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Dr. Karl Landsteiner entdeckte, dass Blut nicht gleich Blut ist.

Fotos (2):  Nanut/Regal

Im Zweiten Weltkrieg wurden Bluttransfusionen direkt von Spender zu Empfänger durchgeführt.
 
Hämatologie 8. Juni 2010

Heilmittel und Handelsware

Heute ist Weltblutspendetag: "Die Transfusion ist einer der sichersten chirurgischen Eingriffe. Die Sterberate liegt bei einem von drei Patienten." Das konnte man noch Mitte des 19. Jahrhunderts in medizinischen Publikationen lesen.

"Damit ist sie noch niedriger als nach der Behandlung von Eingeweidebrüchen und entspricht etwa der Sterberate von Amputationen."  Trotz aller Vorsicht verlief damals nur jede zweite Blutübertragung ohne schwerwiegende Probleme. Niemand konnte sagen, warum. Trotzdem war sie für manche Ärzte eine „Therapiemaßnahme mit nicht zu unterschätzendem Erfolg“. Die katastrophal schlechten Ergebnisse führten aber doch dazu, dass diese gefährliche Therapie nur in verzweifelten Fällen eingesetzt wurde. Manche Länder verboten sie per Gesetz. Es sollte noch bis ins Jahr 1900 dauern, dass dem „besonderen Saft“ seine Geheimnisse nach und nach entrissen wurden.

Die erste Tierblutübertragung von Hund zu Hund demonstrierte der Oxforder Anatom Richard Lower (1631 bis 1691) im Jahr 1665 der gelehrten Gesellschaft in London. Im Vordergrund des Interesses stand allerdings nicht die Verträglichkeit der Transfusion, sondern die Frage, ob der Hund nach der Fremdbluttransfusion seinen Herrn wieder erkennen würde. Die erste Übertragung von Blut auf einen Menschen führte ein Nichtmediziner durch. Im Jahr 1667 transfundierte der Mathematiker Jean-Baptist Denis (1625 bis 1704) in Paris einem von zahlreichen Aderlässen geschwächten fiebernden jungen Mann 300 Milliliter Lammblut. Der Jüngling hatte Glück. Er überlebte und seine „Schlafsucht und geistige Umnachtung schwanden“. Da es bei derartigen Behandlungen aber immer wieder zu dramatischen Zwischenfällen kam, wurden Blutübertragungen bald in vielen Ländern verboten. Die erste – zufällig – erfolgreiche Bluttransfusion gelang dann dem Londoner Geburtshelfer James Blundell (1790 bis 1878). Nach Tierversuchen infundierte er 1824 einer ausgebluteten Wöchnerin erfolgreich menschliches Blut. Glücklicherweise waren in diesem Fall Spender- und Empfängerblut verträglich. Die Frau überlebte. Diese Sensation berichteten damals weltweit alle Zeitungen.

Eigenartigerweise kam im 19. Jahrhundert noch einmal die Behandlung mit Lammblut in Mode. Sie schaffte es sogar bis in die preußische Sanitäts-Dienstvorschrift für den Deutsch-Französischen Krieg in den Jahren 1870/71. Nach dieser Vorschrift musste jede Einheit im Kriegseinsatz ein Schaf mit freigelegter Halsarterie auf einem Tornister mitführen, um jederzeit verwundeten Soldaten eine Bluttransfusion verabreichen zu können. Ob jemals eine derartige Transfusion im Feld durchgeführt wurde, ist nicht überliefert. Für das Schaf fanden die Soldaten sicher eine bedeutend schmackhaftere und noch dazu weitaus gesündere Verwendung.

Aber auch bei Transfusionen von Mensch zu Mensch traten immer wieder unerklärliche – oft auch tödliche – Komplikationen auf. Erst die Beobachtung eines Wiener Pathologen sollte dies ändern. Karl Landsteiner (1868 bis 1943) beobachtete, dass es bei der Mischung von Blutproben gesunder Menschen manchmal zur Verklumpung der Erythrozyten kam, manchmal aber auch nicht. Mit einem genial einfachen Versuch – er untersuchte in einer „Alle gegen Alle“-Mischung das Blut seiner fünf Mitarbeiter – fand er 1901 drei verschiedene Typen von Blut, die er als die „Blutgruppen“ A, B und C bezeichnete. Den vierten und seltensten Typ konnte er nicht finden, da ihn keiner seiner Mitarbeiter hatte. Seine bahnbrechende Publikation erschien 1901 in der Wiener klinischen Wochenschrift. Die vierte Blutgruppe – später AB genannt – fanden seine Schüler Adriano Sturli und Alfred von Decastello zwei Jahre später. Für diese geniale Entdeckung, durch die die weitgehend gefahrlose Bluttransfusion von Mensch zu Mensch überhaupt erst möglich wurde, erhielt Karl Landsteiner im Jahr 1930 den Nobelpreis.

Langer Weg zur Blutkonserve

Obwohl durch Landsteiners Beobachtung die „wechselnden Folgen“ einer Bluttransfusion endlich erklärt werden konnten, geschah in der medizinischen Welt wie so oft zunächst einmal nichts. Nur wenige Ärzte begannen sich ernsthaft mit der Bluttransfusion zu beschäftigen. Erst zwei Jahrzehnte nach Landsteiners Publikationen setzten sich seine Erkenntnisse allmählich durch. Den ersten Bluttransfusionsdienst mit freiwilligen und unbezahlten Spendern gründete der Londoner Rotkreuz-Mitarbeiter Percy Oliver im Jahr 1921. Bald gelang es, durch Zusatz von Zitrat die Gerinnung des Blutes außerhalb des Körpers zu verhindern, das Blut dadurch kurzfristig zu lagern und von der direkten Transfusion von Mensch zu Mensch allmählich auf Blutkonserven umzusteigen. Große „Blutbanken“ entstanden Mitte der 1930er Jahr in Moskau und in Chicago. Der erste Großeinsatz von Blutkonserven – es wurden etwa 20.000 Blutkonserven transfundiert – erfolgte im Spanischen Bürgerkrieg im Jahr 1936. Unmengen an Spenderblut wurden während des Zweiten Weltkrieges verbraucht. Nach dem Krieg stieg die Nachfrage nach Blut weiter kontinuierlich an. Die Transfusion von Blut entwickelte sich rasant zu einer der häufigsten Therapiemaßnahmen in der Medizin. Heute werden weltweit jährlich über 60 Millionen Liter Blut gespendet – in manchen Ländern unbezahlt von noblen Spendern, in den sogenannten Entwicklungsländern oft auch von privaten Firmen um wenig Geld gekauft, konserviert, in seine Bestandteile aufgespalten und mit Gewinn verkauft. Der Sachbuchautor Douglas Starr errechnete für die 1990er-Jahre, dass mit dem Aufspalten von 160 Liter Rohöl in einzelne Produkte etwa 45 Dollar zu erzielen seien. Für die aus der gleichen Menge Blut erzeugten Spezialprodukte ist es etwas mehr: über 60.000 Dollar. Der „besondere Saft“ ist heute ein riesiges Geschäft, eine Handelsware, die üppigste Gewinne abwirft.

Da nach Landsteiner auch noch andere Forscher auf die vier Blutgruppen stießen, aber jeder dafür andere Bezeichnungen als Landsteiner wählte, beschloss der Völkerbund im Jahr 1928, die Blutgruppen international einheitlich zu benennen. Man einigte sich darauf, die Blutgruppen 0, A, B und AB zu nennen. Das noch heute gültige AB0-System. Seit dem Jahr 2004 wird am 14. Juni, dem Geburtstag von Karl Landsteiner, der Weltblutspendetag begangen.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 23 /2010

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