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Gastroenterologie 6. September 2006

Lebende Würmer im lebenden Menschen (Narrenturm 66)

Jeder vierte Mensch – weltweit gesehen, versteht sich – trägt Eingeweidewürmer mit sich herum. Als Krankheitsursache spielen diese Parasiten in den Tropen und Subtropen eine weit wichtigere Rolle als bei uns in Europa. Jedoch gibt es auch in unseren Breiten, nicht zuletzt wegen der immer häufigeren Fernreisen, noch immer eine Reihe von durchaus ernst zu nehmenden Wurmerkrankungen.

Bei den Würmern, die ihren Lebensraum zumindest vorübergehend in den menschlichen Eingeweiden finden, handelt es sich glücklicherweise häufig um recht ungefährliche Arten wie Maden-, Band- und Spulwürmer. Aber der gar nicht so seltene Hundebandwurm oder der winzige Fuchsbandwurm und der in Mitteleuropa allerdings fast vollständig ausgerottete Schweinebandwurm stellen selbst in unserer „hygienischen“ Umwelt für den Menschen eine erhebliche, zuweilen sogar tödliche Gefahr dar. Im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum im Narrenturm erinnert ein Schaukasten mit Bandwürmern von beachtlichem Ausmaß – der Rinderbandwurm kann im Darm eines Menschen bis zu 20 Meter lang werden und pro Tag bis zu eine Million Eier legen – und anderen menschlichen Eingeweidewürmern an eine Zeit, als es in Österreich noch keine gesetzlich vorgeschriebene Beschau von Schlachtfleisch gab und parasitäre Wurmerkrankungen daher auch in unseren Breiten weit verbreitet waren. Untersuchungen von Schlachtfleisch auf Trichinen und Finnen gibt es in Österreich ja erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts waren die Eingeweidewürmer – Hippokrates (460–377 v. Chr.) nannte sie Helminthen – die einzigen bekannten Krankheitserreger. Die großen auffälligen Würmer, die wie kleine Schlangen aus dem Stuhl herauskrochen, ausgehustet wurden oder wie der Medinawurm aus der Haut herausgezogen werden konnten, waren vermutlich allen antiken Hochkulturen bekannt. Die ältesten genauen Angaben finden sich im ägyptischen „Papyrus Ebers“ (etwa 1550 v. Chr.). Aristoteles (384–322 v. Chr.) beschrieb und benannte bereits einige Eingeweidewürmer und wusste, dass Oxyuren – Madenwürmer – besonders in den Abendstunden ihren Träger belästigen. Über die medizinische Bedeutung, die Biologie und Lebensweise der Parasiten herrschten aber Jahrhunderte lang die unterschiedlichsten Vorstellungen.

Würmer-Urzeugung

Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts glaubten die meisten Naturforscher – nach der damals noch immer gültigen Lehre des Hippokrates – an die Urzeugung der Würmer aus der Darmwand, aus Schleim, Kot und Körpersäften im Körper des Wirtes. Erst am Beginn des 20. Jahrhunderts erkannte man, dass Würmer aus Eiern entstehen und erforschte nach und nach auch ihre oft überaus komplizierten Lebenszyklen und ausgeklügelten Wirtswechsel. Die Grundlagen zur wissenschaftlichen Helminthologie schufen in Deutschland der Arzt Karl Asmud Rudolphi (1771–1832) und der „Wurmdoctor“ Johann Gottfried Bremser (1767–1827) in Wien. Der praktische Arzt Bremser erhielt 1806 den Auftrag, die Wurmsammlung im k.k. Naturalienkabinett – dem Vorgänger des Naturhistorischen Museums – in Wien zu ordnen und eine möglichst vollständige Sammlung von menschlichen und tierischen Eingeweidewürmern anzulegen. In wenigen Jahren schufen Bremser und seine Mitarbeiter – sie sezierten in kurzer Zeit mehr als 50.000 Tiere und untersuchten sie auf Würmer – die damals weltweit größte Helminthensammlung. Für seine Kollektion bat Bremser – ab 1811 Kustos der Sammlung – auch andere europäische Naturforscher, parasitäre Würmer zu sammeln und ins k.k. Naturalienkabinett nach Wien zu schicken. Vom überaus vielseitigen Universalgelehrten und Freund Goethes, Geheimrat Samuel Thomas Soemmering (1755–1930), erhielt Bremser am 20. März 1812 eine Schachtel, in der sich ein Fischbandwurm befand. Der stammte aus Soemmerings eigenem Dünndarm. Das Präparat des Wurmes kann man noch heute im Naturhistorischen Museum in Wien bewundern. Neben seiner Tätigkeit als Kustos der Helminthensammlung war Bremser weiterhin als praktischer Arzt und „Wurmdoctor“ in Wien tätig. Er erfand ein „Wurmöl“ und führte jahrelang unentgeltlich bei armen Leuten Kuren gegen die Parasiten durch. Seine Erfahrungen publizierte er 1819 in seinem umfassenden Werk „Über lebende Würmer im lebenden Menschen“. Bremsers Buch gilt als eine der bedeutendsten klassischen Schrif­ten über menschliche Eingeweidewürmer.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 36/2006

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