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Fotos (3): Privat
Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt, Prof. für Vakzinologie, MedUni Wien

Prof. Dr. Christoph Zielinski Vizerektor MedUni Wien

Prof. Dr. Mag. Markus Hengstschläger Department für Medizinische Genetik, MedUni Wien

 
Infektiologie 23. Juni 2009

Heimische Spitzenforscher stellen sich vor

Die MedUni Wien will ein breiteres Bewusstsein für den Stellenwert heimischer Forschungsprojekte schaffen.

Die Medizinische Universität Wien zählt zu den forschungsintensivsten Europas. Viele herausragende Projekte und Forscher verdienen es, der Öffentlichkeit vorgestellt zu werden.

Um mehr Aufmerksamkeit auf die Leistungen heimischer Forschung zu lenken, haben Vizerektor Prof. Dr. Christoph Zielinski und Prof. Dr. Mag. Markus Hengstschläger, Department für Medizinische Genetik, die Initiative „Science Talks“ ins Leben gerufen. Regelmäßig soll nun ein Spitzenprojekt präsentiert werden.

Anlässlich des ersten „Science Talk“ am 8. Juni in Wien wurde das Forschungsprojekt „Geographic Me-dicine“ – internationale Research-Aktivitäten im Bereich Vakzinologie und in der Tropenmedizin an der MedUni Wien – präsentiert, das unter Leitung von Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt läuft. Die Expertin hat den einzigen Lehrstuhl für Vakzinologie in Österreich inne und leitet seit 2004 das Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin (ISPTM). Dessen Aufgabengebiete umfassen sowohl Impfwesen (Vakzinologie) als auch Infektiologie. Hengstschläger: „Damit stellt das Institut eine wesentliche Schnittstelle zwischen dem theoretischen und dem klinischen Bereich dar.“ Einerseits werden patientenorientierte Versorgungsmaßnahmen durchgeführt (etwa Impfempfehlungen, Differentialdiagnosen und Therapievorschläge bei erkrankten Auslandsreisenden) und gesundheitspolitische Aufgabengebiete (z.B. nationale und reisemedizinische Impfprogramme, Infektionsepidemiologie) bearbeitet. Andererseits werden Grundlagen- und klinisch orientierte Forschung auf den Gebieten der Vakzinologie, Infektiologie und Immunologie forciert.

Spezialambulanz im Aufbau

Die entstehende „Spezialambulanz für Impfungen, Reise- und Tropenmedizin“ zur Impfversorgung und medizinischen Abklärung kranker Reiseheimkehrer wird laut Wiedermann-Schmidt eine weitere Verbesserung in der Zusammenarbeit mit dem klinischen Bereich zur möglichst raschen und effizienten Krankenversorgung darstellen. Zentrale Themen sind Impfimmunologie, Impfstoffentwicklung sowie die bevorstehende Gründung des „Centers für Geographic Medicine“.

Infektionen mit hohem sozioökonomischem Druck

„Zunehmende Migrations- und Reisetätigkeit sowie die Klimaerwärmung sind Gründe für den Einzug von Erkrankungen in hiesige Breiten, die bislang als typische Tropenkrankheiten betrachtet wurden“, erklärte Wiedermann-Schmidt. Unter der Bezeichnung „new emerging diseases“ sind Virus-Infektionen wie SARS, West Nile Fieber oder Chikungunya Fieber global bekannt geworden.

Aktuelles Beispiel für die rasche Ausbreitung einer Infektionskrankheit ist die „neue Grippe“ (H1N1). Aber auch Erkrankungen wie Tuberkulose zeigen eine deutliche Zunahme, besonders bei Personen mit Migrationshintergrund. Diese Situation wird durch den Anstieg therapieresistenter Keime verstärkt. Die Veränderungen erfordern neue oder verbesserte Prophylaxe- und Therapiestrategien. Diese wiederum setzen voraus, dass pathophysiologische und immunologische Abläufe bestimmter Erkrankungen charakterisiert und Erreger-Wirt-Interaktionen sowie molekularbiologische Antigenspezifitäten besser verstanden werden.

Forschungsprojekt: Parasitosen und Co-Infektionen

Parasitosen (z.B. Wurmerkrankungen, Malaria, Leishmaniosen, Toxoplasmosen) haben die Eigenschaft, das Immunsystem des Menschen so zu beeinflussen, dass das Überleben des Parasiten im Wirt gesichert wird. Diese Evasionsstrategien bewirken häufig, dass immunsuppressive Mechanismen induziert werden, die für den Wirt (abgesehen davon, dass der Erreger nicht eliminiert werden kann und dadurch ein chronischer Verlauf der Erkrankung entsteht) positive wie auch negative Auswirkungen haben können. Epidemiologische Untersuchungen zeigen, dass immunologische und inflammatorische Hyperreaktivitäten, wie Allergien und Autoimmunerkrankungen, im Zuge der durch die Erreger induzierten Immunsuppressionen verhindert oder gelindert werden können. Dieses Phänomen, bekannt als „Hygienehypothese“, fand seine Bestätigung auch durch experimentelle Arbeiten. Das ISPTM konnte mit Hilfe eines Mausmodells für Toxoplasmose zeigen, dass Typ-I-allergische Reaktionen verhindert werden können.

Nachteilige Folgen der Parasiten-induzierten Immunsuppression können zu reduzierter Abwehrkraft gegen Co-Infektionen führen (Protozoen- und Wurminfektionen; HIV und opportunistische Infektionen etc.), die eine Verstärkung der immunsuppressiven Mechanismen bewirken. Ein Circulus vitiosus entsteht, der Krankheitsverlauf verschlechtert sich. Um den Einfluss von Co-Infektionen auf das Ansprechen auf Impfungen aufzuklären, wendet das Institut das etablierte Protozoeninfektionsmodell an, indem eine Zweitinfektion induziert wird. Dieses Co-Infektionsmodell erlaubt die Untersuchung der immunologischen Interferenzphänomene zweier Parasiteninfektionen auf die Wirksamkeit von systemischen und mukosalen Impfstoffen. Die Fragestellung soll auch epidemiologisch und immunologisch vergleichend in unseren Breiten in Zusammenarbeit mit Kliniken der MedUni Wien (Abteilung für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin, AKH) und in Entwicklungsländern (SO-Asien und Afrika) in Kooperation mit der MUVI (Medical University Vienna International) im Rahmen des Projekts „Geographic Medicine“ untersucht werden. „Ein weiteres Projekt beschäftigt sich mit Tuberkulose und Co-Infektionen, die im Zuge der Migrationstätigkeit auch in Europa an Bedeutung zugenommen haben“, so Wiedermann-Schmidt. Auch hier werden die wissenschaftlichen Fragestellungen mit Hilfe von experimentellen Modellen wie auch im Rahmen klinischer Projekte beforscht werden.

Impfversagen im Visier

Unabhängig von Co-Infektionen kommt es aber aus vielfach unerklärten Gründen bei einem gewissen Prozentsatz der Bevölkerung zum Auftreten von Impfversagern bei allgemeinen Schutzimpfungen.

„Wir untersuchen die immunologischen Hintergründe für derartige Impfversager, deren Infektionsrisiko derzeit nicht geklärt ist. Derartige Untersuchungen können bestehenden Impfempfehlungen und Impfschemata positiv beeinflussen. Als Beispiel für ein langjähriges translationelles Forschungsprojekt zwischen unserem Institut und der Abteilung Onkologie an der Klinik für Innere Medizin sollen auch die Entwicklung einer Brustkrebsvakzine und die Durchführung einer klinischen Phase-I-Studie genannt sein“, so Wiedermann-Schmidt.

Von Dr. Monika Steinmaßl-Wirrer, Ärzte Woche 25 /2009

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