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Gastroenterologie 15. Februar 2013

Krankheit in der Tabuzone

Mehr Aufmerksamkeit für chronisch entzündliche Darmerkrankungen

Die industrielle Verarbeitung unserer Lebensmittel und andere Umweltfaktoren haben immer früher Konsequenzen auf die Gesundheit der Bevölkerung. Zunehmend sind beispielsweise jüngere Menschen von chronisch entzündlichen Darmerkrankungen betroffen. Aber Symptome, die mit vielen Tabus verbunden sind, verhindern oft eine frühzeitige gezielte Behandlung und erhöhen für die Betroffenen den Leidensdruck. Die Initiative „Join the Fight Against IBD“ soll das allgemeine Bewusstsein für chronisch entzündliche Darmerkrankungen heben. Beim diesjährigen Kongress der European Crohn and Colitis Organization (ECCO) vom 14. bis 16. Februar in Wien wurden Maßnahmen sowie aktuelle Daten und Behandlungsoptionen diskutiert.

Insgesamt verzeichnet man bei chronisch entzündlichen Erkrankungen einen Anstieg um das Zehn- bis 15-fache verglichen mit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts, stellte Univ.-Prof. Dr. Walter Reinisch, Klinische Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie der Medizinischen Universität Wien, fest. Dazu zählen Asthma, Diabetes mellitus Typ 1, Multiple Sklerose und entzündliche Darmerkrankungen. In den USA sind etwa 16 Prozent der Bevölkerung von einer chronisch entzündlichen Erkrankung betroffen, für Europa liegen zwar keine Zahlen vor, die Situation dürfte jedoch ähnlich sein. Jedenfalls, so Reinisch sind diese Erkrankungen kein Problem der älter werdenden Bevölkerung, sondern es sind vor allem junge Menschen davon betroffen. Und: Je jünger der Patient, desto aggressiver ist die Erkrankung.

Die Ursache für den dramatischen Anstiegt ist nicht geklärt, wird aber durch ein Zusammenspiel von Umweltfaktoren vermutet: Ernährung, zu großzügiger Einsatz von Antibiotika, Rauchen, Stress, Lebensstil ebenso wie die Schadstoffbelastung in den Städten und übertriebene Hygienemaßnahmen können dazu führen, dass zugrundeliegende genetische Dispositionen zum Krankheitsausbruch führen.

Man soll darüber reden

Die chronisch entzündlichen Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa sind neben dem hohen Leidensdruck mit dem Problem verbunden, dass ihre Symptome „in der körperlichen Tabuzone liegen“ und daher sowohl vom Betroffenen als auch vom Arzt häufig ungern darüber gesprochen werde, erklärte Reinisch. Wichtig ist jedoch, stärker darüber zu kommunizieren. Denn die Betroffenheit ist verbreitet.

Die beim ECCO Kongress 2013 vorgestellte ECCO-EpiCom Studie ergab, dass in Europa etwa drei Millionen Menschen von einer IBD betroffen sind, berichtete Dr. Tine Jess vom Statens Serum Insitut, Dänemark. Der Großteil der Patienten ist bei Diagnosestellung in der Altersgruppe der 20- bis 30-jährigen, ein deutlicher Anstieg wurde auch bei Kindern beobachtet. Die Mehrheit der Erkrankten leidet unter immer wiederkehrenden Symptomen, aber 20 bis 25 Prozent ist von kontinuierlichen Symptomen betroffen. 30 bis 40 Prozent leiden unter Darmverengungen, Fisteln und anderen Komplikationen und benötigen eine frühe intensive Therapie. Allerdings erhalten beispielsweise in Deutschland immer noch fast 20 Prozent der Erkrankten Steroide als   langfristige Monotherapie –mit allen Folgewirkungen. Je nach Krankheitsstadium stellen Aminosalizylate - bei leichteren Entzündungsschüben -, Immunsupressiva oder Biologika die adäquate Therapie dar. Dennoch sprechen 20 bis 25 Prozent nicht auf moderne Medikamente an, so Reinisch. Jedenfalls gilt: Je früher die Patienten behandelt werden, desto besser ist die Prognose. Daher sei es wichtig, die Allgemeinärzte besser zu informieren.

Die Österreichische Morbus Crohn Colitis Ulcerosa Veinigung (ÖMCCUV) entwickelte vor etwa zwei Jahren einen speziellen Online Fragebogen (www.ced-check.at), der anhand von zehn Fragen zu Anamnese und Symptomatik einen frühzeitigen Hinweis auf die Erkrankung ermöglicht. „Es besteht die dringende Notwendigkeit, den Hausarzt besser zu informieren“ forderte Reinisch. Benötigt werden verschiedene Ebene des Wissens: Die Öffentlichkeit, den praktischen Arzt und den Spezialisten. Aufmerksam sollte der Hausarzt jedenfalls bei Symptomen wie Bauchschmerzen, wochen- oder monatelangem häufigem Durchfall, Inkontinenz, Gewichtsverlust, Fatigue und manchmal auch Fieber sein. Sie können auf eine CED hindeuten.

Quelle: Pressekonferenz „Joint he Figth against IBD“ veranstaltet von ECCO und EFCCA (European Federation of Crohns&Colitis Associations), 13. Feburar 2013, Wien, im Rahmen des ECCO-Kongress 2013

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