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Univ.-Prof. DI Dr. Barbara Bohle, Leiterin des Instituts für Pathophysiologie und Allergieforschung

Uwe E. Berger, MBA

Leiter des Österreichischen Pollenwarndienstes und der Forschungsgruppe Aerobiologie und Polleninformation, Medizinische Universität Wien

(c)Privat

 
Immunologie 2. September 2013

Feuchter Juni beschert nun stärkere Ragweedsaison

Neues Forschungswissen stellt Weichen für künftige Pollenwarnung.

Beifuß und Ragweed haben Hochsaison. Sie sind die letzten Pflanzen, deren Blüte Pollenallergikern heuer noch zu schaffen machen. Laut Österreichischem Pollenwarndienst der MedUni Wien wird die Beifußsaison vergleichbar mit der im Vorjahr sein. Das hoch allergene Unkraut Ragweed hingegen wird aufgrund des vielen Regens im Juni in manchen Regionen stärker und länger blühen. Die Analyse der heurigen Saison brachte für die Pollenforscher an der MedUni Wien nun neue Erkenntnisse, die die künftige Vorhersage wesentlich verändern werden. Eine neue Generation der Pollenwarnung soll mit der Pollensaison 2014 an den Start gehen.

Mit der Blüte von Beifuß und Ragweed nähert sich das Ende der heurigen Pollensaison. Der Pollenflug der Wildkraut- und Gewürzpflanze Beifuß erreichte Mitte August ihre höchsten Werte und wird bis in den September hinein dauern. „Die Beifußsaison unterliegt kaum Schwankungen und wird damit vergleichbar mit dem Vorjahr sein“, informiert Uwe E. Berger, MBA, Leiter des Österreichischen Pollenwarndienstes sowie der Forschungsgruppe Aerobiologie und Polleninformation an der Medizinischen Universität Wien.

Nicht so die sehr widerstandsfähige Unkrautpflanze Ragweed (auch bekannt unter Ambrosia oder Traubenkraut), die sich von Jahr zu Jahr weiter ausbreitet: „Sie macht ihre Blühbereitschaft und -intensität nicht nur von der Temperatur, sondern auch von der Licht- und besonders von der Regenmenge abhängig. Da der Juni in manchen Gebieten Österreichs stärkere Niederschläge als durchschnittlich brachte, werden heuer im nördlichen Burgenland und Niederösterreich mehr Ragweedpollen in der Luft sein.“ Für Kärnten und die Steiermark erwarten die lokalen Pollenwarndienste (Amt der Kärntner Landesregierung sowie Universität Graz, Institut für Pflanzenwissenschaften) durchschnittliche Belastungen, vergleichbar mit den Vorjahren. Belastungen sind im Osten, Süden und Norden Österreichs zu erwarten. Die Saison wird je nach Wetterlage bis in den Oktober hinein dauern. „Unsere wissenschaftlichen Analysen zeigen einen eindeutigen Trend zur Verlängerung der Saison. Unter den richtigen Wetterbedingungen muss auch heuer wieder mit einer um zwei bis drei Tage längeren Saison gerechnet werden“, ergänzt Berger.

Neue Erkenntnis: Saisonverlauf entscheidet

„Bisher gingen wir davon aus, dass Allergiker umso stärker leiden, je mehr Pollen in der Luft sind“, so der Pollenforscher. „Aktuelle Untersuchungen haben nun ergeben, dass die empfundene Belastung nicht allein von der Pollenmenge abhängt.“ Einen viel größeren Einfluss als bisher angenommen hat auch der Verlauf der Saison. Berger erklärt: „Beginnt die Saison sehr plötzlich oder steigt die Pollenmenge in der Luft während der Saison immer wieder sprunghaft an, leiden Allergiker bedeutend mehr als bei einem langsam ansteigenden Pollenflug - auch wenn die Saison insgesamt eine überdurchschnittlich hohe Pollenkonzentration aufweist.“

Dieses Phänomen war heuer besonders während der Birkensaison zu beobachten. Berger: „Der Pollenflug startete explosionsartig und traf die Allergiker plötzlich und unvermittelt. Sie reagierten mit besonders massiven Beschwerden, obwohl die Pollenmenge eher gering war.“ Gegengleich dazu waren im Vorjahr deutlich mehr Birkenpollen in der Luft. „2012 war ein sehr starkes Birkenjahr. Doch laut Angaben der Allergiker in unserem Pollen-Tagebuch waren die Beschwerden im Vergleich zu 2013 eher gering“, so Berger. Die Analyse der vergangenen Ragweed-Saisonen ergab ein ähnliches Bild.

„Zu Beginn der Pollensaison wird unser Immunsystem aktiviert und produziert allergen-spezifische IgE-Antikörper. Während der Saison werden jedoch auch Zellen aktiviert, die durch Unterdrückung der Entzündungsprozesse dafür sorgen könnten, dass sich der Körper schließlich an die Pollenbelastung gewöhnt und sie besser aushalten kann“, beschreibt Univ.-Prof. DI Dr. Barbara Bohle, Leiterin des Instituts für Pathophysiologie und Allergieforschung an der MedUni Wien, einen möglichen Grund für die Reaktion unseres Abwehrsystems. „Beginnt die Saison jedoch überfallsartig oder treten die Belastungen während der Saison immer wieder schubweise auf, trifft es das Immunsystem härter, weil diese regulatorischen Mechanismen vielleicht nicht so effizient aufgebaut werden können.“ Eine weitere Erklärung könnte sein, dass Pollen im Laufe der Saison besser aus den Atemwegen gewaschen werden, da die Schleimhäute durch die ständige Entzündung besser befeuchtet sind. Gleichzeitig betont sie: „Unser Immunsystem ist äußerst komplex und bei weitem noch nicht gänzlich erforscht. Bis wir wirklich wissen, wie unsere Abwehr genau funktioniert, bleiben solche Erklärungen reine Hypothese.“

Pollenwarnung der Zukunft braucht noch genauere Wetterprognose …

Als Konsequenz dieser neuen Erkenntnis wird der Österreichische Pollenwarndienst an der MedUni Wien die Zusammenarbeit mit der ZAMG (Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik), der führenden Wetterstation in Österreich, weiter verstärken. Denn: „Wetter und Pollenflug stehen in direktem Zusammenhang“, so Berger. „Das Wetter hat Einfluss darauf, wann die Pflanzen welche Menge an Pollen ausschütten. Um unsere Prognose weiter verbessern zu können, brauchen wir vor der Saison genaue Daten über die Wetterentwicklung“.

… und aktuelle Beschwerdedaten der Allergiker

Dazu kommt, dass die Allergenität der Pollen von Saison zu Saison und von Region zu Region unterschiedlich ist und dass jeder einzelne Allergiker unterschiedlich empfindlich reagiert. Berger: „Für eine genaue Vorschau brauchen wir auch die Information über die tatsächlich empfundene Belastung. Als Hilfsmittel dafür steht das Pollen-Tagebuch zur Verfügung, in das die Beschwerden an Augen, Nase und Lunge eingetragen werden können.“ Diese Benutzerdaten werden analysiert und als Grundlage für die Belastungsprognose herangezogen. Je genauer und regelmäßiger die Symptomdaten eingetragen werden, desto besser kann daraus eine individuelle Prognose berechnet werden.

Basis für die erfolgreiche Behandlung

Dieses neue Wissen hat auch wesentlichen Einfluss auf die Behandlung. Kennt man die bevorstehende Allergenbelastung, kann man sich rechtzeitig wappnen. Außerdem kann der Erfolg der spezifischen Immuntherapie, die als einzige Behandlungsoption auch die Ursache einer Allergie bekämpft, noch besser überprüft und optimiert werden.

„Die Parameter Pollenmenge in der Luft in Verbindung mit den Wetterbedingungen und den Beschwerdedaten werden künftig die Grundlage der Prognose bilden und eine noch genauere Belastungsvorhersage für jeden einzelnen Allergikers möglich machen“, so Berger. Die Forschungsgruppe arbeitet bereits an der neuen Generation der Pollenwarnung und plant, den Service vor der Pollensaison 2014 den österreichischen Allergikern anzubieten.

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