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Immunologie 7. Oktober 2013

Histaminintoleranz: Pro und Contra

Reale Erkrankung oder akademisches Luftschloss?

Histamin ist bekannt als Entzündungsmediator und in höheren Dosen als toxische Substanz. Ob es Patienten mit definitiver Histaminunverträglichkeit gibt, war unter anderem Thema auf dem Deutschen Allergologen-Kongress in Bochum, wo Prof. Dr. Reinhart Jarisch aus Wien und Prof. Dr. Margitta Worm aus Berlin ihre unterschiedlichen Meinungen präsentierten.

Pro: Histaminintoleranz als „Minimalform“ eines anaphylaktischen Schocks 

Viele Nahrungsmittel enthalten Histamin, zu den häufigsten Auslösern von Unverträglichkeitsreaktionen zählen Rotwein, Käse, Schokolade sowie Rohwürste, Nüsse und Fisch. Prof. Dr. Reinhart Jarisch, Floridsdorfer Allergiezentrum, Wien, machte darauf aufmerksam, dass das Enzym Diaminoxidase (DAO) eine zentrale Rolle bei der Histaminmetabolisierung spiele. Entsprechend würden auch Inhibitoren dieses Enzyms (z. B. Acetylcystein, Ambroxol, Metamizol, Metoclopramid) diese Erkrankung auslösen.

Jarisch bezeichnete die Histamin-Intoleranz als „Minimalform eines anaphylaktischen Schocks“. Er wies zudem darauf hin, dass Heroinabhängige häufig an typischen Symptomen wie Urticaria, Flush, Übelkeit/Erbrechen, Dyspnoe und Tachykardie litten. Auch bei substituierten Patienten sei die Histamin-Serumkonzentration gegenüber Gesunden um das Mehrfache erhöht und die DAO-Konzentration signifikant erniedrigt.

Kopfschmerzen zählen ebenfalls zu den klassischen Symptomen der Histaminunverträglichkeit. Jarisch stellte eigene Daten eines Kollektivs von Kopfschmerzpatienten vor. Nach einer vierwöchigen histaminfreien Diät konnte die Zahl der Tage mit Kopfschmerzen von 13,9 auf 1,7 pro Monat gesenkt werden. In der Schwangerschaft nimmt die Migränerate deutlich ab; möglicherweise komme, so Jarisch, dabei der DAO eine Bedeutung zu, die bei Schwangeren im Serum ansteigt.

Contra: Evidenz spricht gegen Histaminintoleranz

Histamin als biogenes Amin wirkt in hoher Dosierung toxisch. Die Definition einer Intoleranz, so Prof. Dr. Margitta Worm, Dermatologische Universitätsklinik der Charité, Berlin, beinhalte den Funktionsverlust eines Enzyms durch einen genetischen Defekt mit gesundheitlichen Folgen wie etwa bei der Laktose-Intoleranz. Dies sei bei Histamin nicht der Fall.

Einzelstudien und eine Metaanalyse konnten nach Worm bisher „… keine wissenschaftlichen Nachweise für die postulierte Nahrungsmittelintoleranz durch biogene Amine wie das Histamin finden“. Sie verwies auf eine Studie, bei der sowohl bei gesunden Probanden wie auch bei Neurodermitikern nach Histamin-Provokation die Symptome unabhängig vom Histamin-Serumwert auftraten1. Eine Bestimmung des Histamins sollte deshalb nicht zur Diagnostik herangezogen werden.

Mehrere placebokontrollierte Studien konnten zudem keinen Zusammenhang zwischen dem Gehalt von Histamin in Rotwein und dem Auftreten von Symptomen zeigen. Problematisch seien auch die derzeit zur Verfügung stehenden Assays zum Nachweis der DAO. Worm betonte, dass nicht nur unterschiedliche Messverfahren divergente DAO-Serumwerte, sondern auch beim gleichen Messverfahren zu unterschiedlichen Zeitpunkten keine homogenen Werte bei den Patienten ergeben würden.

Literatur: 1 Worms M et al.: Exogenous Histamine Aggravates Eczema in a Subgroup of Patients with Atopic Dermatitis. Acta Derm Venereol 2009; 89: 52–6

Quelle: Jarisch R., Worm M.: Histamin-Unverträglichkeit – gibt es das? 8. Deutscher Allergiekongress, Bochum, 5. September 2013

springermedizin.de/KK, Ärzte Woche 41/2013

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