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Hämatologie 14. Oktober 2008

HAE-Attacken mindern

Rund 150 Menschen in Österreich leben mit der Diagnose Hereditäres Angioödem (HAE). Schätzungen gehen allerdings von etwa 400 Patienten aus. Der Grund: Die seltene Erbkrankheit wird meist erst viele Jahre nach dem ersten Auftreten diagnostiziert.

 Foto: Jerini AG
Während einer HAE-Attacke leiden Patienten unter unvorhersehbaren und wiederkehrenden Schwellungen im Gesicht, an Händen oder Füßen sowie im Kehlkopfbereich und Magen-Darm-Trakt.

Fotos: Jerini AG

„Wird HAE bei einem Erwachsenen diagnostiziert, sollte unbedingt die ganze Familie auf diese Erkrankung gescreent werden“, hielt Dr. Murat Bas, Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten aus München anlässlich einer Pressekonferenz zur Präsentation einer neuen Therapieoption vergangene Woche in Wien fest. Er weiß sich damit eines Sinnes mit Prof. Dr. Werner Aberer, Vorstand der Universitätsklinik für Dermatologie, MedUni Graz: „HAE wird immer noch viel zu spät oder falsch diagnostiziert. Vor allem bei Abdominalattacken wird nicht selten der Blinddarm als Ursache vermutet und entfernt.“

Neue Therapieoption

Eine Akutbehandlung des HAE wird in Österreich seit vielen Jahren mit dem gereinigten Blutfaktor C1-Esterasehemmer (C1-INH) durchgeführt. Dieses Protein ist beim HAE vermindert. Das Medikament muss allerdings i.v. verabreicht werden. Zur Prophylaxe werden erfolgreich Androgene eingesetzt. Seit Anfang Oktober steht mit Icatibant ein neues Medikament zur Verfügung, das subkutan verabreicht werden kann, ein ausgezeichnetes Wirkprofil zeigt und, dies zeigen die bisher verfügbaren Daten, „keinerlei systemische Nebenwirkungen verursacht“, wie Aberer festhielt. Lediglich lokale Reaktionen an der Einstichstelle wurden beobachtet.
Icatibant ist ein Peptid, das nur aus wenigen Aminosäuren besteht. Es bindet an den Bradykinin2-Rezeptor, verdrängt damit das schwellungsauslösende Bradykinin und führt zu einer schnellen Symptombesserung. Die Wirksamkeit von Icatibant versus dem Antifibrinolytikum Tranexamsäure wurde in der doppelblinden, randomisierten, multizentrischen Phase-III-Studie FAST-2 (For Angioedema Subcutaneous Treatment) untersucht. 74 HAE-Patienten aus Europa und Israel nahmen teil. Einschlusskriterien waren moderate bis sehr schwere HAE-Attacken.

Schneller Wirkungseintritt

„Der primäre Endpunkt zur Wirksamkeit war die Zeit bis zum Beginn der Symptomverbesserung“, so Aberer. Diese Zeit war definiert als Zeitraum zwischen der Injektion und der ersten dokumentierten Besserung der Symptome. Es zeigte sich, dass nach Behandlung mit Icatibant innerhalb von zwei Stunden eine deutliche Symptombesserung eintrat. „Unter Tranexamsäure dagegen dauerte dies bis zu zwölf Stunden“, so Aberer. Auch die Dauer der Attacke konnte unter Icatibant signifikant verkürzt werden: Sie betrug im Durchschnitt rund zehn Stunden. Unter Tranexamsäure waren es dagegen bis zu 51 Stunden.

Gleichbleibende Wirkung

Besonders eindrucksvoll zeigte sich die Wirkung von Icatibant in der Behandlung von Larynxödemen. „Die mediane Zeit bis zur ersten Besserung der Symptome unter Icatibant betrug bei diesen Patienten 42 Minuten“, berichtete HNO-Spezialist Murat Bas, Klinikum rechts der Isar, Universitätsklinikum der Technischen Universität München. „Zudem reicht in neun von zehn Fällen eine Einzeldosis des Medikaments zur Behandlung aus.“ Das Medikament ist „gleichbleibend und zuverlässig wirksam auch in der Behandlung nachfolgender Attacken“, ergänzte Aberer.

Selten und bedrohlich

Das hereditäre Angioödem ist eine seltene, autosomal-dominant vererbte Erkrankung. Schätzungen gehen davon aus, dass einer von 10.000 bis einer von 50.000 Menschen an dieser Krankheit leidet. Genaue Zahlen existieren nicht. HAE geht mit akuten Schwellungsattacken einher, die meist im Gesicht, an den Extremitäten, aber auch im Magen-Darm-Trakt auftreten. Beide Geschlechter sind gleich häufig betroffen. Die ersten Ödeme treten meist in den ersten beiden Lebensjahrzehnten auf. Einer Umfrage zufolge haben 100 Prozent aller HAE-Patienten bereits Hautschwellungen erlebt, 97 Prozent berichten von Magen-Darm-Attacken und immerhin 54 Prozent erlitten mindestens einmal ein potenziell lebensbedrohliches Larynxödem (Bork K et al. Am J Med 2006;119:267-274).

Genetische Mutation

„Die Ursache der Erkrankung wird auf verschiedene genetische Mutationen zurückgeführt“, erläuterte Aberer. Drei HAE-Typen werden unterschieden (siehe Kasten „Formen des Hereditären Angioödems“). Am häufigsten (80 bis 82 %) tritt Typ-I-HAE auf. Diese Form wird durch eine verminderte Synthese des Proteins C1-INH verursacht. C1-INH greift regulierend in das Kinin- und Komplementsystem sowie in die Fibrinolyse und Blutgerinnung ein. Zentraler Mediator im Krankheitsgeschehen ist das Peptidhormon Bradykinin, das für die Symptomentstehung bei HAE verantwortlich ist. Zurückgeführt wird die Erkrankung auf einen Gendefekt im Chromosom 11, der zur Erniedrigung der Konzentration und Aktivität des C1-INH führt.
Seit Anfang Oktober ist Icatibant unter dem Handelsnamen Firazyr® auch in Österreich zugelassen. Es befindet sich in der roten Box.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 42/2008

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