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Gastroenterologie 4. Dezember 2013

Darm in Schwung

Flottes, regelmäßiges Spazierengehen schützt vor Morbus Crohn.

Wer körperlich aktiv ist, tut offenbar auch dem Darm Gutes. Wie Wissenschaftler aus Boston herausfanden, senken z. B. mehrere ausgedehnte Spaziergänge pro Woche das Risiko, an Morbus Crohn zu erkranken, um etwa die Hälfte. Für die Colitis ulcerosa scheint der Zusammenhang aber nicht zu gelten.

Welche Mechanismen bei der Entstehung chronisch entzündlicher Darmerkrankungen eine Rolle spielen, ist noch weitgehend unklar. Die steigenden Inzidenzen von Morbus Crohn und Colitis ulcerosa legen jedoch nahe, dass externe Faktoren die Pathogenese beeinflussen können. Wie eine Studie aus Boston jetzt bestätigt, hat körperliche Aktivität möglicherweise eine Schutzfunktion – zumindest beim Morbus Crohn.

Hamed Khalili und sein Team von der Harvard Medical School haben Informationen aus zwei großen Kohortenstudien ausgewertet: der Nurses’ Health Study (NHS), für die bereits seit 1976 Daten gesammelt werden, und ihrer Nachfolgerin, NHS II, die seit 1989 läuft. Unter den Teilnehmerinnen – jeweils über 100.000 US-Krankenschwestern im Alter zwischen 30 und 55 bzw. 25 und 42 (NHS II) – filterten die Forscher 194.711 Frauen heraus, von denen ausreichende Informationen über körperliche Aktivitäten und Risikofaktoren zur Verfügung standen. Davon hatten 284 bis zum Studienende in 2010 einen Morbus Crohn entwickelt, 363 eine Colitis ulcerosa.

Wie sich herausstellte, sank das Crohn-Risiko mit zunehmender Aktivität, und zwar unabhängig von anderen Risikofaktoren wie Rauchen, Übergewicht, Appendektomie, Einnahme von Kontrazeptiva oder nichtsteroidalen Antirheumatika. Das Trainingsniveau erfassten die Forscher als MET-Stunden pro Woche. Ein MET (metabolisches Äquivalent) entspricht einem Energieverbrauch von 4,2 Kilojoule je Kilogramm Körpergewicht pro Stunde; dies kommt etwa dem Ruheumsatz des Körpers gleich.

Zwei ausgedehnte, flotte Spaziergänge pro Woche

Schon mäßige (aber regelmäßige) Bewegung von drei bis neun MET pro Woche war gegenüber einem inaktiven Lebensstil mit einer Risikominderung um 35 Prozent verbunden (Hazard Ratio = 0,65). Die Forscher gehen davon aus, dass zehn MET-Stunden pro Woche etwa einem zweieinhalbstündigen „flotten“ Spaziergang entsprechen. Wer es auf 18 bis 27 MET wöchentlich brachte, konnte mit einem um 52 Prozent verminderten Risiko eines Morbus Crohn rechnen. Bei noch mehr Aktivität stiegen die Chancen, der Krankheit zu entgehen, allerdings nicht weiter: In der Kategorie über 27 MET sank das Erkrankungsrisiko um 44 Prozent. Ein solches Niveau, so Khalili und Kollegen, erreicht man z. B., wenn man jede Woche etwa neun Stunden in durchschnittlichem Tempo spazieren geht.

Den Unterschied in den Erkrankungsraten gaben die Wissenschaftler mit bis zu zehn Fällen pro 100.000 Personenjahre an (16 Neuerkrankungen bei inaktiven Frauen gegenüber sechs Neuerkrankungen bei Frauen im aktivsten Fünftel).

Kein Effekt bei Colitis ulcerosa

Auf die Entwicklung einer Colitis ulcerosa hatte das Training überraschenderweise keinen Einfluss. Die Forscher gehen von unterschiedlichen Pathogenesepfaden für die beiden chronisch entzündlichen Darmerkrankungen aus. Als eine der Ursachen für Morbus Crohn vermutet man bestimmte Genpolymorphismen; diese könnten die sogenannte Autophagozytose hemmen, erklären Khalili et al. Körperliche Aktivität dagegen könne diesen Prozess, bei dem zum Beispiel fehlerhafte körpereigene Proteine, aber auch Viren oder Fremdeiweiße abgebaut werden, ankurbeln. Solchen Vorgängen wurde bereits ein protektives Potenzial im Zusammenhang mit Krebs, neurodegenerativen und entzündlichen Erkrankungen zugeschrieben.

 

Originalpublikation: Khalili H et al. BMJ 2013;347:f6633; doi: 10.1136/bmj.f6633

springermedizin.de/KK, Ärzte Woche 49/2013

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