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Abb. 1: Einteilung der Reaktionen auf Nahrungsmittel nach Johansson SGO et al.

Abb. 2: Diagnostische Schritte bei Verdacht auf Nahrungsmittelallergie

Abb. 3: Symptome, die auf das Vorliegen eines allergischen Geschehens hinweisen

Abb. 4:  Die häufigsten Nahrungsmittelallergene im Kindesalter

 
Immunologie 9. Juni 2010

Nahrungsmittelallergien (bei Kindern und Jugendlichen)

Isidor Huttegger, Salzburg

Diagnose, Ätiologie und Therapie der Nahrungsmittelallergien

Eine primäre Nahrungsmittelallergie tritt bevorzugt im Säuglings- und frühen Kleinkindesalter auf. Sie betrifft in diesem Alter etwa 4–6 % der Kinder, von den Eltern vermutet wird eine Allergie wesentlich häufiger. Die Zahl nimmt dann kontinuierlich bis ins Erwachsenenalter auf 2–3 % ab und ist wie bei allen allergischen Erkrankungen regional unterschiedlich verteilt. Bei Kindern mit schwerer atopischer Dermatitis wird die Häufigkeit einer klinisch manifesten Nahrungsmittelallergie in der Literatur mit 33–50 % angegeben. Wenige Nahrungsmittel, wie Kuhmilch, Hühnerei, Soja, Weizen, Erdnuss, Baumnüsse und Fisch, verursachen den allergrößten Teil der allergischen Reak- tionen.

Manifestationsformen der Nahrungsmittelallergie

Die meisten klinischen Symptome sind IgE-vermittelt und betreffen bevorzugt die Haut, den Gastrointestinaltrakt, weniger häufig die Atemwege und manchmal auch das Herz-Kreislaufsystem bis hin zum anaphylaktischen Schock. Bei Patienten mit persistierender primärer Nahrungsmittelallergie, z. B. auf Nüsse, ist die schwere bronchiale Obstruktion beim Asthmapatienten eine gefürchtete und manchmal auch lebensbedrohliche Reaktion. Umso wichtiger ist es, besonders in dieser Patientengruppe, auf ein sehr stabiles, ausreichend therapiertes Asthma bronchiale zu achten. Auch beim einzelnen Patienten kann die Schwere der Reaktion variieren. Mitursächlich dafür sind sogenannte Augmentationsfaktoren, die dazu führen, dass die Schwelle allergisch zu reagieren deutlich gesenkt wird. Solche Faktoren können körperliche Belastung in zeitlicher Nähe zur Aufnahme des Nahrungsmittels, Medikamente (nicht steroidale Antiphlogistika, Protonenpumpenhemmer und andere), Alkohol, Infekte und eine Mastozytose darstellen.

Die Diagnose ist besonders bei Reaktionen vom verzögerten Typ schwierig

Die Diagnosestellung ist einfach, wenn eindeutige Symptome zeitlich einem Nahrungsmittel zugeordnet werden können und ein Allergietest diese Annahme unterstützt. Häufig ist die Diagnostik jedoch schwierig, zeitaufwändig und erfordert ein abgestuftes Vorgehen über Anamnese und Allergietest bis zur diagnostischen Elimination und Provokation. Bei einer gesicherten, vor kurzem aufgetretenen Anaphylaxie, mit klarem Bezug zu einem Nahrungsmittel wird keine Provokation durchgeführt. Voraussetzung für die Durchführung einer Nahrungsmittelprovokation sind ärztliche Beobachtung für den Zeitraum der zu erwarteten Reaktion und die Möglichkeit Notfallsituationen zu beherrschen. Eine kontrollierte Gabe sollte unter stationären Bedingungen stattfinden, falls in der Vergangenheit (Re-Provokation nach Jahren) bedrohliche Reaktionen aufgetreten sind, die Stärke einer Reaktion nicht abschätzbar ist, eine schwere atopische Dermatitis besteht oder subjektive Symptome im Vordergrund stehen.

 

Ein positiver Allergietest ohne entsprechende klinische Symptome bedeutet nur Sensibilisierung und nicht Allergie, rechtfertigt keine Diätempfehlungen und kann nach Toleranzentwicklung auch noch lange positiv bleiben. Umgekehrt schließt ein negativer Standard-Test (CAP, Prick) das Vorliegen einer Allergie nicht sicher aus. Untauglich zur Diagnostik von Nahrungsmittelallergien sind Bioresonanz, Kinesiologie, Elektroakupunktur, zytotoxischer Lebensmitteltest (Methoden ohne Aussagekraft und/oder Überprüfung), oder auch Lymphozytentransformationstests, nahrungsmittelspezifisches IgG und IgG4 u. a. (Methoden mit unzulässiger Interpretation) und andere.

 

Eine präzise, kritische Diagnostik ist unumgänglich, um einerseits Schaden durch die Gabe von Nahrungsmittel, aber andererseits auch durch deren unbegründete Elimination von den uns anvertrauten Patienten fernzuhalten.

Therapieoptionen

Eine kausale Therapie der Nahrungsmittelallergie gibt es bisher nicht. Die spezifische Elimination des entsprechenden Allergens (manchmal der entsprechenden Allergene) ist nach wie vor die einzig erfolgversprechende Therapieoption. Einen Ansatz zu einer kausalen Therapie stellt in der Zukunft möglicherweise die spezifische orale Toleranzinduktion dar, die derzeit in mehreren Studien untersucht wird. Erst nachdem die klinische Relevanz einer Nahrungsmittelallergie eindeutig nachgewiesen ist, erfolgt die therapeutische Intervention. Wegen der Komplexität der Nahrungsmittelallergie und der ubiquitären Verarbeitung vieler Produkte müssen die jeweiligen Karenzempfehlungen immer individuell erarbeitet werden. Die bedarfsdeckende Ernährungstherapie erfolgt in enger Abstimmung zwischen Arzt und allergologisch versierter Ernährungsfachkraft. Neben der diätologischen Beratung müssen die Eltern und nach Möglichkeit der Patient in der Behandlung eines potentiellen Notfalls geschult werden. Sie müssen ausreichend über die Abläufe der allergischen Reaktion und der medikamentösen Therapie aufgeklärt und in die Handhabung der Notfallmedikamente instruiert werden. Die Ausstattung mit Notfallsmedikamenten ist abhängig von der früheren Symptomatik und dem auslösenden Nahrungsmittel. Patienten mit einer anaphylaktischen Reaktion in der Vorgeschichte oder mit einer Allergie auf Erdnuss, Baumnüsse, Samen oder Meeresfrüchte sollten ebenso wie Patienten mit einer Co-Morbidität wie Asthma bronchiale oder einer Mastozytose mit einem Adrenalin-Autoinjektor ausgestattet werden. Patienten mit einer bronchialen Obstruktion werden auch mit einem inhalativen Betamimetikum versorgt. Darüber hinaus sollten systemische Antihistaminika sowie Glukokortikoide für die symptomatische Behandlung vorrätig sein.

80 % der Nahrungsmittelallergien des Kleinkindes „wachsen sich aus“

Die Nahrungsmittelallergie ist ein dynamischer Prozess. Ein großer Teil der Kinder entwickelt abhängig vom ursächlichen Nahrungsmittel spezifische Toleranz bis zum Eintritt in die Schule. Säuglinge und Kleinkinder mit einer Allergie auf Kuhmilch, Hühnerei, Weizen oder Soja haben eine bessere Prognose und vertragen diese Nahrungsmittel bis zum Schulalter zu etwa 80 %. Bei der Erdnuss- und Baumnussallergie ist die Prognose deutlich schlechter, und nur einer von fünf dieser Allergiker entwickelt bis zum Erwachsenenalter Toleranz. Leider sind gerade auch dies die Patienten mit schwereren klinischen Reaktionen. In geeigneten Abständen ist daher zu hinterfragen, ob eine verordnete Eliminationsdiät noch notwendig ist. Abhängig vom Allergen und vom Alter des Patienten wird eine Eliminationsdiät für einen definierten Zeitraum empfohlen und dann die Diagnose einer Nahrungsmittelallergie reevaluiert. So gelten Diätempfehlungen für Kleinkinder mit einer Allergie auf Kuhmilch, Hühnerei, Weizen oder Soja aufgrund der häufigen spontanen Toleranzentwicklung meist für vorerst 12–24 Monate. Dann ist die Aktualität neuerlich zu überprüfen.

Pollenassoziierte Nahrungsmittelallergie

Einen weiteren Phänotyp der Nahrungsmittelallergie stellt die sekundäre, meist pollenassoziierte, Nahrungsmittelallergie dar. Diese IgE-vermittelte Reaktion gewinnt ab dem Schul- bis ins Erwachsenenalter an Bedeutung. Viele Pollenallergiker mit Heuschnupfen oder Asthma bronchiale entwickeln dann eine Kreuzreaktion auf Früchte, Gemüse und Nüsse.

 

Am bekanntesten ist diese Art der Reaktion im Rahmen der Birkenpollenallergie und führt bei mehr als der Hälfte dieser Allergiker zu einer zumindest unangenehmen Reaktion an der Schleimhaut, auf Stein- und Kernobst (wie Apfel, Birne, Kirsche, Pfirsich), Gemüse (wie Karotte, Sellerie) oder Haselnuss und andere Nüsse. Ein noch weiteres Spektrum der Kreuzreaktion erschließt sich im (Birke-) Beifuß-Sellerie-Gewürzsyndrom. Meist ist die Symptomatik der Kreuzallergien mild und betrifft nur den Mund-Rachen-Raum (OAS-orale Allergiesymptomatik), es können bei einzelnen Patienten oder unter bestimmten Bedingungen aber auch systemische Reaktionen bis hin zu einer Anaphylaxie auftreten. Viele der kreuzreagierenden Proteine sind säure- und hitzelabil, das jeweilige Nahrungsmittel wird dann in gekochtem Zustand ohne Symptome vertragen.

Zur Person
OA Dr. Isidor Huttegger
Pädiatrische Allergologie und Pneumologie
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde
Paracelsus Medizinische Privatuniversität
Müllner Hauptstrasse 48
5020 Salzburg
Fax: ++43/662/4482-4757
E-Mail:

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