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Gastroenterologie 13. Juni 2008

Dekadenz und Verdauung

Laut Seneca hatte die Heilkunst weniger Arbeit, als die Körper noch fest und die Speisen leicht waren. Wer an vielem herumkoste, der verrate seinen verdorbenen Magen. Leckereien brächten Schaden, wenn sie den Hunger nicht stillen, sondern verstärken. „O die Beklagenswerten, deren Gaumen nur durch kostbare Speisen gereizt wird!“, seufzt der Philosoph.

Wild gemischte Nahrung lasse sich schlecht verdauen und rufe vielfältige Krankheiten hervor. Ein Koch, der entschälte Venusmuscheln, Stachelmuscheln und Austern durch eine Schicht Seeigel trenne und mit Seebarbenfilets abdecke, erfülle eine Aufgabe, die eigentlich dem Magen zukäme. Es fehle nur noch, dass er das Geschäft der Zähne besorge oder bereits Gekautes auftrage.
Beklagenswerter als Hungernde seien Überladene, deren durch Gier ausgedehnte Mägen ihren Aufgaben nicht mehr gewachsen seien. Blässe, zitternde Nerven, gespannte Leiber, fahle Galle und missfarbige Gesichter kennzeichnen das Dahinschwinden der innerlich Faulenden, die ihre Nahrung nicht einmal mehr der Verdauung würdigen. Sie erbrechen sich, um essen zu können, und essen, um sich zu erbrechen. Sobald sie das in ihre widerstrebenden Eingeweide Hineingefüllte wieder von sich gegeben haben, lecken sie Schnee als Linderungsmittel für den kochenden Magen.
Leute, die „dem Bauchesdienst ergeben“ sind, möchte Seneca nicht zu den Menschen rechnen, sondern zu den Tieren, manche nicht einmal zu den Tieren, sondern zu den Toten. Nichts könne Begierden befriedigen, die nicht aus Mangel, sondern aus der Hitze brennender Eingeweide entstehen. Unstillbar sei jedes Verlangen, das nicht aus Mangel hervorgehe und nicht das Ende, sondern die Steigerung einer Begierde herbeiführe.

Quellen:
Seneca, Epist. 2, 95, Ad Helviam matrem, IX, XI, Ad Lucilium LX.

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