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Frauen mit CED leiden unter anderem häufig an ihrer veränderten Körperwahrnehmung („body image“), die stark ihre Sexualität beeinträchtigen kann.

 
Gastroenterologie 29. August 2016

Sexualstörungen bei CED

Mehr als die Hälfte der Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED) berichten aufgrund der Erkrankung über eine eingeschränkte Sexualität. Frauen sind dabei häufiger betroffen als Männer. Wichtig ist, das Thema anzusprechen und eine Basisberatung anzubieten, denn bis zu einem Viertel der Fälle kann bereits mit diesen Maßnahmen Betroffenen geholfen werden.

Ein wichtiger Teil der klinischen Forschung bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED) beschäftigt sich mit der Lebensqualität von Patienten mit Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Es gibt mittlerweile immer mehr Studien, die versuchen, Zusammenhänge zwischen Krankheit, Sexualität und beeinflussenden Faktoren zu untersuchen.

Sexualität und Lebensqualität

Für Ärzte von betroffenen Patienten stehen die klinische und endoskopische Remission im Fokus der Behandlung. Für den Patienten spielen vor allem das schnelle Erreichen einer Symptomfreiheit bzw. die Verbesserung der Lebensqualität eine zentrale Rolle. Dazu zählt u. a. auch die sexuelle Gesundheit, die von der Weltgesundheitsbehörde WHO bereits als grundlegendes Menschenrecht deklariert wurde.

Zwei Faktoren spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle: Einerseits die sexuelle Gesundheit im Sinne der uneingeschränkten Auslebung der Sexualität, andererseits die individuelle Körperwahrnehmung – beides kann die Lebensqualität maßgeblich beeinflussen. Dazu tragen sowohl physiologische, biologische und psychosoziale Faktoren bei. Die individuelle Körperwahrnehmung („body image“) spielt beim gesunden und umso mehr beim kranken Menschen hinsichtlich der sexuellen Entwicklung bzw. in weiterer Folge der sexuellen Funktion eine wichtige Rolle. Eine Einschränkung der sexuellen Funktion und Körperwahrnehmung ist beispielsweise mit einer niedrigen Lebensqualität sowie mit Stress, Depressionen und Angststörungen assoziiert.

Der Erstmanifestationsgipfel von CED liegt in der Jugend bzw. jungem Erwachsenenalter. Somit treten Morbus Crohn und Colitis ulcerosa in einer Zeit der sexuellen Entwicklung und dem Aufbau von Partnerschaften statt. Patienten sind aufgrund der Erkrankung in diesem jungen Alter besonders für eine eingeschränkte Entwicklung ihrer Sexualität gefährdet.

Aufgrund der umfassenden Symptome und möglichen Komplikationen wie Stenosen, Fistulierungen und Abszesse weisen CEDPatienten sowohl bei aktiver als auch inaktiver Erkrankung eine eingeschränkte Lebensqualität auf. Der wichtigste Einflussfaktor hinsichtlich einer Einschränkung der Lebensqualität ist dabei der Schweregrad der Erkrankung.

Frauen sind häufiger betroffen

In einer australischen Studie berichteten 58 Prozent der befragten Patienten mit CED über eine aufgrund der Erkrankung eingeschränkte Sexualität. Weitere 66 Prozent gaben an, dass sich die Erkrankung negativ auf das individuelle Körperbild auswirkt. Die Hälfte der Patienten, die sich zur Zeit der Umfrage in einer Partnerschaft befanden, gab an, dass sich die Grunderkrankung negativ auf die Beziehung auswirkt. Hinsichtlich des Körperbildes bzw. einer Einschränkung der Sexualität gibt es keine Unterschiede zwischen Patienten mit Morbus Crohn und Colitis ulcerosa – Patienten scheinen hier vergleichbar häufig betroffen zu sein. Einen wesentlichen Unterschied gibt es jedoch zwischen den Geschlechtern; in vielen Studien zeigt sich, dass Frauen mit CED wesentlich häufiger betroffen sind als männliche Patienten. In der Studie von Muller et al. gaben 66 Prozent der Frauen im Vergleich zu 41 Prozent der Männer an, unter Sexualfunktionsstörungen zu leiden. Auch hinsichtlich einer beeinträchtigten Körperwahrnehmung waren signifikant häufiger Frauen betroffen.

Im Vergleich zu gesunden Männern kommt es bei männlichen CED-Patienten zu einem vermehrten Auftreten von Impotenz und verminderter Libido. Weiters kann es beispielsweise bei Patienten mit Colitis ulcerosa aufgrund ausgedehnter Operationen zur Schädigung pelviner Nervenstrukturen kommen, was wiederum zu Impotenz oder retrograder Ejakulation postoperativ führen kann. Bei Frauen zeigte sich in Fragebogenstudien eine über alle Domänen eingeschränkte Sexualfunktion mit verminderter Libido, Erektions-, Lubrikations- und Orgasmusstörungen, fehlender sexueller Befriedigung und Schmerzen.

Bei Frauen, die sich einem operativen Eingriff zur Behandlung der CED unterziehen müssen, spielt die Operationstechnik eine entscheidende Rolle: Laparoskopische Eingriffe führen zu einem besseren „body image“ im Vergleich zu offenen Eingriffen und scheinen dadurch die Sexualität wesentlich positiver zu beeinflussen.

Während Frauen eher krankheitsspezifische Symptome wie Bauchschmerzen, Diarrhoe und Stuhlinkontinenz als Ursache für sexuelle Funktionsstörungen angeben, berichten Männer vor allem über einen Zusammenhang mit psychologischen erkrankungsabhängigen Ursachen wie Depressionen und Arbeitsunfähigkeit.

Risikofaktoren bei CED

Es gibt mehrere Risikofaktoren, die Sexualfunktionsstörungen begünstigen können – meist sind es Kombinationen von körperlichen und psychosozialen Faktoren. Die Grunderkrankung kann die sexuelle Funktion und das individuelle Körperbild direkt und indirekt beeinflussen. Einerseits können die krankheitsspezifischen Symptome (wie Diarrhoe, Bauchschmerzen, Stuhlinkontinenz, Arthralgien) oder Komplikationen wie Fistel und Abszesse ursächlich sein, andererseits auch Medikamente, Operationen oder Komorbiditäten.

1. Einfluss der Krankheitsaktivität. Der Schweregrad der Erkrankung und die Krankheitsaktivität beeinflussen wesentlich die Lebensqualität und Sexualität. In einer Studie von Timmer et al. wurde die sexuelle Funktion von 280 CED-Patienten untersucht. Hier zeigte sich, dass 67 Prozent mit aktiver CED im Vergleich zu 21 Prozent in Remission befindliche Patienten sexuelle Funktionsstörungen aufwiesen. Aber auch bei intestinaler Symptomfreiheit können Gelenkschmerzen oder Fatigue Beeinträchtigungen verursachen. Es kommt bei aktiver Erkrankung auch zu häufigerem Auftreten von Depressionen, was wiederum die Sexualität negativ beeinflussen kann.

Zur Erkrankungsdauer der CED ist die wissenschaftliche Lage widersprüchlich; Studien belegen einerseits den negativen Einfluss einer langen Krankheitsdauer auf die Libido und sexuelle Befriedigung. In einer weiteren Studie stellt sich die Erkrankungsdauer jedoch als protektiver Faktor dar, möglicherweise durch eine Adaptierung an die Erkrankung mit besseren Copingmechanismen.

2. Einfluss von Medikamenten. Die Einnahme von Corticosteroiden kann sich durch Auswirkungen auf das Körperbild (durch Gewichtszunahme, Ödeme, Akne, Hirsutismus), aber auch durch psychiatrische Nebenwirkungen negativ auf die Sexualität auswirken. Die Einnahme von Immunomodulatoren wie Thiopurine wurden hinsichtlich dieser Fragestellung noch nicht ausreichend untersucht. Lediglich für die Einnahme von Methotrexat gibt es Fallberichte zum Auftreten von Impotenz.

Die neueren Biologika-Therapien sind in diversen Studien mit sexuellen Funktionsstörungen assoziiert. Dies ist jedoch eher auf die bei diesen Patienten zugrunde liegende schwere Krankheitsaktivität zurückzuführen und wird nicht direkt durch die Medikamente verursacht.

Potenziell können auch diverse Antidepressiva direkt (Erektions- und Ejakulationsstörungen durch SSRI oder trizyklische Antidepressiva) oder indirekt (Gewichtszunahme durch trizyklische Antidepressiva) Einfluss auf die Sexualität nehmen. Auch in der Schmerztherapie ist Vorsicht geboten: Bei Opiatabusus kann es bei Männern beispielsweise zu Erektionsstörungen oder auch zur Ejaculatio präcox kommen.

In einer Studie von Muller et al. führten 40 Prozent der befragten CED-Patienten Störungen der Libido und Sexualität auf die medikamentöse Therapie zurück. 10 Prozent berichteten, dass sie deshalb die Medikamente nicht einnehmen würden.

3. Einfluss von Operationen. Operationen stellen bei Patienten mit CED einen wesentlichen Einflussfaktor auf Sexualität und Körperbild dar, wobei in erster Linie die Art der Operation eine wichtige Rolle spielt. Beispielsweise kann bei Patienten mit Colitis ulcerosa und elektiver Proktokolektomie die Art der Operation (Pouch versus endständiges Stoma) einen wesentlichen Einfluss auf Sexualität und Körperbild haben: So berichten in einer Studie von Kuruvilla et al. Patienten mit Pouchanastomose über eine bessere sexuelle Funktion im Vergleich zu Patienten mit endständigem Ileostoma. Dabei zeigt sich kein Unterschied zwischen Männern und Frauen.

Eine ähnliche Studie kam zu dem Ergebnis, dass sich die sexuelle Funktion bei Männern postoperativ über alle Bereiche verbesserte (Libido, erektile Dysfunktion, Ejakulationsstörungen), wobei sich bei Frauen lediglich die Libido verbesserte. Dies mag auch mit dem veränderten Körperbild bei Frauen postoperativ zusammenhängen. Längerfristig betrachtet scheint jedoch weniger die Operationstechnik, sondern der Langzeiterfolg im Sinne einer chirurgisch erzielten Remission eine Rolle auf die Lebensqualität bzw. die sexuelle Funktion zu spielen.

Sexuelle Funktionsstörungen können auch direkt im Sinne von peri- bzw. postoperativen Komplikation wie durch eine Schädigung pelviner Nervenstrukturen (N. hypogastricus superior, Ganglion pelvinum) oder Gefäßstrukturen (A. pudenda interna) entstehen. Die Prävalenz hängt davon ab, ob es sich um einen Akuteingriff oder um einen elektiven Eingriff handelt, und beträgt dementsprechend 0 bis 20 Prozent bei Patienten mit CED. Maßgeblich ist die Aufklärung der Patienten über mögliche postoperative sexuelle Funktionseinschränkungen.

4. Internistische Komorbiditäten. Internistische Komorbiditäten wie Diabetes mellitus oder Hypertonie können über eine Mikro- bzw. Makroangiopathie Sexualfunktionsstörungen verursachen.

Eine entscheidende Rolle spielen bei Patienten mit CED psychiatrische Erkrankungen. Depressionen, Angststörungen und funktionelle Erkrankungen wie das Reizdarmsyndrom sind mit Sexualfunktionsstörungen assoziiert und stellen zusätzliche Risikofaktoren dar.

Patienten mit aktiver entzündlicher Darmerkrankung leiden in bis zu 60 Prozent unter Depressionen und in bis zu 80 Prozent unter Angststörungen, aber auch Patienten in Remission können zu einem beträchtlichen Teil psychiatrische Komorbiditäten aufweisen. Depressionen stellen neben der Krankheitsaktivität dabei den wichtigsten Faktor für eine Sexualfunktionsstörung dar.

Priorität hat die Grunderkrankung

Die Therapie von Sexualfunktionsstörungen bei Patienten mit CED hängt primär von der auslösenden Ursache ab. Der Patient sollte in Bezug auf die Grunderkrankung vollständig abgeklärt werden: Gibt es Maßnahmen, die zu einer Einschränkung der Sexualität geführt haben wie Operationen oder die Einnahme kontrasexueller Medikamente? Gibt es in Bezug auf Komorbiditäten sexualrelevante Begleiterkrankungen? Sind die Einschränkungen symptomassoziiert bzw. gibt es psychosoziale Ursachen?

Oberste Priorität hat die optimale Behandlung der Grunderkrankung bzw. Komplikationen. Eine symptomorientierte Therapie mittels Antiemetika, Entschäumer und Peristaltikhemmer kann in vielen Fällen eine Verbesserung erzielen. Sollten Schmerzen ursächlich für die eingeschränkte Sexualität sein, ist eine entsprechende Optimierung der analgetischen Therapie sinnvoll. Eine chronische Opiatschmerztherapie, welche u. a. selbst Sexualfunktionsstörungen begünstigen kann, sollte dabei vermieden werden.

Liegt die Ursache einer Sexualfunktionsstörung im psychosozialen Bereich, können einfache Entspannungsübungen und Entspannungstherapien wie die Darmhypnose zu einer Besserung der sexuellen Funktion führen. Hinsichtlich tertiärer Sexualfunktionsstörungen aufgrund von Depressionen, Angststörungen oder auch sozialer Isolation kann eine antidepressive oder anxiolytische Therapie unter Berücksichtigung möglicher kontrasexueller Nebenwirkungen initiiert werden. Die Zusammenarbeit mit Psychotherapeuten, Sozialberatern, CED- und Stomaschwestern oder auch Sexualmedizinern sowie eine Vielzahl medikamentöser Maßnahmen können sinnvoll sein.

Wesentlich ist, dass bereits das Ansprechen etwaiger Probleme und eine Basisberatung des Patienten in bis zu einem Viertel der Fälle Hilfe verschaffen kann. Daher sollte der Arzt den Patienten die Möglichkeit geben, vorhandene Einschränkungen der Sexualität anzusprechen.

Quelle: Die gesammelten Literaturhinweise zu diesem Artikel finden Sie unter www.springermedizin.at

Kongress

Dr. Wolfgang Eigner

Wolfgang Eigner

, Ärzte Woche 35/2016

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