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© Sebastian Schreiter / Springer Verlag
Bei Infektionen mit Escherichia coli empfehlen die Autoren der neuen Leitlinie, in der Regel auf Antibiotika zu verzichten.
 
Gastroenterologie 5. August 2015

Antibiotika sparsam einsetzen

Neue Leitlinie zu Magen-Darm-Infekten setzt auf bedachten Einsatz bzw. völligen Verzicht einer Antibiose.

Obwohl die häufigste Ursache von Durchfallerkrankungen Bakterien sind, ist der Einsatz von Antibiotika gründlich abzuwägen, mahnt die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten und unterstreicht dies mit einer neuen Leitlinie.

Antibiotika sollten nur in bestimmten Fällen, etwa bei Infektionen mit Shigellen oder auch Salmonellen, zum Einsatz kommen, schreibt die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) in einer Aussendung. Dabei betonen die Experten, dass Antibiotika auch häufig Ursache schwerer Durchfallerkrankungen sind. In den vergangenen Jahren verzeichnen vor allem Krankenhäuser einen starken Anstieg von schweren, teils lebensbedrohlichen Clostridium difficile-Infektionen. Gerade ältere Patienten seien hierdurch gefährdet.

Laut einer Umfrage des Robert-Koch-Instituts kommt es allein in Deutschland jährlich zu etwa 65 Millionen akuter Magen-Darm-Erkrankungen bei Erwachsenen, dies ergab eine Umfrage des Robert-Koch-Instituts. Allerdings sucht nur ein Drittel der Betroffenen deshalb einen Mediziner auf. Doch auch bei diesen sollten sich die Ärzte mit der Verschreibung von Antibiotika zurückhalten, empfiehlt die neue Leitlinie „Gastrointestinale Infektionen und Morbus Whipple“ der DGVS: „Selbst bei Kenntnis des Erregers ist eine Antibiotikabehandlung häufig nicht sinnvoll, da sie die Dauer der Erkrankung kaum verkürzt“, sagt Professor Dr. Andreas Stallmach, Direktor der Klinik für Innere Medizin IV am Universitätsklinikum Jena und einer der beiden Leitlinienkoordinatoren der DGVS. Durchschnittlich dauere eine Durchfallerkrankung drei bis vier Tage und verschwände dann von selbst.

Sowohl bei Infektionen mit Bakterien wie Campylobacter, als auch bei Erkrankungen durch Yersinien und Escherichia coli empfehlen die Autoren der Leitlinie, in der Regel auf Antibiotika zu verzichten. Selbst bei EHEC-Bakterien, die 2011 in Norddeutschland eine Epidemie ausgelöst hatten, ist laut Fachgremium nicht sicher, dass Antibiotika den Krankheitsverlauf günstig beeinflusst hätten, meint Professor Ansgar Lohse, Direktor der I. Medizinische Klinik und Poliklinik des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, der gemeinsam mit Stallmach die Leitlinie koordinierte.

Anders ist dies bei den Shigellen, die häufig schwere Erkrankungen auslösen. Hier sind Antibiotika durchaus angebracht, allerdings finden sich hier viele resistente Stämme, sodass eine Resistenztestung erfolgen sollte. Auch bei Salmonellen und in Ausnahmefällen bei Reisedurchfällen könne eine Antibiose sinnvoll sein, erklärt Lohse, insbesondere bei einer „Bakteriämie. Durchfallerkrankungen seien keineswegs immer harmlos, betont Lohse. Gerade ältere oder immungeschwächte Patienten könne eine Gastroenteritis stark schwächen, manchmal verlaufe ein Infekt sogar tödlich. Patienten mit blutigen Durchfällen, einem schweren Krankheitsbild, Fieber über 38,5° Celsius oder starkem Flüssigkeitsmangel sollten immer einen Arzt aufsuchen.

Das fatale Trio: Halbherzig, unterdosiert und kurz

Prof. Dr. Ojan Assadian, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (ÖGKH), bekräftigt dies und betont: „Die Entscheidung für oder gegen eine Antibiotikatherapie muss immer in Gesamtschau der individuellen Situation eines Patienten erfolgen. Sie stellt eine wesentliche ärztliche Indikationsstellung dar und muss neben mikrobiologischer Diagnostik die Wahl des geeigneten Antibiotikums in ausreichend hoher Konzentration sicherstellen. Die effektivste Methode zur Selektion resistenter Erreger ist eine halbherzige, unterdosierte und kurze Antibiotikatherapie.“

Auch für die Betreuung im Krankenhaus gibt die DGVS-Leitlinie klare Empfehlungen: Eine rationale Diagnostik und begründete Therapie ist demnach genauso wichtig wie das Einhalten der Hygienevorschriften. „Den damit verbundenen Bedarf an Personal und räumlichen Voraussetzungen wie zum Beispiel Isolationseinheiten gibt es leider nicht umsonst“, sagt Stallmach. Gerade in der Klinik verschärfe wiederum der häufige Einsatz von Antibiotika die Problematik: Zerstören diese die gesunde Darmflora kann sich der Erreger Clostridium difficile ausbreiten und schwere Durchfallsymptome hervorrufen. Wichtig sei, dass Antibiotika in allen Fächern der Medizin – sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich – stets mit Bedacht eingesetzt werden.

Bei weniger gravierenden Magen-Darm-Infekten helfen normalerweise einfache Mittel um die Symptome zu lindern: So kann der Arzt den Patienten Medikamente mit dem Wirkstoff Loperamid verschreiben, die den Darm beruhigen. Zum Ausgleich des Flüssigkeitsverlusts empfiehlt die Leitlinie eine Salz- und Glukosetrinklösung, die in Apotheken erhältlich ist. Fruchtsäfte, Leitungswasser oder Cola seien dagegen ungeeignete Hausmittel.

Die Leitlinie gibt erstmals auch Empfehlungen für den Morbus Whipple, einer seltenen Darminfektion, die mit Gelenkbeschwerden und einer langfristigen Gewichtsabnahme einhergeht. Interessierte können das Dokument auf der Internetseite www.dgvs.de kostenfrei herunterladen.

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