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Symptomatischer Reflux sollte vor allem bei älteren Männern nicht auf die leichte Schulter genommen werden.
 
Gastroenterologie 18. Februar 2014

Reflux-Paradox

GERD-Patienten mit hohem Risiko werden zu selten endoskopiert.

Die Häufigkeit, mit der Patienten mit Refluxsymptomen endoskopiert werden, steht offenbar in keinem Verhältnis zu deren Risiko, einen Barrett-Ösophagus oder einen Speiseröhrenkrebs zu entwickeln. In einer US-Studie kamen paradoxerweise ausgerechnet ältere Männer seltener in den „Genuss“ der invasiven Untersuchung.

Zum Nutzen der Ösophagogastroduodenoskopie (ÖGD) bei symptomatischer Refluxkrankheit (GERD) sind sich die internationalen Fachgesellschaften durchaus uneins. Die DGVS (Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten) empfahl bislang, Patienten mit eindeutiger Refluxsymptomatik auch bei fehlenden Alarmsymptomen frühzeitig zu endoskopieren: Als „Indexendoskopie“ sei die ÖGD „von Vorteil für die Diagnostik des Barrett-Ösophagus und die Erfassung von Komplikationen (Ulkus, Striktur)“. Darüber hinaus könnten z. B. Patienten mit Malignomen von der damit ermöglichten frühen Diagnose profitieren. Die Leitlinie wird derzeit überarbeitet.

Dagegen gibt es jedoch auch Stimmen, die die invasive Diagnostik Patienten mit Alarmsymptomen wie Dysphagie oder Gewichtsverlust vorbehalten wollen; dies fordern unter anderem die Experten von der American Society of Gastrointestinal Endoscopy (ASGE).

Wie schwierig es ist, diejenigen Refluxpatienten zu identifizieren, die von einer ÖGD tatsächlich profitieren, zeigt eine aktuelle Studie aus den USA: Die Wissenschaftler um Jennifer R. Kramer vom Michael E. DeBakey VA Medical Center in Houston, Texas, haben knapp 500.000 Patienten mit einer unkomplizierten GERD nachbeobachtet; davon hatten 7,3 Prozent innerhalb eines Jahres nach der Diagnose eine Endoskopie erhalten, 15,4 Prozent im Laufe der gesamten Studiendauer (im Mittel 4,5 Jahre). Auf einen Barrett-Ösophagus stießen die Untersucher in zehn Prozent der Endoskopierten, auf ein Karzinom (sei es in Speiseröhre, Magen oder Dünndarm) in 0,81 Prozent.

Vor allem ältere Männer entziehen sich der Diagnostik

Wie sich herausstellte, hatten sich oft gerade diejenigen GERD-Patienten mit relativ hohem Risiko der invasiven Diagnostik entzogen, nämlich die über 50-jährigen Männer. Das Risiko für einen Barrett-Ösophagus war bei männlichem Geschlecht um den Faktor 2,26 erhöht, das Karzinomrisiko insgesamt fast fünffach. In der Altersgruppe der 50- bis 54-Jährigen (Männer und Frauen) stieg das Krebsrisiko um den Faktor 2,72, bei den 60- bis 64-Jährigen um den Faktor 4,96, und in der Gruppe der über 65-Jährigen um knapp das Siebenfache. Aber ausgerechnet bei Letzteren lag die Wahrscheinlichkeit (OR) einer ÖGD im Studienzeitraum nur bei 0,77.

Barrett-Patienten gehen durch die Lappen

„Trotz der weiten Verbreitung der Endoskopie zur Refluxdiagnostik werden uns die meisten Barrett-Patienten durch die Lappen gehen“, schreiben Nicholas J. Tally und Kate E. Napthali in ihrem Kommentar im „JAMA Internal Medicine“. Dies könnte daran liegen, spekulieren die Experten, dass die ÖGD bei Hochrisikopatienten nicht in ausreichendem Maße eingesetzt werde. Außerdem entstünden bis zu 95 Prozent der Adenokarzinome in der Speiseröhre ohne vorherige Barrett-Diagnose. Wie Kramer und ihr Team betonen, gelten als Risikofaktoren für Barrett-Ösophagus oder Speiseröhrenkrebs neben Alter und Geschlecht des Patienten auch z. B. Rauchen, Übergewicht, eine Symptomdauer von mehr als fünf Jahren sowie eine familiäre Vorbelastung.

Rauchen und Übergewicht als Risikofaktoren

Auf der anderen Seite, so Tally und Napthali, gebe es immer noch nicht genügend Hinweise dafür, dass ein Screening per Endoskopie bei symptomatischen GERD-Patienten die Krebsrate senkt. Die Experten sprechen sich letztlich für den Einsatz der ÖGD vor allem bei Patienten mit Alarmzeichen sowie bei Hochrisikopatienten aus: „Solange wir keine nicht-invasiven Biomarker haben, um einen Barrett-Ösophagus zu erkennen, scheint diese Maßnahme sinnvoll zu sein, auch wenn sie wohl nicht sehr viele Menschenleben rettet.“

Was den JAMA-Kommentatoren zufolge präventiv wohl mehr bringen würde, aber auch sehr viel schwerer durchzusetzen ist: die Patienten zum Rauchstopp und zum Abnehmen bewegen.

Originalpublikation: Kramer JR et al.: Use and Yield of Endoscopy in Patients With Uncomplicated Gastroesophageal Reflux Disorder; JAMA Intern Med 2014; online 27. Januar

springermedizin.de, Ärzte Woche 8/2014

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