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Gastroenterologie 14. Februar 2013

Umweltfaktoren als Hauptursache: Massiver Anstieg von chronisch entzündlichen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen

In den vergangenen fünf Jahrzehnten sind chronisch entzündliche Erkrankungen in den Industriestaaten um das zehn- bis 15fache angestiegen. Noch erschreckender ist die Tatsache, dass vor allem Kinder und Jugendliche verstärkt betroffen sind. Zu den chronisch entzündlichen Erkrankungen zählen unter anderem Asthma, Diabetes Mellitus Type 1, Multiple Sklerose sowie die Gruppe der chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED). Die European Crohn's and Colitis Organisation (ECCO) und die European Federation of Crohn's and Ulcerative Colitis Associations (EFCCA) fordern im Rahmen des jährlichen, internationalen ECCO-Kongresses am 13. und 14. Februar 2013 in Wien, ein verstärktes Wahrnehmen dieser besorgniserregenden Entwicklung und rufen zum gemeinsamen Gegensteuern auf.

"Nur ein geringer Teil der Erkrankungen kann auf eine genetische Veranlagung zurückgeführt werden. Die Hauptursachen für chronisch entzündliche Erkrankungen scheinen in belastenden Umweltfaktoren zu liegen", warnt Univ.-Prof. Dr. Walter Reinisch vom Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien (AKH) - Medizinische Universität Wien. Unausgewogene Ernährung, Medikamente wie Antibiotika, Rauchen, Stress, Lebensstil und Lebensumfeld in den Städten sowie übertriebene Hygiene scheinen jene Faktoren zu sein, welche die Entwicklung von chronisch entzündlichen Erkrankungen fördern können.

Reinisch: "Den chronisch entzündlichen Erkrankungen liegt zumeist eine genetische Anlage, in Form von genetischen Varianten (Polymorphismen) zugrunde. Bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen wurden beispielsweise über 150 verschiedene genetische Polymorphismen beschrieben, die teilweise auch bei rheumatischer Arthritis oder bei Schuppenflechte beschrieben werden. Diese genetischen Polymorphismen bestehen wahrscheinlich seit Jahrhunderten oder bereits seit Jahrtausenden und es ist anzunehmen, dass sie in der Vergangenheit für ihre Träger gesundheitliche Vorteile mit sich brachten. Doch in Verbindung mit unseren gegenwärtigen Umweltfaktoren tragen diese auch das Risiko für chronisch entzündliche Erkrankungen."

Zwtl.: Chronisch entzündliche Darmerkrankungen: Nur die Spitze des Eisbergs

Der Darmtrakt bildet die größte Oberfläche in unserem Körper und ist deshalb besonders anfällig gegenüber Umwelteinflüssen. Es wurde aufgezeigt, dass Rauchen, die Einnahme von Antibiotika oder die Zusammensetzung unserer Ernährung das Mikrobiom des Darms möglicherweise irreversibel verändern. "Das Darm-Mikrobiom weist auch bei Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen Veränderungen auf. Kürzlich wurde wiederholt über Zusammenhänge berichtet, welche belegen, dass die Einnahme von Antibiotika während der Kindheit mit einem erhöhten Risiko, später an Morbus Crohn zu erkranken, einhergeht", sagt Reinisch. "Chronisch entzündliche Darmerkrankungen sind wohl nur der Gipfel eines Eisberges, der uns aufzeigt, wie die Darmflora auf ein Minimum ihrer Vielfalt und Reichhaltigkeit reduziert wird. Veränderungen in der Darmflora wurden auch mit anderen chronisch entzündlichen Erkrankungen wie rheumatische Arthritis oder Multiple Sklerose in Zusammenhang gebracht", berichtet Reinisch.

Zwtl.: Die neue ECCO-EpiCom Studie zeigt die Belastungen durch CED in Europa

Chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED) wirken sich bei Patienten auf alle Lebensbereiche aus und verursachen massive Kosten für das Gesundheitssystem ebenso wie für die Gesamtgesellschaft. Die Krankheit kann nicht "geheilt" werden. "Neue epidemologische Daten zeigen auf, dass die Häufigkeit und Verbreitung von CED steigen", so Dr. Tine Jess vom National Health Surveillance and Research, Statems Serum Institut, Dänemark. Die Verbreitung von CED (Colitis ulcerosa und Morbus Crohn) ist bei dänischen Kindern in den vergangenen neun Jahren um nahezu 50 Prozent angestiegen. Zahlen aus Schottland, Irland und Spanien bestätigen diesen Trend, dort hat sich die Zahl der Kinder mit Morbus Crohn seit 1996 verdreifacht. Geschätzte 2,5 bis 3 Millionen Menschen sind in Europa von CED betroffen, die direkten Gesundheitskosten dafür liegen bei 4,6 bis 5,6 Milliarden Euro pro Jahr.

Jess: "Im Epidemiologischen Komitee der ECCO erachteten wir diese Studie mit umfassenden Analysen als dringend erforderlich, um europäischen Patienten, Medizinern und Politikern fundierte Informationen über die Belastungen von CED in Europa geben zu können. Sie enthält Daten über den Krankheitsverlauf, das Risiko bezüglich Operationen und Krankenhausaufenthalten, Krebs- und Sterblichkeitsrisiken, ebenso wie die wirtschaftlichen Aspekte, die Beeinträchtigungen der Patienten im Alltag und in der Arbeitswelt."

Am häufigsten treten chronisch entzündliche Darmerkrankungen in hoch entwickelten Ländern wie z.B. in Europa auf. Vor allem Nordeuropa ist stark betroffen, doch auch in Süd- und Osteuropa sind die Erkrankungen ansteigend. Die meisten europäischen CED-Patienten erfahren einen Krankheitsverlauf mit häufigen Schüben, 20 bis 25 Prozent der Patienten leiden an ständigen, also chronischen Symptomen. Bei bis zu 30 bis 40 Prozent der europäischen Morbus Crohn Patienten sind Komplikationen, wie Darmverengungen oder Fisteln, also Verbindungen zu anderen Organen oder Hautoberfläche, bereits bei der Diagnose vorhanden. Bei einer ähnlich hohen Anzahl von Patienten entwickeln sich während der kommenden zehn bis 15 Jahre ab Diagnose Komplikationen im Krankheitsverlauf, so das Resultat der neuen ECCO-Studie.

Zwtl.: Krankenhausaufenthalte und Operationsraten

53 Prozent aller Morbus Crohn Patienten benötigen innerhalb von zehn Jahren nach Diagnose eine stationäre Aufnahme in einem Krankenhaus. Am höchsten ist diese Rate in Dänemark, Irland, Portugal, etwas geringer in Norwegen, Griechenland und Italien. Der Hospitalisierungsbedarf für Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa reflektiert nicht nur den Schweregrad der Erkrankung sondern auch den Bedarf nach verbesserter Diagnostik und Gesundheitsversorgung sowie eine Verbesserung im Rückerstattungssystem der Krankenkassen. Die allgemeinen Raten bei Operationen und Mehrfachoperationen bei Morbus Crohn sind in Europa nach wie vor hoch, 30 bis 50 Prozent der Patienten benötigen operative Eingriffe und bis zu 20 Prozent erfahren einen weiteren Eingriff innerhalb von fünf bis zehn Jahren.

Zwtl.: Arbeitsausfälle und volkswirtschaftliche Belastungen durch CED in Europa

CED betrifft nicht nur den Magen-Darm-Trakt sondern führt bei 20 bis 40 Prozent der Patienten auch zu weiteren Krankheitsbildern, wie etwa Erkrankungen der Augen, der Gelenke oder der Haut. Es wird angenommen, dass ein Patient mit CED im Schnitt drei bis sechs Wochen pro Jahr im Krankenstand ist und etwa zehn Tage im Krankenhaus verbringt. Etwa 20 Prozent der norwegischen Patienten hatten im Zeitraum von zehn Jahren nach Erstdiagnose eine Invalidenpension zugesprochen erhalten. In einer gesamteuropäischen Studie gaben 44 Prozent der Personen an, dass sie aufgrund von CED ihre Arbeit verloren hatten oder aufgeben mussten. Gerade die Erhebung der Situation auf dem Arbeitsmarkt ist eine Herausforderung, da viele Patienten ihre Symptome herabspielen, ihre belastete Verfassung vor Kollegen verstecken und auch dann noch weiterarbeiten, wenn andere bereits in den Krankenstand gegangen wären.

Zwtl.: Junge Menschen sind besonders häufig betroffen

Da CED vorwiegend bei Menschen im frühen Erwachsenenalter auftritt und in alle Lebensbereiche hineinspielt, verursacht CED substantielle direkte und indirekte Kosten - sowohl für das Gesundheitssystem als auch für die Gesellschaft. Daniel Sundstein, ein 27jähriger dänischer Physiotherapeut und Betroffener berichtet: "Es war 2007, als ich mit der Diagnose CED im Krankenhaus landete. Ohne die Unterstützung von Familie und Freunden wäre ich nicht in der Lage gewesen, mein "neues Leben" zu meistern. Dennoch sollte aus meiner Perspektive CED keine Ausrede dafür sein, dass junge Menschen ihre Träume und Ziele aufgeben. Noch während meines Krankenhausaufenthaltes setzte ich mir meine nächsten Ziele, ich wollte einen Marathon laufen, meine Ausbildung abschließen und anschließend einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen. In dreieinhalb Jahren hatte ich alle diese Ziele erreicht, ich konzentrierte mich auf drei Dringe: sportliches Training, Ausbildung und mein gesellschaftliches Leben", so Sundstein.

Patienten mit CED benötigen ab dem Zeitpunkt der Diagnose lebenslang Medikamente. Daher sollte mit den Patienten erörtert werden, wie das Abschwächen der Magen-Darm-Erkrankungen und die möglichen Nebenwirkungen der Medikamente gut ausbalanciert werden können. Für Sundstein sind Erkrankungsschübe ein Teil von CED, Patienten sollten geschult werden, wie sie damit am besten zurechtkommen können. Sundstein: "Niemand ist nach einer CED-Diagnose unverändert. Ich entschloss mich zu kämpfen und mein Leben zum Besseren zu verändern."

Zwtl.: EFCCA und ECCO: Mit vereinten Kräften gegen CED

Die Europäische Morbus Crohn und Ulcerosa Colitis Vereinigung ist eine Dachorganisation und vertritt 27 nationale Patientenorganisationen aus 26 europäischen Staaten. EFCCA sieht seine Aufgabe darin, das Leben von Betroffenen zu verbessern und ihnen eine lautere Stimme und höhere Sichtbarkeit in Europa zu verschaffen. EFCCA-Vorsitzender Dr. Marco Greco: "Es ist mehr Engagement von politischer Seite und anderen relevanten Stakeholdern erforderlich, damit eine Verbesserung der Lebensqualität für Betroffene sichergestellt werden kann. Dies bedeutet einerseits das Durchsetzen von verbesserten medizinischen Standards wie beispielsweise frühere Diagnostik, verbesserter Zugang zu auf CED spezialisierten Medizinern oder die Medikation mit so genannten "Biologika". Andererseits müssen auch Bereiche berücksichtigt werden, die den Alltag von Patienten betreffen, wie die Arbeitswelt, die Ausbildung und das soziale Umfeld der Betroffenen."

"Wir haben miterlebt, welche Möglichkeiten sich auftun, wenn die Medizin, die Wissenschaft und die Patientenvertretungen ihre Kräfte bündeln", sagt Greco. Ein konkretes Ergebnis dieser Zusammenarbeit war die Organisation des "World Symposium on patient funded IBD Research" welches EFCCA vergangenen Oktober organisiert hatte. Ein weiterer Meilenstein war der "World IBD DAY Event", den EFCCA direkt im Europäischen Parlament ausgetragen hat. Dadurch konnten die politischen Entscheidungsträger von Europa direkt angesprochen werden. Greco: "Dies mag der erste Schritt gewesen sein, um einen legislativen Prozess in Gang zu setzen. Es braucht in der Europäischen Union verstärkte Harmonisierung und das Zurückdrängen von CED-bedingter Diskriminierung. Gesundheitspolitik und Gesundheitsversorgung sollten in einem breiteren politischen Spektrum wahrgenommen werden. "Health in all policies" nach dem Verständnis von WHO und EC reichen auch in die Sozial-, Wirtschafts-, Kultur- und Umweltpolitik hinein."

Die Presseaktivitäten zu "Join the fight against IBD" wurden durch die großzügigen Beiträge von 50 verschiedenen Unterstützern aus allen gesellschaftlichen Bereichen, Privatspender ebenso wie Vertreter aus der Industrie, ermöglicht. EFCCA und ECCO sprechen dafür einen besonderen Dank aus und werden weiter daran arbeiten, gerade für junge Menschen die Belastungen der Erkrankung zu reduzieren.

Die in diesen Presseunterlagen verwendeten Personen- und Berufsbezeichnungen treten der besseren Lesbarkeit halber nur in einer Form auf, sind aber natürlich gleichwertig auf beide Geschlechter bezogen.

Bild(er) zu dieser Aussendung finden Sie im AOM / Originalbild-Service sowie im OTS-Bildarchiv unter http://bild.ots.at

Rückfragehinweis:Welldone GmbH, Werbung und PRMag. (FH) Maria Weidinger Moser, Public RelationsLazarettgasse 19/4. OG, 1090 Wien,Tel.: 01/402 13 41-47e-Mail:

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/2061/aom

*** OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT ***

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