 geimpft wird, waren andere Phänomene zu beobachten. Es kam zu einer Reduktion der Trägerrate der 15- bis 17-Jährigen um 66 Prozent. Es fielen auch die Infektionen mit Meningokokken C bei Ungeimpften drastisch. Dies spricht für die Entwicklung einer sehr guten und klinisch relevanten Herdenimmunität.

 

Große Probleme bereitet es oft, zu entscheiden, wer eine Chemoprophylaxe im Umfeld eines an Meningokokken Erkrankten erhalten soll und wer nicht.

Zwiauer: Da haben Sie leider Recht. Bei unserem letzten Fall in St. Pölten stand die halbe Stadt bei uns in der Ambulanz und wollte eine Chemoprophylaxe. Völlig unnötig! Man kann Antibiotika doch nicht wie Gummibärli verteilen!

Wer sollte nun eine Chemoprophylaxe erhalten?

Zwiauer: Personen des gemeinsamen Haushaltes oder Personen, die in den letzten sieben Tagen vor Erkrankungsbeginn in engem persönlichen Kontakt – wobei die Betonung auf eng zu legen ist – zu einem Patienten mit Meningokokkeninfektion standen.

 

Nun, „enger Kontakt“ wird oft verschieden interpretiert. Wer braucht die Chemoprophylaxe wirklich?

Zwiauer: Es geht hier um „Kissing-Kontakt“. Im Umfeld von Jugendlichen ist das der Freund oder die Freundin. Bei betroffenen Kleinkindern sind alle Personen gemeint, bei denen der begründete Verdacht besteht, dass sie mit oropharyngealen Sekreten des Patienten in Berührung gekommen sind – Tagesmütter, Spielgefährten.

 

Es muss also nicht die ganze Klasse zur Chemoprophylaxe einberufen werden?

Zwiauer: Nein, eben nicht! Es gibt klare Richtlinien zur Chemoprophylaxe, die vermeiden sollen, dass zu großzügig vorgegangen wird. Dies gilt auch in Ausbruchs- oder Clustersituationen, wo – ohne klare Anweisungen durch Gesundheitsbehörden – keine freizügige, großzügige Verabreichung der Chemoprophylaxe durchzuführen ist.

Die Risikoabschätzung muss der determinierende Faktor für eine Chemoprophylaxe sein – nicht emotionales Sicherheitsdenken! Chemoprophylaxe darf nicht als Gefälligkeitsmedikation verteilt werden!

Auch forensische Unsicherheit sollte nicht den Ausschlag für oder gegen eine Gabe geben. Genauestens können Sie die Indikationen für eine Chemoprophylaxe auf der Homepage der AGES 1 finden oder noch ausführlicher im Steirischen Seuchenplan 2, der über das Internet abrufbar ist.

 

Mit welchen Nebenwirkungen ist nach der Impfung zu rechnen?

Zwiauer: Bei bisher 20 Millionen Impfungen kam es bislang zu keinen schweren Nebenwirkungen. Als leichte Nebenwirkungen können Lokalreaktionen an der Impfstelle auftreten oder gelegentlich systemische Reaktionen, wie Temperaturerhöhung oder Inappetenz.

Gibt es etwas Neues bei Meningokokken – Impfungen? Kommt bald der konjugierte Vierfachimpfstoff?

Zwiauer: Ein Konjugatimpfstoff gegen Meningokokken B ist derzeit in klinischer Erprobung. Mit einer Zulassung in den nächsten beiden Jahren ist zu rechnen – falls die klinischen Studien planmäßig ablaufen.

 

Sollten niedergelassene Ärztinnen und Ärzte bei Verdacht auf Meningokokkeninfektion Antibiotika geben? Egal welche?

Zwiauer: Unbedingt! In der präklinischen Phase kann fast nichts falsch gemacht werden, wenn mit einer Antibiotikatherapie begonnen wird. Und wenn man bedenkt, dass 50 Prozent der Todesfälle schon nach zwölf Stunden versterben – dann zählt jede Minute. Auch eine orale Gabe ist sinnvoll! Meningokokken sind fast zu 100 Prozent penizillinsensibel. Empfehlenswert wäre auch eine Schockprophylaxe, das heißt: Setzen Sie einen Venflon, solange es noch leicht geht ...

 

Gesundheitspolitisch ist das präventive Potenzial der Pneumokokken-Impfung höher? Warum?

Zwiauer: Ja, das ist richtig. Es gibt in Österreich deutlich mehr invasive Pneumokokkenerkrankungen, und auch wenn die Mortalität viel geringer ist: Es gibt deutlich mehr Langzeitschäden. Sie treten bei 20 bis 25 Prozent der Pneumokokkeninfektionen auf.

Also Geld spart sich unser Gesundheitssystem eher mit der Pneumokokkenimpfung – noch dazu, wo diese privat bezahlt werden muss!

 

Das Gespräch führte Dr. Karin Reischl

 

Webtipps:

1www.ages.at/ages/ueber-uns/humanmedizin/organisation-bereich-humanmedizin/imed-graz/referenzzentralen/meningokokken/

2www.verwaltung.steiermark.at/cms/ziel/2651878/DE/

Von Dr. Karin Reischl, Ärzte Woche 28 /2009

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