zur Navigation zum Inhalt
Etwa 1000 Bakterienarten finden sich im Darm-Mikrobiom. lia.com
 
Gastroenterologie 14. September 2015

„Old Friends“ und die Psyche

Die bakterielle Darmbesiedelung als Schlüssel zum umfassenden Wohlbefinden.

Zusätzlich zu den bekannten Zusammenhängen zwischen Krankheiten des Magen-Darm-Trakts als Ausdruck psychosomatischer Störungen rückt die Erkenntnis, dass eine gestörte bakterielle Balance im Darm Auswirkungen auf das Befinden und die psychische Gesundheit haben kann, zunehmend in den Mittelpunkt der Forschung. Die neurogastroenterologische Forschung hat dabei vier verschiedene Informationsmechanismen zwischen Magen-Darm-Trakt und Gehirn identifiziert. Einflussnahmen auf diese Abläufe können Defizite oder Störungen eliminieren oder zumindest wesentlich verbessern.

Verschiedene neurologische und psychiatrische Störungen werden im Konzept der Darm-Hirn-Achse durch immunologische Störungen und Entzündungen erklärt, so Dash. Die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn erfolgt offenbar in beide Richtungen, und zwar sowohl direkt als auch indirekt über das endokrine und das Immunsystem sowie über die Modulation von Neurotransmittern. „Auch die Ernährungsweise wird auf diesen Wegen registriert, denn die Darmflora unterstützt die optimale Bioverfügbarkeit bestimmter Nahrungsinhaltsstoffe“, stellt Dash fest. Als ein wesentlicher Baustein bei der Synthese von Serotonin, einem der wichtigsten Neurotransmitter, wird dabei der Tryptophanspiegel im Plasma betrachtet, für dessen optimale Aufrechterhaltung die Darmflora sorgt.

An der Grazer Medizin Uni beschäftigt sich die Forschungseinheit für Translationale Neurogastroenterolgie mit diesen Zusammenhängen. Über Signale des Darm-Mikrobioms, Darmhormone, Immunbotenstoffe und sensorische Neurone können sich Auswirkungen auf Stimmungslage, Emotionen, kognitive Prozesse und Appetit ergeben. Ebenso können diese Signale auch Übelkeit, Schmerz und Stressanfälligkeit verursachen. Die Erforschung des Darm-Mikrobioms mit seinen bis zu 1000 verschiedenen Bakterienarten und etwa 100 Billionen Zellen hat zu neuen Erkenntnissen über die Komplexität der gegenseitigen Beeinflussungen geführt. Nicht nur ist die Zusammensetzung des Darm-Mikrobioms außer von der Ernährung auch von Darminfektionen, Darmentzündungen und dem Reizdarmsyndrom, von Fettleibigkeit und Mangelernährung sowie von Stress beeinflusst, hat es auch Auswirkungen auf Ernährung, Verdauung, Stoffwechsel und Körpergewicht, auf das Immunsystem, auf Schmerz und Stressanfälligkeit sowie auf Emotionalität, Stimmungslage, Lernen und Gedächtnis. Mit der Aufklärung der Funktionsweise und Ursache für Störungen der Mikrobiom-Gehirn-Achse soll die Grundlage für sichere und wirksame Medikamente gelegt werden, die für Gesundheitsstörungen von Übergewicht bis Schmerz und Depression eingesetzt werden könnten.

Umgebungskeime siedeln sich im Darm an

Die Rolle der frühen Konfrontation des menschlichen Organismus mit Umgebungsbakterien und die darauf aufbauende Immunität gegenüber Allergenen ebenso wie Krankheitserregern stand in jüngster Zeit im Mittelpunkt des medialen Interesses. Die „Hygiene-Hypothese“, wonach ein zu sorgfältig gereinigtes und keimreduziertes Umfeld vor allem in der frühen Kindheit dem Organismus die Gelegenheit nimmt, eine natürliche Immunität gegenüber Umgebungskeimen zu entwickeln wird im englischsprachigen Raum nun vom Konzept der „Old-Friends“-Mechanismen abgelöst. Die Umgebungskeime werden dabei zu den immunregulierenden „alten Freunden“, die sich zu einem Großteil im Darm ansiedeln. Die damit verbundenen Überlegungen stimmen freilich überein. So stellen Rook et al. fest, dass als Konsequenz der geringeren Exponierung in den reichen Ländern eine beträchtliche Zunahme einer großen Bandbreite chronisch entzündlicher Erkrankungen zu verzeichnen ist. Als Komorbiditäten mit diesen Störungen werden Depression, Angstzustände und reduzierte Stressresistenz beobachtete. Diese Beeinträchtigungen auf psychischer Ebene können bei Personen mit anhaltend erhöhten Spiegeln von Entzündungsbiomarkern auftreten, auch wenn klinisch erkennbare Zeichen einer peripheren Entzündungskrankheit fehlen.

Daten der Weltgesundheitsorganisation zeigen, dass die Prävalenz von Depressionen, die durch psychosozialen Stress verursacht werden, in Entwicklungsländern wesentlich geringer ist als in entwickelten Ländern: Die Konfrontation mit den Umweltorganismen erfolgt dort noch wesentlich ausgeprägter als in den Industrieländern und damit können die immunregulierenden „alten Freunden“ ihre Schutzwirkung umfassend entfalten.

Diese Ergebnisse unterstützen die Annahme, dass der frühe Kontakt mit Umgebungsorganismen für den Aufbau der Darmmikrobiota und den daraus resultierenden Immunschutz eine wichtige Rolle spielt. Eine beeinträchtigte Darmflora kann daher durch die fehlende Schutzwirkung und erhöhte Entzündungsneigung mit psychischen Störungen assoziiert sein. Entscheidend für die Immunregulation ist auch die Vielfalt der Darmflora. Ausführliche Studienergebnisse belegen, dass die Vielfalt der Darmmikrobiota mit dem Wohlbefinden verbunden ist.

Quellen:

www.gehirnforschung.at

Dash SR: Achse Darm-Gehirn: Was das Mikrobiom mit Demenz, Multipler Sklerose und Depression zu tunhat, Medscape. 17. April 2015

Gareau MG: Microbiota-Gut-Brain Axis and Cognitive Function, in: Microbial Endocrinology: The Microbiota-Gut-Brain Axis in Health and Disease, Springer New York 2014, pp 357-371

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben