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Gastroenterologie 6. Juni 2008

Seelenheil und Verdauung

Weltweit gelten 312 Millionen Menschen als fettleibig, 1,7 Milliarden als übergewichtig. Übergewicht hat statistische Folgen: geringeres Selbstwertgefühl, schlechtere Berufsaussichten, erschwerte Partnerschaften und ökonomische Schwächung1. Plädierte Platon zu Recht für eine Unterdrückung entbehrlicher Ernährungstriebe?

Platons Überlegungen zur Heilkunde beruhen auf einer positiven Bewertung des Todes, als einen Ausgang der unzerstörbaren Seele aus der irdischen Gefangenschaft2. Der Tod erscheint als eine Genesung der Seele von ihrer Krankheit: dem Körper. In diesem Sinne bittet Platons sterbender Lehrer Sokrates um einen Hahn für Asklepios, einem Gott der Heilkunst, dem Opfer nach Genesung von Krankheit dargebracht wurden, nicht aber nach Todesfällen. Diese Herabsetzung des Körpers hat Konsequenzen für eine Philosophie der Verdauung. Für Platon sind Hunger und Durst Hinweise auf eine Leere in unserem Körper3. Wie der Körper nach Speise und Getränk verlange, so dürste und hungere die Seele nach Wissen und nach Verstand. Lernen sei eine Art Anfüllen. Auch die körperliche Verarbeitung von Speise und Trank erscheint dabei als ein grundsätzlich erfreulicher Vorgang. Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit, denn für Platon sind Brot, Wasser und überhaupt alles, was zur Ernährung des Körpers beiträgt, weniger wahr und wirklich, als die unsterblichen Dinge, welche die Seele nähren4. Die Lust an körperlicher Nahrung sei zweifelhaft: Wer geistige Nahrung verschmähe und sich „Fraß und Brunst“ ergibt, der irre sein Leben lang zwischen Schmerz und Schmerzfreiheit umher, koste keine reine Lust und schaue nie das wahre Oben5. Die Annahme eines strikten Gegensatzes zwischen Körper und Seele ist aber hinfällig, wenn es harmonische Wechselwirkungen zwischen ihnen gibt6. Entsprechend betrifft die Frage nach der Zuträglichkeit von Ernährung nicht nur die Rettung unseres Seelenheils, sondern auch die Entwicklung unserer sozialen Situation. Maßgeblich ist die Einbindung des Wohlgefühls in ein zwischenmenschliches Miteinander, das die Einheit zwischen Körper und Seele verstärkt. Hähne schulden wir jenen, die etwas zur Lösung der weltweiten Widersprüche zwischen Hunger und Fettleibigkeit beitragen.

1 Childhood Overweight, Univ. California, Berkeley, 2000.
2 Phaidon, 64 c.
3 Der Staat, Buch 3, XIV, Stuttgart, 1949, S. 317.
4 Ibid., S. 318.
5 Ibid.
6 Vgl. Shusterman, Leibliche Erfahrung in Kunst und Lebensstil, Berlin, 2005, S. 142.


 Eucarbon

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