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Foto: uschi dreiucker / PIXELIO
Der erste rekombinante Impfstoff wird ein Therapeutikum gegen Birkenpollenallergie sein, das schon in einigen Studien gute Ergebnisse geliefert hat.
 
Immunologie 23. Februar 2010

Allergien schlagen zu, die Forschung schlägt zurück

Rekombinante Allergene in der Diagnose und Therapie

Allergiediagnostik und -therapie haben in den letzten Jahren wesentliche Fortschritte gemacht. Die Bekämpfung allergischer Symptome erfolgt in erster Linie durch orale Antiallergika und Lokaltherapeutika, die bereits praktisch nebenwirkungsfrei eingesetzt werden können. Einzige kausale Therapie bestimmter Allergien ist eine mehrjährige spezifische Immuntherapie. Diese wird heute mit standardisierten Allergenextrakten in Form einer subkutanen oder einer sublingualen Behandlung durchgeführt. In fünf bis zehn Jahren werden vermutlich auch Biologicals oder rekombinante Allergene die Möglichkeiten der routinemäßigen antiallergischen Therapie erweitern.

 

Die molekularbiologische Forschung hat das Verständnis für die Pathophysiologie verschiedener Erkrankungen im letzten Jahrzehnt entscheidend gefördert. Auf Basis dieses neuen Wissens konnte für bestimmte Krankheiten eine ganz neue Generation von hochwirksamen Therapeutika – sogenannte „Biologicals“ – entwickelt werden. Auch die immunologischen Mechanismen bei atopischen Allergien werden heute wesentlich besser verstanden als noch vor einigen Jahren.

Wir wissen nun zum Beispiel, dass schon bei der Aufnahme der Allergene durch Antigen-präsentierende Zellen entscheidende Signale an T-Helferzellen gegeben werden, die dann ihrerseits durch die vermehrte Produktion bestimmter Zytokine die Produktion von IgE-Allergieantikörpern in B-Lymphozyten ankurbeln. Außerdem werden durch pro-inflammatorische Zytokine Entzündungsmediatoren aktiviert, die zusätzlich zu einer chronisch allergischen Entzündung beitragen.

Verschiedene, auf Basis dieser Erkenntnisse entwickelte Biologicals – wie Zytokin-Antagonisten oder spezifische Rezeptorenblocker – werden getestet. Ein neuer Therapieansatz ist auch die Elimination von IgE-Antikörpern durch monoklonale Anti-IgE Antikörper. Dieser Ansatz wird auch „Anti-IgE-Therapie“ genannt.

Allergie-Auslöser unter der Lupe

Entscheidende neue Informationen zur Allergie kamen aber auch aus der Erforschung der Allergieauslöser, der Allergene. War bis vor einigen Jahren nur bekannt, dass Proteinstrukturen in Gräserpollen, Birkenpollen oder Hausstaubmilben Allergien auslösen können, so weiß man heute genau, welche Proteine im entsprechenden Extrakt IgE-Bildung induzieren. Man kennt ihre Aminosäurensequenz und Struktur, sogar ihre Bindungsstellen an die Rezeptoren der Antikörper und der spezifischen T-Lymphozyten, die Epitope, wurden erforscht.

Diese Information hat, in einem ersten Schritt, eine wesentlich genauere Diagnostik der Allergien eröffnet. Während es bisher nur möglich war, zu bestimmen, ob ein Patient etwa gegen Birkenpollen, Gräserpollen oder Hausstaubmilben allergisch war, ist es nun möglich, im Detail die Immunerkennung der einzelnen Haupt- und Nebenallergene zu diagnostizieren. Zu diesem Zweck werden IgE-Bindungstests mit gentechnisch hergestellten (rekombinanten) Allergenkomponenten durchgeführt. In diesem Zusammenhang hat sich auch der Begriff „Komponentendiagnostik“ eingebürgert.

Der Patient kann somit genauer über seine Allergie informiert werden und der Arzt kann bestimmte therapeutische Konsequenzen ziehen. Im Fall der inhalativen Allergien könnte man so einem Detailbefund zum Beispiel entnehmen, ob ein Patient durch eine Impfkur besser oder schlechter behandelbar wäre: Patienten, die auf einzelne (oder überhaupt nur auf ein) Hauptallergen(e) reagieren, sind normalerweise besser für die Immuntherapie geeignet als solche, die polysensibilisiert sind, also auf kreuzreagierende Allergene reagieren oder IgE gegen Kohlenhydratdeterminanten entwickeln.

Auch im Bereich der Nahrungsmittelallergien kann mit Hilfe der Diagnostik mittels rekombinanter Allergene besser Auskunft gegeben werden: Im Fall der potenziell gefährlichen Erdnussallergie kann etwa durch Bestimmung des IgE-Reaktivitätsmusters auf das Risiko einer allergischen Systemreaktion geschlossen werden.

Die rekombinanten Allergene haben sich also im Bereich der Labordiagnostik für Allergie bereits einen fixen Platz verdient. Die Aufschlüsselung der Allergene in ihre Einzelkomponenten führt zu einer besseren, aber natürlich auch aufwendigeren und teureren Diagnostik. Diesem Problem versucht man nun mit speziellen Multitests auf Chipbasis entgegenzuwirken. Prototypen dieser Screeningtests sind bereits erhältlich.

Therapie der Zukunft: Rekombinante Allergene

Fast monatlich kommen neue rekombinante Allergene zur Diagnostik auf den Markt. Die therapeutische Verwendung von rekombinanten Allergenen wird derzeit in klinischen Studien geprüft. Die Vorteile einer solchen Therapie liegen auf der Hand: Ein Patient mit einem individuellen Allergieprofil könnte mit einem auf ihn zugeschnittenen Impfstoff (statt dem bisher verwendeten Gesamtextrakt aus einer Allergenquelle) behandelt werden. Das rekombinante Allergenmolekül könnte zusätzlich gentechnisch so manipuliert werden, dass allergische Nebenwirkungen bei der Impfkur wesentlich seltener würden.

Das Problem an diesem Konzept liegt derzeit in der unerwarteten Komplexität der Allergenerkennung. Einerseits gibt es wesentlich mehr Allergene als erwartet, andererseits sind die Allergenerkennungsprofile der Patienten sehr unterschiedlich, sodass es für interessierte pharmazeutische Firmen sehr schwierig ist, jede einzelne Komponente klinisch zu prüfen und eine Zulassung als Allergieimpfstoff zu erreichen. Momentan ist noch kein rekombinanter Allergieimpfstoff auf dem Markt. Der erste solche Impfstoff wird ein Therapeutikum gegen Birkenpollenallergie sein – ein Produkt (ein dominantes Hauptallergen der Birke), das schon in einigen Placebo-kontrollierten Studien gute Ergebnisse geliefert hat.

Symptome bekämpfen, Ursachen beseitigen

Insgesamt hat sich die Situation im Bereich der Allergiediagnostik und -therapie in den letzten Jahren wesentlich verbessert. Das ganze Therapiekonzept basiert auf einer allergologischen Anamnese und der sich daraus ableitenden Diagnostik, welche wiederum die Grundvorrausetzung für das Ausschöpfen aller Möglichkeiten der Allergenvermeidung darstellt.

Die Bekämpfung der Symptome erfolgt durch Pharmakotherapie, in erster Linie durch orale Antiallergika und Lokaltherapeutika. Diese Medikamente wirken gut und sind heute bereits praktisch nebenwirkungsfrei. Die einzige kausale Therapie von bestimmten Allergien ist aber eine mehrjährige spezifische Immuntherapie. Diese wird heute mit standardisierten Allergenextrakten in Form einer subkutanen oder einer sublingualen Behandlung durchgeführt und ist ausgezeichnet wirksam. Den zeitlichen Horizont für die Zulassung von Biologicals oder rekombinanten Allergenen für die routinemäßige antiallergische Therapie schätze ich mit fünf bis zehn Jahren ein.

 

Prof. Dr. Christof Ebner ist Leiter des Allergieambulatoriums am Reumannplatz, 1100 Wien

Von Prof. Dr. Christof Ebner, Ärzte Woche 08 /2010

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