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Immunologie 15. März 2016

2016 wird ein Birkenjahr

Frühe Blüte lässt Allergiepatienten leiden. Für manche war heuer auch der Winter eine Belastung.

Neu auftretende Allergene verkürzen die pollenfreie Zeit. Die Therapie sollte früh beginnen, um belastendes Asthma oder die Entstehung weiterer Allergien zu verhindern.

Acht bis neun Jahre gehen ins Land zwischen dem ersten Auftreten einer Allergie und dem Beginn einer allfälligen Therapie. „Das ist definitiv zu lang“, sagt der Leiter des Pollenwarndienstes der MUW, Uwe E. Berger.

„Ich möchte, dass die österreichischen Allergologen nicht die Pathologen der Allergie sind – wissen alles, aber zu spät –, sondern dass sie die Gynäkologen der Allergie werden – wissen alles schon im Vorfeld.“ Das sagt Prof. Dr. Reinhart Jarisch.

Die Pollensaison 2016 hat gerade angefangen, die Blüte der Esche, ein unterschätztes Allergen, steht kurz bevor.

Früher Allergietest wichtig

Die frühzeitige Diagnose einer Allergie sei einfach: „Wenn Sie einen Schnupfen eine Woche lang haben, und nach einer Woche ist er vergangen, dann wird es ein Virusschnupfen sein. Und wenn der Schnupfen nach einer Woche nicht vergeht, dann sollten Sie dran denken, dass es eine Allergie ist, und der Patient sollte zum Allergietest kommen. Denn je länger man das hinauszögert, umso eher besteht die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwann ein Asthma entsteht, und das ist keine Krankheit, die ich jemanden wünsche.“

In einer Salzburger Studie wurden 500 Schüler untersucht, von denen 51 Prozent IgE-Antikörper hatten, also sensibilisiert waren. Die Hälfte der Schüler mit IgE-Antikörpern (25 Prozent aller untersuchten Schüler) hatte eine klinisch manifeste Allergie. Jarisch: „Ein Viertel unserer jungen Bevölkerung leidet unter einer bekannten Allergie, ein weiteres Viertel steht im Wartezimmer der Allergie.“ Daher müsse man sich intensiv mit Diagnostik und Therapie beschäftigen.

Nahrungsmittelallergien enden üblicherweise mit dem 6. Lebensjahr. Eier- oder Milchallergien seien, wenn man so will, Kinderkrankheiten, sagt der stv. Leiter des Floridsdorfer Allergiezentrums. Aber dann fangen Gräser-, Hausstaubmilben- und Birkenpollen-Allergien an, das seien die wichtigsten Allergene.

„Mehr als 30 Prozent unserer Patienten sind für die Birke sensibilisiert“, sagt Jarisch. Bei Birkenpollenallergikern bilden sich oft so genannte Kreuzreaktionen zu Nahrungsmitteln wie Äpfel, Nüsse, Karotten, Kiwi, etc. „Es heißt auch immer, es gibt einen gesunden Apfel. Den gesunden Apfel gibt es nicht. Es ist korrekt zu sagen, dass der Apfel Vitamine enthält, aber 200.000 Birkenpollenallergiker vertragen den Apfel nicht, und dazu kommen noch 800.000 Fructose-Intolerante dazu. Und wenn sie das zusammenrechen, heißt das, eine Million Österreicher vertragen den Apfel nicht, und dann kann man sicher nicht sagen, dass der Apfel gesund ist, für manche schon, aber nicht für alle.“ Freilich ist Apfel nicht Apfel, manche enthalten Polyphenole, vor allem alte Sorten. Das erkennt man daran, dass das Fruchtfleisch nach dem Anschneiden braun wird, diese Stoffe zerstören die Allergene, und diese Äpfel werden von den Allergikern besser vertragen.

Pollen-Allergien sind alterslos

Prof. Dr. Erika Jensen-Jarolim verweist auf eine „neue“ Gruppe Allergie-Patienten, die „bislang konsequent vernachlässigt wurde“. Es geht um Menschen über 65 – immerhin 18 Prozent der österreichischen Bevölkerung (20,6 Prozent der deutschen und 17,4 Prozent der Schweizer, Anm.). Bis 2030 werden es 23,4 Prozent sein. Die „best ager“ haben durch ihre verlängerte Exposition ein größeres Risiko zu erkranken. Tatsächlich sind die Allergien bei diesen Menschen laut Bundesgesundheitsblatt auf dem Vormarsch. In den vergangenen 15 Jahren gab es im Schnitt 4 Prozent mehr Pollenallergien pro Jahr. Während in der Gruppe der jungen Erwachsenen 40 bis 45 Prozent eine Sensibilisierung aufweisen, haben über 65-Jährige immerhin schon zu 20 Prozent eine manifeste Pollensensibilisierung, sagt die Expertin vom Institut für Pathophysiologie und Allergieforschung an der MUW. „Das haben wir bisher nicht genug beleuchtet. Es gibt gute Gründe das nun zu tun.“

Der bekannte Gruß der Pensionisten („Habe keine Zeit“) passt auch auf den Vorsorgegedanken dieser Gruppe. „Man hat zu wenig Zeit, um eine Allergie abzuklären, Symptome werden ignoriert, obwohl sie im höheren Alter stärker ablaufen können.“

Dem Allergen auf der Spur

Fatal, denn eine allergiebedingte Entzündung kann sich zu Asthma entwickeln, und neue Allergien können entstehen. „Je früher eine Allergie erkannt wird, desto eher kann sie adäquat therapiert und eine Verschlechterung der Beschwerden verhindert werden“, sagt Jensen-Jarolim. „Moderne Verfahren, die auf molekularer Ebene ansetzen, gewinnen zunehmend an Bedeutung. Dabei lässt sich herausfinden, welche Eiweiß-Bestandteile in einem Allergen für die Allergie verantwortlich sind.“

Diese Errungenschaft zeigt eine Sensibilisierung früh an, erhöht die Genauigkeit der Diagnose und macht damit die Therapie noch effektiver. Jensen-Jarolim: „Besonders treffsicher, wenig belastend und als Screening-Methode bei Pollenallergien bestens geeignet ist der Allergen-Mi-krochip mit über 100 Allergen-Molekülen. Der Test ist allerdings nicht überall möglich, denn er erfordert spezielles Wissen für die Interpretation der umfassenden Ergebnisse.“

Dr. Katharina Bastl vom Pollenwarndienst am AKH bot einen Ausblick auf das Pollenjahr 2016, das aufgrund neu hinzugekommener Allergene immer länger wird, anders ausgedrückt: „Dort wo die Purpur-erle verbreitet ist, verkürzt sich die pollenfreie Zeit auf nur noch zwei Monate im Jahr.“ Die nächste Belastungswelle kommt nun mit der Esche, die vereinzelt an günstigen Standorten bereits zu blühen beginnt. „Es ist aber kein explosionsartiger Saisonbeginn zu erwarten, dafür ist das Wetter noch zu unbeständig“, so Bastl. Auch die Birke wird dieses Jahr etwas früher zu blühen beginnen. Abhängig vom Wetter der nächsten Woche müssen Allergiker ab Mitte/Ende März mit ersten Belastungen rechnen. Die Pollenmenge wird heuer deutlich über dem üblichen Schnitt liegen. Wie Allergi- kerInnen darauf reagieren, hängt allerdings davon ab, wie die Saison beginnt und verläuft. „Wird es kontinuierlich wärmer, startet die Saison zwar früh, dafür aber gemäßigt“, erklärt Bastl. „Erleben wir weiterhin starke Temperaturschwankungen, beginnt der Pollenflug sehr plötzlich oder steigt die Pollenmenge während der Flugzeit immer wieder sprunghaft an, ist zwar der Beginn hinausgezögert, die Belastungen werden jedoch bedeutend stärker erlebt als bei einem langsam ansteigenden Pollenflug.“

Zwei Millionen Menschen nutzen den kostenlosen Service auf www.pollenwarndienst.at . Die Pollen-App begleitet mehr als 240.000 AllergikerInnen durch die Pollensaison, die Facebook-Seite hat mehr als 7.000 Fans. Auch für die wichtige Früherkennung hat die renommierte Forschungseinrichtung Angebote parat. Berger: „Um Allergikern die Entscheidung für einen Arztbesuch zu erleichtern, haben wir einen klinisch geprüften Selbsttest in unsere App und die Webseite integriert.“ Der Fragebogen zeigt die Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen einer allergischen Atemwegserkrankung auf und ist einfach durchführbar. Zudem steht eine „Facharztsuche“ zur Verfügung.

Uwe Berger und Katharina Bastl präsentieren das bei Manz erschienene Buch „Pollen & Allergie“ am 22. März um 19:00 Uhr in der Buchhandlung Thalia, Mariahilfer Straße 99, Wien 6.

Welt-Allergie-Tag

Allergie und Asthma hängen eng zusammen: Mehr als ein Drittel der Allergiker entwickeln zusätzlich ein Asthma. Umgekehrt leiden acht von zehn Asthmatikern auch an einer Allergie. Und jeder zehnte Asthmatiker hat das Pech, dass die Beschwerden trotz Therapie kaum unter Kontrolle zu bringen sind. Gute Nachrichten kommen jedoch aus der Forschung. Die neuesten Erkenntnisse dazu sowie Informationen über Diagnose, Verhalten im Akutfall und Therapie gibt es am „Welt-Allergie- und Asthma-Tag“ (2. April 2016, 10 bis 17 Uhr, Tagungszentrum Schloss Schönbrunn) der Österreichischen Lungenunion.

Quelle: www.lungenunion.at

Martin Burger, Ärzte Woche 11/2016

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