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Fotos: iStockphoto.com/stockbyte
Viele unterschätzen die Gefahr, die durch einen allergischen Notfall droht. Jedes Jahr sterben in Österreich fünf bis zehn Personen an Anaphylaxie.
 
Immunologie 24. April 2012

Allergischer Notfall: lebensbedrohlich!

Fachgesellschaften und Patientenorganisationen schlagen anlässlich der Weltallergiewoche mit Hilfe einer Informationsoffensive Alarm.

Die Anaphylaxie ist die Maximalvariante einer allergischen Reaktion, die unbehandelt innerhalb weniger Minuten zum lebensbedrohlichen Kreislaufschock und sogar zum Tod führen kann. Ausgelöst wird diese allergische Extremreaktion vorwiegend von Wespen- oder Bienenstichen, Nahrungsmitteln oder Medikamenten. Sorglosigkeit ist deshalb russisches Roulette.

 

Allergie ist nicht gleich Allergie: „Mitunter kann eine Allergie lebensbedrohliche Ausmaße annehmen. Die schwerste Form einer allergischen Reaktion ist eine so genannte Anaphylaxie, die innerhalb weniger Minuten den ganzen Körper betreffen und zum gefährlichen Kreislaufschock führen kann“, so Prof. Dr. Reinhart Jarisch, Floridsdorfer Allergiezentrum und Leiter des Komitees für klinische Allergologie in der Österreichischen Gesellschaft für Allergologie und Immunologie (ÖGAI). Ein einziger Stich einer Biene oder Wespe sowie geringste Mengen bestimmter Nahrungs- oder Arzneimittel können ausreichen, um den Organismus von ansonsten gesunden Menschen völlig aus dem Lot zu bringen. Jarisch: „Das Ausmaß ist nicht vorhersehbar, der Verlauf unkalkulierbar.“ Jährlich sterben fünf bis zehn Menschen in Österreich an den Folgen dieser allergischen Extremreaktion, hunderte landen in der Notaufnahme – darunter viele Kinder.

Frühes Erkennen und richtiges Reagieren im Notfall können deshalb lebensrettend sein. Dennoch wird das Risiko nicht ausreichend wahrgenommen. Nur jeder fünfte Patient, der unter einer Allergie leidet, lässt sie medizinisch beim Facharzt abklären und sehr wenige Anaphylaxie-gefährdete Menschen sorgen für den Notfall vor.

Die Österreichische Gesellschaft für Allergologie und Immunologie (ÖGAI) und die Arbeitsgruppe Allergologie der österreichischen Fachgesellschaft der Hautfachärzte (ÖGDV) nehmen die Weltallergiewoche in Zusammenarbeit mit den Patienten-Organisationen IGAV (Interessensgemeinschaft Allergenvermeidung) und Österreichische Lungenunion nun zum Anlass, um – rechtzeitig vor der Bienen- und Wespensaison – auf Risiko und Tragweite einer allergischen Notfallsituation aufmerksam zu machen und über Warnzeichen, Behandlungsmöglichkeiten und Erste-Hilfe-Maßnahmen aufzuklären.

Auslöser kennen und meiden

„Bei Erwachsenen sind vorwiegend Insektengifte, meist von Wespen, Auslöser für die lebensbedrohliche Anaphylaxie. Etwa 300.000 Österreicher leiden daran. Danach kommen Medikamente, dicht gefolgt von Nahrungsmitteln“, informiert Doz. Mag. Dr. Stefan Wöhrl, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Allergologie in der ÖGDV.

Auslöser Latex

Ein weiteres Risikoallergen ist Latex. Selten auch das Weizenprotein Omega-5-Gliadin oder eine Sensibilisierung auf Lipid-Transfer-Proteine in bestimmten Nahrungsmitteln, für deren Bestimmung man meist speziellere Diagnosemethoden braucht. Die Einnahme bestimmter Medikamente wie z. B. ACE-Hemmer und ganz besonders erhöhte Tryptasewerte im Blut (Mastozytose) sind mit einem zusätzlich erhöhten Risiko für besonders schwere Anaphylaxien verbunden. Mastozytose-Patienten bilden übermäßig viele Mastzellen in der Haut oder in anderen Organen, die entzündungsfördernde Stoffe produzieren, die im Falle eines Allergenkontaktes ausgeschüttet werden. Ein Allergiker, der auch eine Mastozytose hat, reagiert somit viel schwerer als ein normaler Allergiker ohne diese seltene Erkrankung. Weitere Risikofaktoren, eine besonders schwere allergische Allgemeinreaktion zu erleiden, sind allergisches Asthma bronchiale und andere chronische Atemwegserkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie höheres Lebensalter .

Anders als Atemwegsallergien können Allergien gegen Insektengifte und Arzneimittelallergien nicht vererbt werden. Nahrungsmittel-Allergiker hingegen zeigen durchaus eine familiäre Häufung.

Häufige Auslöser bei Kindern

Anaphylaxie-gefährdete Kinder leiden in erster Linie an einer Nahrungsmittel-abhängigen Allergie: „Führend ist hier die Erdnuss gefolgt von den Grundnahrungsmitteln Kuhmilch und Hühnerei sowie Baumnüsse, Fisch und Meeresfrüchte. An zweiter Stelle folgt die Insektengiftallergie gegen Biene oder Wespe“, so die Kinderfachärztin Prof. Dr. Eva-Maria Varga von der Klinischen Abteilung für Pädiatrische Pulmonologie und Allergologie an der Universitäts-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Graz. „Todesfälle sind bei Kindern glücklicherweise relativ selten, dennoch müssen Symptome ernst genommen werden.“

Warnzeichen ernst nehmen

Betroffene müssen ihre Allergie, deren Auslöser und die ersten Warnzeichen einer allergischen Reaktion genau kennen. Bereits bei ersten allergischen Symptomen oder nach milden Zwischenfällen ist es ganz wesentlich, umgehend einen allergologisch versierten Arzt aufzusuchen.Der unter Umständen lebensbedrohliche Allergieschock kündigt sich meist zuerst an der Haut an, gefolgt von den Atemwegen und dem Herz-Kreislaufsystem. Typische Symptome sind Juckreiz, Nesselausschlag, Schwellungen in Gesicht und Hals, Übelkeit und Erbrechen, Atem- und Schluckbeschwerden, Herzrasen und Schwindel. Bei diesen Anzeichen heißt es, rasch und richtig handeln. Bis der Notarzt zur Stelle ist, vergehen wertvolle Minuten.

„Kreislaufversagen oder Atemstillstand können innerhalb einer halben Stunde zum Tod führen“, warnt der Notfallmediziner Dr. Rainer Schmid von der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin am Wilhelminenspital und am Kaiserin Elisabeth Spital in Wien. „Deshalb müssen Anaphylaxie-gefährdete Allergiker informiert und geschult sein, um sich selbst in dieser Ausnahmesituation erstzuversorgen. Dazu gehört es, zu wissen, was Schritt für Schritt zu tun ist, die Notfallmedikamente immer mit sich zu tragen und in deren Anwendung sicher zu sein.“

Adrenalin ist das Mittel der Wahl im allergischen Notfall

Die Notfallausrüstung besteht zumindest aus einem Kortisonpräparat und einem Antihistaminikum. Diese Medikamente wirken entzündungshemmend bzw. antiallergisch und abschwellend, sind aber nicht ausreichend, eine schwere allergische Reaktion ordentlich zu bekämpfen. Es ist deshalb zusätzlich das Hormon Adrenalin notwendig, das als Autoinjektor (ähnlich dem eines Diabetikers) zur Verfügung steht. Es stabilisiert in Minutenschnelle den Kreislauf. Zusätzlich bessert es die Atmung und dämpft die allergische Reaktion.

Jedoch können mehr als zwei Drittel der Betroffenen nicht richtig mit den Notmedikamenten umgehen. Überhaupt wenden Patienten die Notfallmedikamente in nur drei Prozent der Fälle an! Ein andere Studie bei Kindern zeigte eine Verwendung in kapp einem Drittel der Fälle. Doch: Sind Erste-Hilfe-Medikamente nicht zur Stelle oder werden sie in der Panik falsch angewendet, kann diese Panne zum tödlichen Verhängnis werden. „Ganz wichtig ist deshalb, dass Betroffene und auch ihr Umfeld über die Verhaltensregeln informiert sind und entsprechend in der Vermeidung der Allergie-Auslöser sowie in der richtigen Anwendung der Notfall-Medikamente regelmäßig geschult und trainiert werden“, sagt Schmid.

Spezifische Immuntherapie für Insektengift-Allergiker

Bei Nahrungsmittel-Allergikern ist das strikte Meiden des Allergie-Auslösers bis dato der einzige Schutz vor einer schweren allergischen Allgemeinreaktion. Trotzdem sind einseitige Diäten zu vermeiden. Eine schwere Bienen- oder Wespengiftallergie hingegen ist sehr gut behandelbar.

Mittels einer spezifischen Immuntherapie kann der Körper langsam an das Insektengift gewöhnt und so ein beinahe vollständiger Schutz vor lebensbedrohlichen Reaktionen aufgebaut werden. Die Erfolgsrate dieser Behandlungsform beträgt über 90 Prozent. Außerdem wird durch die (über die mehrjährige Behandlung gewonnene) Sicherheit, gefahrlos durch den Sommer zu kommen, die Lebensqualität der Patienten wesentlich verbessert. Die spezifische Immuntherapie kann laut Weltgesundheitsorganisation WHO generell ab dem fünften Lebensjahr durchgeführt werden. Im Falle einer Insektengiftallergie, die über eine Hautreaktion hinausgeht, kann sie auch schon bei jüngeren Kindern zum Einsatz kommen.

 

Quelle: www.alergenvermeidung.org

 

Links:

Informationsvideo „Allergischer Notfall“: www.youtube.com/allergenvermeidung

 Informationsvideos und Expertenchats: www.vielgesundheit.at

 Österreichische Gesellschaft für Allergologie und Immunologie (ÖGAI): www.oegai.org

 Österreichische Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie (ÖGDV): www.allergologie.at

 Patientenorganisation IGAV – Interessensgemeinschaft Allergenvermeidung: www.allergenvermeidung.org

 

 

Literatur:

1. Bresser H, Sander C, Rakoski J, Insektenstichnotfälle in München 1992. Allergo Journal Heft 7 (1995) 373-376 + Helbling A et al., Incidence of anaphylaxis with circulatory symptoms: a study over a 3-year period comprising 940,000 inhabitants of the Swiss Canton Bern. Clin Exp Allergy 34 (2004) 285–290

2. Przybilla et al., Leitlinie: Diagnose und Therapie der Bienen- und Wespengiftallergie, Allergo J 2011; 20: 318–39

3. Fischer J, Knaudt B, Caroli UM, Biedermann T: Factory packed and expired – about emergency insect sting kits; Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft, 2008

4. Anaphylxie-Register / Stephanie Hompes, Jürgen Kirschbaum, Kathrin Scherer, Regina Treudler, Bernhard Przybilla, Margot Henzgen, Margitta Worm: Erste Daten der Pilotphase des Anaphylaxie-Registers im deutsch-sprachigen Raum; Allergo 2008; 17:550-5

5. Gold MS et al; J Allergy Clin Immunol 2000; 106:171-6

allergenvermeidung.org/IS, Ärzte Woche 17 /2012

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