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Prof. Dr. Eva Maria Varga, Abteilung für pädiatrische Pulmonologie und Allergologie, MedUni Graz
 
Immunologie 20. März 2009

Allergieepidemie bei Kindern und Jugendlichen?

Jeder vierte Teenager ist von Heuschnupfen betroffen.

In jeder Schulklasse sitzen durchschnittlich zwei asthmakranke Kinder. 20 Prozent der Jugendlichen leiden unter allergischer Rhinitis. Bereits einer von zehn Säuglingen hat Neurodermitis. Eine rechtzeitige Diagnose kann eine lebenslange Allergikerkarriere beeinflussen und den gefürchteten „Etagenwechsel“ verhindern.

 

„Genetische Dispositionen und veränderte Lebensumstände haben maßgeblich zum massiven Anstieg von Allergien in der Bevölkerung beigetragen“, hielt Prof. Dr. Zsolt Szepfalusi von der klinischen Abteilung für Allgemeine Pädiatrie und Neonatologie an der Universitätskinderklinik Wien im Rahmen eines Pressegesprächs zum Thema „Allergien im Kindesalter“ fest.

Noch in den 1960er-Jahren galten Allergien als exotische Erkrankung, mittlerweile ist jeder vierte Österreicher betroffen. „Allergien fangen häufig im Kindesalter an“, erläuterte Prof. Dr. Eva-Maria Varga von der Universitätskinderklinik Graz, Abteilung für Pulmonologie und Allergologie. „30 Prozent der Säuglinge mit atopischer Dermatitis entwickeln später weitere Allergien, wie etwa Heuschnupfen.“ Wird nichts gegen den „allergischen Marsch“ unternommen, schreitet die Erkrankung bis in die unteren Atemwege fort – es kommt zu asthmatischen Beschwerden.

Achtung auf Niesreiz!

Nicht jede Rhinitis beim Kleinkind muss gleich vom Allergologen abgeklärt werden. Als Faustregel gilt allerdings: „Wenn bereits ein Elternteil oder beide Eltern an einer Allergie leiden und das Kind über vier bis fünf Monate zwei bis drei Wochen Rhinitis und Niesreiz zeigt, ist ein Besuch beim Allergologen angezeigt“, hielt Varga weiter fest. Wird eine allergische Erkrankung festgestellt, sollten Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden. „Zigarettenrauch in Gegenwart des Kindes sollte unbedingt vermieden werden“, so Varga. Haustiere gehörten nicht ins Zimmer eines allergischen Kindes, auch hochflorige Teppiche und schwere Stoffe hätten im Kinderzimmer, wegen einer Belastung mit Hausstaubmilben, nichts verloren.

Exakte Testung

Wird bei einem Kind eine Allergie vermutet, bestehen mehrere Möglichkeiten zur Austestung. „Zuerst muss die genaue Symptomatik abgeklärt werden“, definiert OA Dr. Isidor Huttegger, Leiter der Kinderallergie- und Lungenambulanz an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde am St. Johanns Spital in Salzburg, das korrekte Procedere: „Ein Pricktest bei größeren Kindern und eine Blutabnahme bei Kleinkindern fördert rasch mögliche Allergieauslöser zu Tage.“

Liegt eine Neurodermitis vor, hilft nur ein ausführliches anamnestisches Gespräch. „Für die Diagnose der atopischen Dermatitis liegen uns derzeit keine Testverfahren vor“, so Huttegger. „Der Goldstandard ist hier die Beurteilung durch den klinisch erfahrenen Dermatologen.“

Die Therapie der Allergie kann symptomatisch erfolgen. „Antihistaminika können die Lebensqualität der Betroffenen extrem verbessern“, zeigte sich Huttegger überzeugt. Eine Hyposensibilisierung kann auch schon für Kinder überlegt werden, sie sollte zwischen dem fünften und sechsten Lebensjahr begonnen werden. „Bei milder bis moderater Ausprägung der Allergie ist mittels Hyposensibilisierung eine weitgehende Beschwerdefreiheit möglich“, so Szepfalusi.

Eine Ausnahme bilden Insektengiftallergien: „Hier kann bereits bei sehr kleinen Kindern mit der Hyposensibilisierung begonnen werden, um lebensbedrohliche Situationen aufgrund eines Insektenstichs zu verhindern“, sagte Kinderallergologe Huttegger.

Kein lebenslanger „Leidensweg“

Wird eine Allergie rechtzeitig diagnostiziert, kann eine lebenslange Allergikerkarriere zwar meist nicht verhindert, wohl aber beeinflusst werden. Dies gilt besonders für den „Heuschnupfen“. Eine suffiziente Therapie mit Hilfe von Antihistaminika kann zumindest den Etagenwechsel in die unteren Atemwege und die Verschlechterung der Allergie hin zu einer asthmatischen Erkrankung verhindern.

Die gute Nachricht ist: 80 Prozent der Kinder mit Neurodermitis sind mit Eintritt in die Schule beschwerdefrei. Und: Eine suffiziente Therapie des Heuschnupfens im Kindesalter stoppt in der Hälfte aller Fälle das Fortschreiten der Erkrankung. Eine Broschüre der Interessensgemeinschaft Allergenvermeidung informiert Eltern über Allergien bei Kindern, ihre Diagnostik und Therapie (siehe Kasten).

Kasten:
Elterninformation
Allergien bei Kindern und Jugendlichen – Rechtzeitiges Erkennen kann schwere Folgeerkrankungen verhindern
Herausgegeben von der Interessensgemeinschaft Allergenvermeidung (IGAV), in Kooperation mit der Österreichischen Gesellschaft für Allergologie und Immunologie (ÖGAI).
Bestellung über www.allergenvermeidung.org oder unter der Telefonnummer: 01/212 6060
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Prof. Dr. Eva Maria Varga Abteilung für pädiatrische Pulmonologie und Allergologie, MedUni Graz

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Dr. Isidor Huttegger Allergieambulanz, Landesklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Salzburg

Von Sabine Fisch, Ärzte Woche

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