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Foto:  EyeWire
Viral bedingte Verkühlungen werden in der Regel gut überstanden. Gefährlich sind vor allem die darauf mitunter folgenden bakteriellen Infektionen.
 
Immunologie 10. November 2009

Fataler Mix: Frost, Bakterien und Viren

Mit der kalten Jahreszeit steigt die Zahl an Atemwegsinfektionen.

Die größte Zahl an Influenza-Fällen ist – wie jedes Jahr – zu Jahresanfang im Jänner und Februar zu erwarten. Doch schon zuvor sind die allgemeinmedizinischen Praxen von Patienten mit Husten und Schnupfen überlaufen. Im Gespräch mit der Ärzte Woche über „Winterinfektionen“ berichtete Prof. Dr. Elisabeth Presterl, Klinische Abteilung für Infektiologie und Tropenmedizin, Medizin Universität Wien, über die häufigsten Erreger, Vorsichtsmaßnahmen und die aktuellen Therapieempfehlungen.

 

Antibiotika sind nur selten die richtige Therapie bei „Winterinfektionen“, so Presterl, da bis zu 80 Prozent der einfachen respiratorischen Infektionen viral bedingt sind: „Verursacher sind Rhinoviren, Coronaviren, Pneumoviren, Metapneumoviren oder Parainfluenzaviren, schon seltener RSV, Adenoviren oder Influenzaviren.“

Die schwersten Erkrankungen seien allerdings oft bakteriell bedingt oder durch bakterielle Sekundärinfektionen verursacht. Neben Pneumokokken sind hier Mycoplasma pneumoniae und Staphylococcus aureus häufig, stellt Presterl fest. Haemophilus influenzae B und andere Streptokokken seien bei erwachsenen, immunkompetenten Menschen selten Auslöser für Pneumonien oder andere Atemwegserkrankungen.

Gelb heißt nicht Eiter

Die landläufig als Zeichen einer bakteriellen Infektion oder gar eines eitrigen Geschehens angesehene gelbe und/oder grüne Färbung des Auswurfs kann auch die Folge der Abstoßung der normalen Mund- und Rachenraumflora sein und erlaubt noch nicht den Schluss auf eine bakteriell bedingte Erkrankung, betont Presterl. Vor allem die Grünfärbung ist meist auf vergrünende Streptokokken, apathogene Neisserien oder Mikrokokken zurückzuführen, die Teil der normalen Mundflora sind. Erkrankungen durch Meningokokken treten ebenfalls im Winter häufiger auf als in anderen Jahreszeiten. Bei bis zu 30 Prozent der Bevölkerung können Meningokokken in der Rachenflora nachgewiesen werden, erklärt Presterl: „Allerdings bedeutet eine Kolonisation noch lange keine Erkrankung.“ Virale Infektionen könnten in vielen Fällen die Erkrankung triggern, doch fehlten ausreichend Daten, diese Hypothese zu beweisen.

Echte Grippe ernst nehmen

Neu im Spektrum und großes Aufsehen erregend ist das Influenzavirus A/H1N1 California. Wirklich neu ist laut Presterl hier aber nur, dass erstmals aufgrund verbesserter Technik die Übertragungswege genau verfolgt werden konnten. Die Gefahr, dass dieses Virus ähnliche Auswirkungen haben könnte wie die Spanische Grippe mit demselben Subtypus in den Jahren 1918/1919, ist aus mehreren Gründen eher gering: „Einerseits waren – speziell in Europa – die Menschen nach dem Weltkrieg geschwächt, andererseits waren bakterielle Pneumonien mangels Antibiotika nicht so gut behandelbar wie heute.“

Dennoch sollte keine Influenza unterschätzt werden. Egal, ob Subtypus A/H1N1 California oder andere Stämme, Influenza ist eine schwere und leicht übertragbare Krankheit. Angehörige von Gesundheitsberufen sollten sich aufgrund ihres intensiven Kontakts mit bereits Erkrankten und oft auch mit Immungeschwächten ebenso impfen lassen wie Personen in anderen Berufsgruppen, die arbeitsbedingt mit zahlreichen Menschen Kontakt haben. Weiters wird die Influenzaimpfung älteren Personen, deren Immunkompetenz nachlässt, sowie Kindern, bei denen nicht zuletzt schwere Verlaufsformen inklusive Komplikationen wie Otitis media oder Meningitis auftreten können, angeraten. Allerdings sind vor allem bei immunkompetenten Erwachsenen „die Bücher über die Auswirkungen der Impfungen noch nicht endgültig geschlossen“, so Presterl. Die Empfehlungen bezüglich Influenza-Impfung, ob es die epidemische oder die „neue“ Grippe ist, seien dennoch sinnvoll.

Wer sich gegen den pandemischen Stamm A/H1N1 California impfen lassen will, muss dies allerdings bei den Gesundheitsämtern oder anderen zentralen Stellen tun, Apotheken und damit auch die meisten Allgemeinmediziner haben keinen Zugang zu diesem speziellen Impfstoff.

Sekundärinfektionen

Die gefährlichste Komplikation einer Influenza ist eine bakterielle Sekundärinfektion. Gut erforscht ist hier allerdings nur der Zusammenhang mit Streptococcus pneumoniae, also Pneumokokken. Die Neuraminidase des Influenzavirus wirkt, so Presterl, nicht nur bei der Replikation der Influenzaviren mit, sie hinterlässt auch durch Störung des Sialinsäure-Haushalts „offene Türen“ für Pneumokokken auf den Schleimhautoberflächen. Das erklärt auch, warum Neuraminidasehemmer – rechtzeitig gegeben – den Verlauf der Erkrankung beeinflussen können.

Haemophilus influenzae steht ebenfalls im Verdacht, oft mit der „Echten Grippe“ einherzugehen, allerdings fehlen hier die Daten und erst recht Studien zu eventuellen Mechanismen der Ko-Infektionen. Nicht vollständig geklärt ist die Frage der Kreuzimmunität zwischen verschiedenen Stämmen von Influenzaviren. Diese Frage ist schon aufgrund der sehr unterschiedlichen „Verwandtschaftsverhältnisse“ zwischen den Stämmen kaum zu beantworten. Jedenfalls sei laut Presterl zu vermuten, dass eine gleichzeitige oder kurz hintereinander erfolgende Infektion mit mehreren Virenstämmen einen schwereren Verlauf befürchten lässt als bei Infektion mit nur einem Stamm.

Zusammenfassung

Glücklicherweise sind gefährliche Atemwegsinfektionen im Winter vergleichsweise selten. Die allermeisten respiratorischen Infekte bedürfen einiger Tage Ruhe und – im Sinne der Prävention – möglichst der Absenz von belebten (Arbeits-)Plätzen. Vorbeugend hilft am besten eine gesunde Lebensweise, ausreichende Belüftung der Wohn- und Arbeitsräume, häufiges Händewaschen und die ihrer Bestimmung gemäße einmalige Benutzung von Einmaltaschentüchern und deren anschließende Entsorgung.

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Update A/H1N1 Impfaktion für Risikogruppen gestartet
Am 9. November begann insbesondere für die Risikogruppen die österreichweite Impfaktion gegen die Neue Influenza A/H1N1. In Wien steht hierfür ein Verbund von insgesamt 21 Impfzentren der Stadt Wien, der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) und der Krankenfürsorgeanstalt der Bediensteten der Stadt (KFA) bereit. Impfungen für Kinder ab dem sechsten Lebensmonat bis zum vierzehnten Lebensjahr und ihren Begleitpersonen werden durch erfahrene Impfteams in 13 Impfstellen der Eltern-Kind-Zentren angeboten. Informationen zur neuen Influenza-A/H1N1-Impfung in Wien mit Übersicht über die Impfstellen sind abrufbar auf der Homepage www.grippeimpfung.wien.at oder beim Infotelefon 01-4000-8015 Montag-Freitag von 8:00 bis 15:00. Die Kosten für die gesamte Impflogistik und den Impfstoff übernehmen die Krankenversicherungsträger. Für die Versicherten fällt nur die Rezeptgebühr von 4,90 Euro an. Für Privatzahler kostet die Impfung 8,00 Euro.

Von Livia Rohrmoser, Ärzte Woche 46 /2009

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