zur Navigation zum Inhalt
© Peter Endig / dpa
Das Geschäft mit glutenfreien Lebensmitteln boomt.
 
Gastroenterologie 1. Juli 2013

Glutensensitivität

Ein neues klinisches Krankheitsbild und ein Geschenk für die Hersteller glutenfreier Produkte.

Glutensensitivität (GS, auch NCGS für Non-Coeliac Gluten Sensitivity) kristallisiert sich in letzter Zeit als neues klinisches Syndrom heraus, das europaweit möglicherweise Millionen von Menschen betrifft. Jüngsten Studien zufolge lässt sich GS von anderen glutenbedingten Erkrankungen abgrenzen.

Das Internet wurde in letzter Zeit mit Informationen über das Krankheitsbild und seine Behandlung förmlich geflutet – teilweise auch dank der Hersteller glutenfreier Produkte. Laut Prof. Dr. Chris Mulder, Vorsitzender des Niederländischen Gastroenterologenverbands NVGE, eines Mitglieds der UEG (United European Gastroenterology), kommen diese Informationen angesichts des aktuellen Wissensstands über GS möglicherweise jedoch zu früh: „Die GS-Debatte ist im Internet allgegenwärtig. Dabei haben wir noch nicht einmal eine klare Definition des Syndroms herausgearbeitet und ganz sicher können wir noch nichts über ein adäquates Management der GS sagen. Wir müssen in dieser Debatte auf etwas mehr Umsicht hinwirken, damit die Glutendiskussion nicht am Ende zu der allgemeinen Überzeugung führt, Gluten sei für die meisten Menschen giftig.“

Das Glutenproblem

Gluten ist der wichtigste strukturgebende Eiweißkomplex im Weizen und findet sich auch in anderen Getreidesorten wie Gerste und Roggen. Bei manchen Menschen lösen Gluteneiweißfragmente, die so genannten Gliadine, eine immunvermittelte Reaktion aus, die zu Blähungen, Bauchschmerzen, Durchfall sowie Muskel-, Knochen- oder Gelenkbeschwerden führen kann. Das bekannteste Krankheitsbild im Zusammenhang mit einer Glutenunverträglichkeit ist die Zöliakie, die schätzungsweise etwa ein Prozent der Gesamtbevölkerung betrifft und häufig mit Gewichtsverlust aufgrund einer Schädigung der Darmwand und einer Malabsorption von Nährstoffen einhergeht. Laut Mulder ist eine lebenslange, glutenfreie Diät zurzeit die einzige Behandlungsmöglichkeit für Menschen mit Zöliakie: „Symptomatische Zöliakiepatienten profitieren erwiesenermaßen von einer glutenfreien Diät. Diese verbessert nicht nur die Symptome, sondern senkt vermutlich sogar das Risiko langfristiger Komplikationen wie Osteoporose, refraktärer Zöliakie und bösartiger Dünndarmtumore.“

GS als neues Krankheitsbild

Die Existenz einer Glutensensitivität wurde erstmals in den späten 1980er Jahren diskutiert. Aber erst in den letzten Jahren, als sich zeigte, dass manche Menschen eine Glutensensitivität aufweisen, jedoch ohne die typischen histologischen, serologischen oder klinischen Anzeichen einer Zöliakie, hat sich ein signifikantes wissenschaftliches Interesse an GS entwickelt. Zwar wurden mittlerweile Versuche einer Definition von GS unternommen, doch die typischen Symptome ähneln denen einer Zöliakie, sodass sich eine Diagnose in der klinischen Praxis schwierig gestaltet.

„Zöliakiezentren haben Probleme, das Syndrom präzise zu definieren“, so Mulder. „Zurzeit können wir GS nur dann bei einem Patienten mit Magen-Darm- und anderen typischen Zöliakiesymptomen diagnostizieren, wenn dieser positiv auf eine glutenfreie Diät reagiert, obwohl eine Zöliakie bei ihm im Rahmen einer ordnungsgemäßen Diagnostik ausgeschlossen wurde. Wir brauchen bessere Kriterien für GS, um sie im Klinikalltag anwenden zu können.“

Goldgrube „glutenfrei“ – aber um welchen Preis?

Früher galt eine glutenfreie Diät als Spezialdiät für Menschen mit Zöliakie und anderen glutenbedingten Autoimmunerkrankungen. Heute boomt das Geschäft mit glutenfreien Lebensmitteln und von kommerziellen Interessen getragene Informationen über GS könnten, wie Mulder vermutet, dazu führen, dass sich immer mehr Menschen unnötigerweise glutenfrei ernähren.

„Seit GS im wissenschaftlichen Diskurs eine Rolle spielt, werden mit glutenfreien Produkten überall Geschäfte gemacht – besonders in Australien und Neuseeland, wo glutenfreie Speisen in Restaurants und Geschäften überall zu haben sind“, erläutert Mulder. „Aber wie jeder Zöliakiepatient weiß, ist eine glutenfreie Diät mitunter belastend, teuer und sehr schwierig einzuhalten. Wir sollten also zumindest noch sehr vorsichtig damit sein, eine glutenfreie Diät auch anderen Patientengruppen zu empfehlen. Im Fall von GS wissen wir einfach noch nicht genug darüber, um eine bestimmte Behandlungsstrategie wie zum Beispiel eine glutenfreie Diät empfehlen zu können.“

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben