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Mitglieder einer Selbsthilfegruppe des Deutschen Allergie- und Asthmaverbandes sind im Heilstollen Ehrenfriedersorf unter Tage unterwegs. Die Zinnerzgrube im Erzgebirge bietet Nordic Walking in 100 Meter Tiefe an.
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Immunologie 24. Mai 2016

Urlaub unter und über Tage

Allergiker und Asthmatiker sollen sich im Sommer nicht daheim einigeln, nur einige Regeln beachten.

Die Österreicher sind im europäischen Vergleich auffällig reiselustig. Für Allergiker ist die richtige Planung des Urlaubsdomizils noch wichtiger als für vollkommen gesunde Menschen. Die Grundregel „hoch hinauf oder ans Meer“ gilt nur mit Einschränkungen.

Das europäische Urlaubsbarometer ( bit.ly/1WCrZp3 ) bescheinigt den Österreichern, ein besonders reiselustiges Volk zu sein. 63 Prozent der Österreicher planen für 2016 einen Sommerurlaub, gefolgt von den Franzosen mit 57 Prozent und den Deutschen mit 55 Prozent. Hoch ist auch die Zahl derer, die bei der Reiseplanung Allergien berücksichtigen müssen. Immerhin gelten rund 1,6 Millionen Österreicher als Allergiker.

Damit der Urlaub Linderung bringt, will das Urlaubsdomizil gut ausgewählt sein. Auch wenn es eine 100 Prozent allergenfreie Zone nicht gibt. In den arabischen Wüsten fliegen Gräserpollen dank großzügig bewässerter Grünanlagen – und selbst in der Antarktis wurden Katzenhaare gefunden.

Im Vorteil ist, wer seine Allergie auslösenden Pollen kennt und abhängig von der Blütezeit die Region auswählt, in denen der betreffende Pollen nicht mehr oder noch nicht fliegt. Dr. Katharina Bastl vom österreichischen Pollenwarndienst (www.pollenwarndienst.at): „Grundsätzlich gilt, mit Einschränkungen, die einfache Regel: im Sommer in die Höhe und ans Meer.“

In die Berg bin i verschnupft

Ein Beispiel: Bergtouren sind für Erlenpollenallergiker im Mai oder Juni eine ganz schlechte Idee, denn das ist die Blütezeit der Grünerle, die Lawinarrinnen in höheren Lagen besiedelt. Grau- und Schwarzerle machen im Sommer keine Probleme mehr. „Das ist ein schlagendes Beispiel dafür, dass die höheren Lagen nicht immer so einwandfrei zu empfehlen sind“, sagt Bastl.

Angenehm: Oft kommen Milben in Höhenlagen über 1500 m nicht mehr vor. Ab 1800 Metern ist die Luft praktisch milbenfrei. Dann entfällt für Menschen mit Hausstaubmilben-Allergie auch die Informationspflicht, wie es mit der Matratzenreinigung und Schutzhüllen in den Hotels aussieht.

Alternativ sollte nach einem trocken und sonnig gelegenen Zimmer gefragt werden, das sich nicht in der Nähe eines Schwimmbeckens befindet. Zum Lüften empfiehlt sich eher die Klimaanlage als ein geöffnetes Fenster. Zu bevorzugen ist überdies ein Hotel oder Zimmer, zu dem Haustiere keinen Zutritt haben. Schimmelallergiker sollten zudem auf die Benutzung von Schubladen und Kästen in ihrer Bleibe verzichten, denn diese Stauräume sind der ideale Platz für Schimmelsporen.

Seewind verschafft Heuschnupfengeplagten Erleichterung. Küsten in nordwestlicher Ausrichtung und mit viel Nordwestwind, die Nordseeküste oder die Atlantikküsten in Frankreich, Spanien und Portugal, sind gute Urlaubsziele für Allergiker. Und auch Kreuzfahrer und Besucher von Hochseeinseln können ganzjährig aufatmen. Das gilt übrigens nur bedingt für Madeira, denn auf der Blumeninsel fliegen Blütenpollen.

Eschenpollenallergiker könnten im Mittelmeerraum ebenfalls Probleme bekommen. Expertin Bastl erklärt warum: Es gebe Kreuzreaktionen mit Ölbaumpollen, vor allem in Südeuropa müsse man im Juli noch mit Ölbaumpollen rechnen. Graspollenallergiker könnten mit der langen Blütezeit der diversen Wegerich-Arten, nämlich über den Sommer hinaus, Probleme bekommen. Nach Bastl teilt sich Europa hier in eher schlechte und eher gute Urlaubsziele: Zu den schlechten zählen Norditalien , der Balkan, Slowenien, Kroatien , Österreich, Tschechien, das südliche und östliche Deutschland und Ungarn. Günstig sind der Süden Spaniens, das vollmediterrane Gebiet als Ganzes, Belgien, die Schweiz das westliche und zentrale Deutschland, Dänemark und Frankreich. Bastl abschließend: „Der Wegerich ist kein Super-Allergen, kann aber die vorhandenen Beschwerden verstärken.“

Noch kaum bekannt ist die Kreuzreaktionen von Brennnessel- und Glaskrautpollen, zweier verwandter Gattungen aus der Familie der Brennnessselgewächse (botanisch: Urticaceae). Ein sehr seltenes Phänomen, Bastl kennt einen eindeutigen Fall eines Brennnessel-Pollenallergikers aus Deutschland. Doch im Mittelmeerraum kommt Glaskraut häufiger vor als bei uns.

Unverträglichkeiten bestimmter Nahrungsmittel können auf der Reise lästig werden. Viele Hotels und Gaststätten sind nicht darauf eingestellt. Betroffene sollten sich Unterkünfte und Restaurants daher gezielt aussuchen. Um Allergikern durch allergiearme Räumlichkeiten eine sichere Umgebung und auch einen sicheren Speiseplan zu bieten, hat die Europäische Stiftung für Allergieforschung ( www.ecarf.org ) das Modellprojekt „Entwicklung von Leitfäden und Zertifizierung allergikerfreundlicher Kommunen“ initiiert (siehe Zusatzbericht auf dieser Seite).

Zuletzt noch einige praktische Tipps: Ohne seine Medikamente wird kaum ein Allergiker das Haus verlassen. Doch sollte sichergestellt sein, dass die Medikamente noch haltbar, in ausreichender Menge vorhanden und – besonders im Flugzeug – immer griffbereit sind.

Empfehlenswert ist auch ein Spray mit Meersalzlösung, um die Schleimhäute der Nase feucht zu halten. Trockene Schleimhäute können die Allergiesymptome verschlimmern.

Die neuen Kurorte für Asthmatiker

An heißen Sommertagen wird einer der größten Wasserfälle Europas , die Krimmler Wasserfälle im Nationalpark Hohe Tauern, zum Sehnsuchtsziel für Asthmatiker. Im vergangenen Sommer wurde ein Museumsthemenpark (www.wasserwelten-krimml.at) eröffnet. Als Pollenfluchtorte gelten außerdem Obergurgl in Tirol und Obertauern.

In Deutschland gibt es ein Kurort-Gütesiegel der Stiftung ECARF (European Centre for Allergy Research Foundation) für allergiefreundliche Kommunen „von den Alpen bis zur See“. Empfohlen werden u. a. die ostfriesische Insel Borkum und Oberstdorf im Allgäu, Unterkünfte online unter: bit.ly/1WDSIRw .

Martin Burger, Ärzte Woche 21/2016

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