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Infektiologie 3. September 2008

Der Würgeengel (Narrenturm 153)

Von den „903 Todesarten, die in der Welt geschaffen wurden“, ist sie die grausamste, heißt es im Talmud: Askara, so wird die gefürchtete Diphtherie dort genannt. Hippokrates beschrieb die Seuche und ihren Verlauf bereits im vierten Jahrhundert vor Christi.

Weil die Krankheit aus dem Orient eingeschleppt wurde, nannten sie die alten Römer „syrisches Geschwür“ oder „ägyptisches Übel“. Das am meisten auffallende Symptom beschrieb schon der griechische Arzt Aretaios im ersten Jahrhundert n. Chr., einen hautartigen Belag, der sich vom Rachen auf den Gaumen ausbreitet und zum „Erdrosseln“ des Erkrankten führt. In Europa erlangte die Seuche unter dem Namen Braunhals-Epidemie, „häutige Bräune“, „Todes- oder Würgeengel der Kinder“, Krupp – nach einem schottischen Slangausdruck für Heiserkeit – und schließlich Diphtherie traurige Berühmtheit. Bis weit ins 20. Jahrhundert tötete diese schreckliche Krankheit Hunderttausende Kinder nach „schwerem Todeskampfe“.
Jahrhunderte lang versuchten Ärzte vergeblich, den „Würger“ in den Griff zu bekommen. Amulette gegen den „hundeköpfigen Dämon mit den Greifvogelklauen“ und Gebete zu St. Blasius, dem Schutzheiligen gegen Halsleiden, halfen genauso viel gegen den grausamen Erstickungstod wie Gurgelwasser aus abgekochten Linsen oder Salz, zerriebene Tausendfüßler oder Schwalbennester. Sinnvoller war da schon der Luftröhrenschnitt, der angeblich bereits im 2. Jahrhundert vereinzelt angewandt wurde. Allerdings wenig erfolgreich, die meisten Patienten verbluteten. Routinemäßig tracheotomiert wurde bei der Diphtherie erst am Beginn des 19. Jahrhunderts. Der französische Arzt Pierre Bretonneau (1778 – 1862) etablierte gemeinsam mit seinem Schüler Armand Trousseau (1801 – 1867) ein standardisiertes Vorgehen bei der Operation und gab der Krankheit auch ihren Namen. Zunächst nannte er die membranöse Laryngitits „Diphtheritis“ – aus dem griechischen diphthera für „Gerbhaut“ und -itis für Entzündung, später dann „Diphtherie“, um darauf hinzuweisen, dass es sich hier um eine generalisierte Krankheit handelt.

Ein keulenbewehrtes Bakterium

Trotz der – dank der Tracheotomie – großen Fortschritte und trotz der „zahllosen Fälle von Kindern, welche dem drohenden Tode entrissen wurden“, starben Ende des 19. Jahrhunderts noch immer achtzig Prozent der Erkrankten. Die Diphtherie war bei den Drei- bis Fünfjährigen die häufigste Todesursache. Über das Warum wurde weiterhin gerätselt. Im Jahr 1884 kam schließlich der Bakteriologe Friedrich Löffler (1852 – 1915), ein Schüler Robert Kochs, dem Geheimnis auf die Spur und identifizierte am kaiserlichen Gesundheitsamt in Berlin den Erreger der Krankheit: ein gram-positives stabförmiges Bakterium mit keulenartigen Verdickungen an seinen Enden. „Löffler-Bakterium“ oder „Diphtheriebazillus“ wurde es zunächst genannt. Corynebakterium (coryne, griechisch für Keule) diphtheriae lautet die aktuelle Bezeichnung. Da in viele Organen – Herz, Leber, Nieren, Nervensystem – die Diphtherie zwar schwerste Schäden verursachte, aber in den Organen selbst keine Bakterien gefunden wurden, vermutete bereits Löffler, dass die Schädigungen in den Organen von einem Gift verursacht werden, das die Bakterien, die sich im Nasen- und Rachenbereich vermehren und dort eine bräunliche, süßlich riechende, lebensgefährliche Pseudomembran bilden, ausgeschieden werden. Löffler behielt Recht. Vier Jahre später isolierten zwei Mitarbeiter Louis Pasteurs, Emile Roux und Alexandre Yersin, in Paris das Diphtherietoxin. Ein Gift, das bereits in geringsten Dosen tödlich ist.
Die erste wirksame Behandlung gegen die Diphtherie entwickelten schließlich Emil von Behring (1854 – 1917) und sein japanischer Kollege Shibasaburo Kitasato (1853 – 1931) – diesmal zwei Mitarbeiter Robert Kochs in Berlin. Sie experimentierten 1890 mit dem Diphtherietoxin und bemerkten, dass im Blut der Tiere, denen sie kleine Mengen des Giftes Toxin gespritzt hatten, „Antitoxine“ auftauchten. Behring und Kitasato hatten die Antikörper entdeckt. Als Behring erkannte, dass mit dem Serum immunisierter Tiere diphtheriekranke Tiere geheilt werden konnten, begann er damit ein „Diphtherieheilserum“ herzustellen.

Das Weihnachtswunder

Am Heiligabend des Jahres 1891 wurde in der Berliner Charité ein kleines Mädchen mit Fieber und Atemnot eingeliefert. Diagnose: Diphtherie. Die kleine Patientin wurde daraufhin erstmals mit dem neuen „Heilserum“ behandelt. Ein paar Tage später war das Kind gesund. Ob sich die Geschichte wirklich so zutrug, sei dahingestellt. Sicher ist, dass die von Behring entwickelte Serumtherapie Hunderttausende Kinder vor einem schrecklichen Tod bewahrte. Dafür erhielt Behring 1901 den ersten Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Von Kaiser Wilhelm II. wurde er in den erblichen Adelsstand erhoben, vom Volk erhielt er den Ehrennamen „Retter der Kinder“.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 35/2008

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