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Auch Goji-Beeren können Grund für eine Nahrungsmittelallergie sein.
 
Immunologie 14. Oktober 2013

Neu entdeckte Allergene

Zunehmend sind Nahrungsmittel Auslöser einer Anaphylaxie.

Lebensmittel zählen zu den häufigsten Auslösern von anaphylaktoiden Reaktionen. Allergene wie etwa Erdnuss, Fische und Krustentiere oder Soja sind bekannt. In den letzten Jahren wurden neue Allergene identifiziert.

Prof. Dr. Tilo Biedermann, Dermatologische Klinik der Universität Tübingen, beschrieb den Fall eines 63-jährigen Patienten, der wiederholt auf Schweinenieren mit generalisierter Urticaria, Angioödem und Schwindel reagierte. Spezifisches IgE war gegen Allergene von Schwein, Rind, Katze und Milch nachweisbar. Der Patient zeigte eine Reaktion nur nach Provokation mit Schweinenieren, jedoch nicht mit Muskelfleisch vom Schwein.

Verantwortlich für Reaktionen dieser Art ist Galaktose-a-1,3-Galaktose (kurz a-Gal), eine ubiquitäre Zuckerstruktur an Glykoproteinen und Glykolipiden bei Säugern. Primaten und der Mensch besitzen dieses Epitop jedoch nicht. „Ein Prozent unseres IgG-Pools ist gegen a-Gal gerichtet“, berichtete Biedermann. Charakteristisch äußern sich Anaphylaxien nach Genuss von rotem Fleisch (nicht Geflügel oder Fisch) mit einer Verzögerung von vier bis sechs Stunden oder länger. Der spezifische IgE-Titer ist unabhängig von der Reaktion. Standardisierte Hauttests zeigen hier keine ausreichende Sensitivität. Biedermann empfahl die Testung nativer Proben im Prick-to-Prick-Test.

Spezifische Reaktionen sind auch möglich nach Genuss von Milch oder Kontakt mit Katzen (a-Gal sitzt auch als Seitenkette auf IgG in Kuhmilch oder IgA von Katzen). Beschrieben sind a-Gal-induzierte Anaphylaxien nach Gabe von kolloidalen Infusionslösungen. Anaphylaktische Reaktionen auf rotes Fleisch können auch erst in Summation mit anderen Faktoren (Alkohol, Medikamente, körperliche Anstrengung) auftreten.

Lupinenmehl, Goji-Beere und Co.

Auf die Problematik unbekannter oder unerwarteter Allergene machte Prof. Dr. Randolf Brehler von der Universitätshautklinik Münster aufmerksam. Der Anteil von Lupinenmehl mit seinen emulgatorischen Eigenschaften in der Nahrung nimmt zu. In Frankreich stehen Lupinenprodukte bereits an der vierten Stelle der anaphylaktischen Reaktionen auf Nahrungsmittel. Diese Allergene sind zudem hitzestabil. Bei Patienten kann eine isolierte Sensibilisierung vorliegen, Kreuzreaktionen auf Soja und Erdnuss sind ebenfalls möglich.

Großer Beliebtheit erfreut sich aktuell die Goji-Beere, etwa als Bestandteil von Müsli. In einer Studie mit 566 Allergikern ergab sich eine Sensibilisierungsrate gegen diese Beere von 5,8 Prozent. Kreuzreaktivität mit Allergenen wie Tomate, Nüsse oder Beifuß ist möglich. Das Hauptallergen mit hohem Sensibilisierungspotenzial scheint das Lipid-Transferprotein zu sein.

Aktuell beschrieben sind Anaphylaxien nach Verzehr von Getreideprodukten. Verantwortlich dabei waren Hausstaub- oder Vorratsmilben in Mehl (orale Milben-Anaphylaxie). Unerwartete Allergene sind auch bei genetisch veränderter Nahrung möglich. So kann genmodifiziertes Soja beispielsweise Allergene der Paranuss enthalten.

Anstrengungsinduzierte Nahrungsmittel-Anaphylaxie

Ein bekanntes Phänomen sind anaphylaktische Reaktionen, die durch körperliche Anstrengung getriggert werden (Food-Dependend Exercise-Induced Anaphylaxis, FDEIA). Brehler machte darauf aufmerksam, dass dies auch bei Weizenprodukten möglich ist.

Das durch Inhalation von Weizenallergenen verursachte Bäckerasthma wird durch Albumine, Globuline, Gliadine und Glutenine verursacht. Die Weizenallergie nach oraler Allergie lösen ebenfalls Albumine, Globuline sowie Alpha-Gliadin und niedrigmolekulare Glutenine aus. Die FDEIA dagegen ist vermittelt durch Omega-Gliadin – vor allem die Allergene Tri a 19 und 26 – sowie durch hochmolekulare Glutenine. Eine von mehreren bekannten Pathomechanismen der FDEIA bei Weizen läuft über die durch Anstrengung und andere Risikofaktoren aktivierte Transglutaminase. Dieses Enzym vernetzt Omega-5-Gliadinpeptide, die als Allergenkomplexe zur IgE-Bindung und zur Anaphylaxie führen.

Durch Weizenallergene ausgelösten FDEIA treten mitunter auch als Summationsanaphylaxie auf. Bei der diagnostischen Nahrungsmittelprovokation haben sich Augmentationsprotokolle bewährt. Sie beinhalten als Auslösefaktoren jeweils im Abstand von 30 Minuten die Gabe von Medikamenten (z. B. Ibuprofen oder Aspirin), Alkohol, das zu testende Nahrungsmittel und körperliche Belastung auf dem Laufband.

basierend auf: Biedermann T.: Pathophysiologie – Neues aus dem Labor; Brehler R.: Weizen und Co. – Neues aus der Klinik; AllergoCompact: „Update – Anaphylaxie“, 8. Deutscher Allergiekongress, Bochum, 6. September 2013

springermedizin.de/Fischer, Ärzte Woche 42/2013

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