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Die Darmmikrobiota verhindert das Andocken pathogener Keime.
 
Gastroenterologie 23. März 2015

Gestörte Verdauung

Wenn Magen und Darm aus dem Gleichgewicht sind.

Meist realisiert man erst, wenn die Verdauung gestört ist, wie sehr das Wohlbefinden von ihrem geregelten Ablauf abhängt. Gleichzeitig reagiert der Verdauungstrakt sehr empfindlich auf Stress, wodurch sich leicht ein Teufelskreis entwickelt. Umgekehrt lässt sich daraus die erste Behandlungsstrategie ableiten: Ruhe und Entspannung. Was darüber hinaus vonnöten ist, hängt ganz von der jeweiligen Befindlichkeit ab und lässt sich durch gezieltes Nachfragen meist zielführend eingrenzen.

Darmprobleme

Reine Darmerkrankungen machen sich mit Stuhlunregelmäßigkeiten wie Durchfall und Verstopfung bemerkbar, die meist ein Fall für die Selbstmedikation sind. Oft kommt es dabei zu Blähungen, Schmerzen oder Krämpfen, die sich über den gesamten Bauch ausdehnen. Ein Arzt ist gefragt, wenn die Beschwerden häufig oder über längere Zeit auftreten, von Fieber begleitet werden oder zudem Blut, Eiter oder vermehrte Fett- oder Schleimauflagerungen im Stuhl vorkommen.

Kennzeichnend für eine Diarrhoe sind eine gehäufte Stuhlentleerung (mehr als dreimal täglich), eine erhöhte Stuhlmenge (› 200 g/d) sowie eine wässrige oder breiige Konsistenz der Fäzes. In vier von fünf Fällen sind es Infektionen des Gastrointestinaltraktes mit Viren oder Bakterien, die zu einer unkomplizierten, selbstlimitierenden Erkrankung führen. Häufig ist auch eine vorangegangene Antibiotikatherapie Schuld daran, dass pathogene Erreger die durch Therapie geschädigte, schützende Darmflora überrennen.

Durchfall

Durchfall kann aber auch ein Anzeichen für eine schwere Erkrankung sein. Warnzeichen dafür sind Durchfälle, die mehrere Tage andauern, sehr heftig sind, sowie von Fieber oder unstillbarem Erbrechen begleitet werden. Ist Blut im Stuhl zu sehen oder sind Säuglinge, Kleinkinder, Schwangere oder ältere Menschen betroffen, dann ist ein Arztbesuch anzuraten.

Orale Rehydratation. Bei jedem Durchfall besteht die Gefahr der Austrocknung (Dehydrierung). Deshalb ist die wichtigste Maßnahme, die verlorengegangenen Flüssigkeits- und Elektrolytmengen zu ersetzen, damit die Stabilität des Blutkreislaufs – und damit die Basis für alle Körperfunktionen – gewährleistet ist. Orale Rehydratationslösungen enthalten eine Kombination aus Natriumionen und Glukose, die dem Körper die Aufnahme von Wasser erleichtert.

Der Natriumgehalt ist auf 75 Millimol pro Liter begrenzt. Dennoch muss bei Patienten mit Bluthochdruck oder Herzinsuffizienz abgeschätzt werden, ob die aufgenommenen Natriummengen sowie das Gesamtvolumen verarbeitet werden können. Entsprechendes gilt für Diabetiker bezüglich der Glukose.

Adsorbenzien. Sie werden nicht resorbiert und besitzen eine große Oberfläche. Das macht Adsorbenzien zu den geeigneten „Ausputzern“ für durchfallauslösende bakterielle Toxine und Viren. Allerdings können sie auch Arzneistoffe binden und damit unwirksam machen. Eingesetzt werden medizinische Kohle, Smektit und Pektin. Pektine, die auch im geriebenen Apfel, einem altbewährten Hausmittel, enthalten sind, bilden zudem mit Wasser ein darmschützendes Hydrokolloid.

Adstringenzien. Gerbstoffe (z. B. in getrockneten Heidelbeeren) reagieren mit dem Eiweiß der entzündeten Darmschleimhaut. Dadurch dichten sie lokal die Kapillaren ab und schrumpfen die Oberfläche, was zu einer Verminderung des Wasserverlustes führt und zudem die Aufnahme von Toxinen, Bakterien und Viren erschwert. Gerbstoffhaltige Fertigprodukte nutzen beispielsweise Tannin-Eiweiße oder Trockenextrakt aus Uzarawurzel. Letzterer hemmt zudem die Darmmotilität und wirkt Bauchkrämpfen entgegen. Ein spezieller Gelatine- und Tanninsäurekomplex bildet auf der Darmschleimhaut eine mechanische Schutzschicht, in der die für die lokale Entzündung verantwortlichen Mucoproteine eingebaut und mit dem Stuhl ausgeschieden werden.

Opioid-Antagonist. Die motilitätshemmende Wirkung von Loperamid erfolgt durch einen Angriff an die Opioid-Rezeptoren der Darmwand. Dadurch wird die Freisetzung von Acetylcholin und Prostaglandinen verhindert. Das reduziert die peristaltischen Darmbewegungen und verlängert die Transitzeit des Darminhalts. Zudem wird der Tonus des Ringmuskels am Darmausgang (Analsphinkter) erhöht, was der Stuhlinkontinenz entgegenwirkt. Der Wirkstoff ist in der Selbstmedikation nur für einen Anwendungszeitraum von zwei Tagen für Erwachsene und Kinder ab zwölf Jahren zugelassen.

Enkephalinase-Antagonist. Seit kurzem steht der Wirkstoff Racecadotril für Erwachsene ab 18 Jahren in der Selbstmedikation zur Verfügung. Damit hat die neue Substanzklasse der Enkephalinase-Antagonisten Einzug ins OTC-Sortiment gehalten. Aus dem Prodrug Racecadotril wird im Dünndarm Thiorphan gebildet, das durch Hemmung des Enzyms Enkephalinase die Konzentration der Enkephaline (körpereigene Opioide) erhöht. Infolgedessen nimmt die Sekretion von Flüssigkeit und Elektrolyten ins Darmlumen ab.

Probiotika. Keime im Darm sind nicht prinzipiell schlecht. Die Darm-Mikrobiota (früher Darmflora) erfüllt wichtige Aufgaben und verhindert allein durch ihren Platzanspruch das Andocken pathogener Keime. Daher werden geeignete Keime auch therapeutisch genutzt. Gefriergetrocknete Milchsäurebakterien konnten in In-vitro-Studien eine bakteriostatische Wirkung auf darmpathogene Erreger zeigen. Gleichzeitig stimulierten sie das Wachstum säurebildender Darmbakterien, die durch ihren pH-Einfluss ein keimfeindliches Milieu schaffen.

Trockenhefen sind in der Lage, bestimmte darmpathogene Bakterien zu binden und das Wachstum verschiedener Darmkeime zu hemmen. Damit kann Durchfall nicht nur therapeutisch behandelt, sondern auch prophylaktisch abgewehrt werden, was gerade in der Urlaubszeit von Vorteil ist.

springer-gup.de/red, Apotheker Plus 3/2015

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