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© Jan Pauls

Zum 20. Geburtstag gab es nicht nur Torte, sondern auch ein hochkarätiges wissenschaftliches Programm.

 
Gastroenterologie 19. November 2012

Wissenschaft von heute, Medizin von morgen

Rekordbesucherzahlen verzeichnete der Dachverband United European Gastroenterology (UEG) an seinem 20. Geburtstag. Mehr als 14.000 Teilnehmer fanden sich in Amsterdam zur diesjährigen UEG-Week ein.

Seit nunmehr 20 Jahren vereint die UEG Gastroenterologen aus ganz Europa in ihren Bemühungen, die Gesundheitsversorgung ihrer Patienten zu verbessern – mit Forschungsförderung, Entwicklung neuer Ausbildungsformate und gesundheitspolitischen Aktivitäten.

41 nationale Gesellschaften, die über 22.000 Spezialisten repräsentieren, gehören der UEG an. Davon kamen heuer über 14.000 zur UEG-Week. Dieser alljährlich stattfindende Kongress ist mittlerweile zum größten gastroenterologischen Kongress Europas geworden. Zum 20. Jubiläum wurde unter anderem ein neues Journal gelauncht: Die erste Ausgabe des „UEG Journal“ wird kommenden Februar erscheinen.

Hypnose gegen Bauchschmerz

Kinder und Erwachsene mit funktionellen Abdominalschmerzen oder Reizdarm-Syndrom können von Hypnotherapie profitieren. Eine randomisierte kontrollierte Studie, die bei der UEG-Week von Prof. Dr. Marc Benninga, Kinderarzt am Academic Medical Centre, Amsterdam, präsentiert wurde, zeigte: 85 Prozent der Kinder waren nach der Hypnotherapie symptomfrei.

„Nur wenige Studien haben sich bisher mit der Evaluation von pharmakologischer und Verhaltenstherapie bei chronischem Bauchschmerz von Kindern beschäftigt“, so Benninga. „Mehr Forschung auf diesem Gebiet ist auf jeden Fall nötig. Wir wissen jetzt aber zumindest, dass Hypnotherapie ein guter Ansatz.“

Chronische Abdominalschmerzen sind sowohl bei Kinder als auch Erwachsenen häufig. Sie betreffen etwa zwei bis vier Prozent aller Besuche beim Kinderarzt und ein Viertel aller Zuweisungen in gastroenterologische Kliniken. In den meisten Fällen handelt es sich um ein Reizdarm-Syndrom oder um funktionelle Schmerzen ohne erkennbare organische Ursache bzw. zugrundeliegende Erkrankung. Die Altersgipfel der Prävalenz liegen zwischen dem fünften und siebentem Lebensjahr und im frühen Erwachsenenalter.

Obwohl keine unmittelbare Gesundheitsgefahr besteht, beeinträchtigen diese Schmerzen doch sehr den Alltag der Patienten, können zu Absenzen in Schule und Arbeitsplatz und sogar zu sozialer Isolation führen. „Studien haben gezeigt, dass die Lebensqualität bei diesen Kindern ebenso vermindert ist wie bei inflammatorischen Darmerkrankungen. Sie leiden genauso wie Patienten mit Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa“, berichtet Benninga und plädiert dafür, dieser Problematik weit mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als es derzeit der Fall ist: „Ätiologie und Pathogenese funktioneller gastrointestinaler Störungen sind immer noch weitgehend unbekannt. Es gibt jedoch zunehmende Evidenz dafür, dass diese Schmerzen von einer Fehlkommunikation zwischen Darm und Gehirn herrühren.“ Darmhypersensitivität, eine gesteigerte Wahrnehmung für Schmerzreize aus dem Darm und Motilitätsprobleme könnten ebenso eine Rolle spielen.

Die Methode der „Gut-directed Hypnotherapy“ wurde bereits vor über 20 Jahren entwickelt und damals vor allem bei Erwachsenen mit Reizdarmsyndrom angewandt. Die Patienten werden in eine leichte Hypnose versetzt und anschließend darin unterrichtet, wie ihr Darm funktioniert. Außerdem lernen sie, sich entspannende Bilder vorzustellen, die sie mit einer normalen Darmfunktion assoziieren.

Frühere Studien haben belegt, dass diese Art der Therapie Erwachsenen mit Reizdarm-Syndrom helfen kann, wenn Standardtherapien versagen. Benningas Studie ist die erste, die sich mit den Langzeiterfolgen der Hypnotherapie bei Kindern befasste. 52 Kinder zwischen acht und 18 Jahren mit chronischen Abdominalschmerzen oder Reizdarmsyndrom wurden entweder mit der oben beschriebenen Hypnotherapie behandelt oder erhielten Standardtherapie mit ballaststoffreicher Ernährungsumstellung und Schmerzmedikamenten. Mit beiden Methoden konnten Schmerzintensität und -häufigkeit reduziert werden, die Schmerzscores waren aber in der Hypnosegruppe signifikant niedriger. Nach einem Jahr waren noch 85 Prozent der Kinder der Hypnosegruppe beschwerdefrei, in der Standardtherapiegruppe waren es nur 25 Prozent (Vlieger et al.: Gastroenterology 2007 ).

Auch die erst unlängst publizierten 5-Jahresdaten dieser Studie sprechen für die Hypnosetechnik: 68 Prozent der mit Hypnotherapie behandelten Kinder befanden sich in klinischer Remission, in der Vergleichsgruppe waren es 20 Prozent ( Vlieger AM et al.: Am J Gastroenterol 2012 ). Benninga: „Diese Ergebnisse zeigen uns, dass die Gut-directed Hypnotherapy nicht nur auf kurze Sicht, sondern lang anhaltend eine erfolgreiche Option bei Kindern mit chronischen Abdominalschmerzen ist.“

Fäkaltransplantation bei Colitis ulcerosa

Die fäkale Mikrobiota-Transplantation (FMT) wird schon seit Jahrzehnten gelegentlich bei gastrointestinalen Störungen angewendet. In letzter Zeit wächst das Interesse, diese Methode bei Patienten mit Colitis ulcerosa (UC) einzusetzen. Einzelne Fallserien berichteten durchwegs positive Outcomes. Eine kürzlich publizierte Studie aus Österreich hingegen deutet darauf hin, dass diese Behandlung doch nicht so effektiv ist, wie man glaubte.

Im Rahmen der UEG Week berichtete Prof. Dr. Walter Reinisch, Universitätsklinik für Innere Medizin II, Wien, dass laut einer Studie an seiner Abteilung der Anteil der UC-Patienten, die von FMT profitieren eher gering ist: „Wir haben bis jetzt fünf Colitis-ulcerosa-Patienten mit FMT behandelt und konnten nur bei einem einzigen einen positiven klinischen Response verzeichnen.“ Obwohl reichlich Spenderbakterien transplantiert wurden, war die Darmbesiedlung nur bei einem Patienten erfolgreich.

Erfolge verzeichnet die FMT vor allem bei Patienten mit Antibiotika-resistenten Clostridium-difficile-Infektionen. Ausgewählte Stuhlproben von Spendern werden per Einlauf, Koloskopie oder nasojejunale Intubation eingebracht. In einigen Zentren wird der Empfängerdarm zuvor mittels Lavage und/oder Antibiotika gereinigt. „Bei Clostridium-difficile-assoziierten Gastrointestinalstörungen kann die Darmflora mit FMT rasch normalisiert werden“, so Reinisch.

Die Standardtherapie bei UC besteht aus antiinflammatorischer und immunsuppressiver bzw. immunmodulierender Medikation. „Die exakte Pathogenese der UC ist nicht bekannt“, sagt Reinisch. „Es gibt aber deutliche Evidenz dafür, dass die inflammatorischen Prozesse bei dieser Erkrankung mit mikrobieller Dysbiose assoziiert sind, sodass eine FMT sinnvoll erscheint.“ Frühere Studien verzeichnen vereinzelt Erfolge mit FMT bei UC, was Reinisch ermutigte, die Methode bei eigenen therapierefraktären Patienten einzusetzen: Fünf Patienten mit moderater bis schwerer UC erhielten FMT. „Alle Patienten entwickelten Fieber mit einem vorübergehenden Anstieg des CRP“, berichtet Reinisch. Die Stabilität der Darmkolonisation variierte stark. Ein klinischer Response wurde nur bei einem Patienten erreicht. Reinisch gibt zu, dass dieses Ergebnis enttäuschend war. Dennoch: „Für diesen einen Patienten, der nach Jahren des Leidens endlich eine Linderung erfahren hat, war es ein exzellentes Resultat.“

Barrett-Ösophagus: Überwachen oder nicht?

Der Benefit einer endoskopischen Überwachung bei Barrett-Ösophagus ist Gegenstand intensiver Debatten bei Experten.

Dr. Oliver Pech aus Regensburg ist ein Befürworter der endoskopischen Überwachung. Sein Hauptargument: Seit 1975 hat sich die Inzidenz für das Barrett-Karzinom versechsfacht. Mit einem Screening kann es im Frühstadium entdeckt werden. „Es gibt zwar keine randomisierte Evidenz für die Effektivität der Surveillance“, so Pech. „Aber Beobachtungsstudien sprechen dafür, dass Barrett-Karzinome, die mittels Screening frühzeitig– im noch symptomfreien Stadium – entdeckt werden, eine weitaus bessere Prognose haben.“ Das Karzinomrisiko bei Barrett-Ösophagus liegt bei 0,5 Prozent pro Jahr. „Derzeit wird an der Risikostratifizierung geforscht“, berichtet Pech. „Eine geringgradige Dysplasie ist mit einem 85-prozentigen Krebsrisiko verbunden.“ Weitere Risikofaktoren sind Alter über 50, männliches Geschlecht, starke Reflux-Symptome, Rauchen und Übergewicht. „Patienten mit diesen Risikofaktoren sollten auf jeden Fall endoskopisch überwacht werden“, meint Pech.

Prof. Dr. Peter Funch-Jensen aus Dänemark ist anderer Ansicht: „Guidelines, die dieses Vorgehen empfehlen, basieren auf einer kleinen Anzahl an Studien, bei denen der Verdacht auf Publikationsbias besteht.“ Funch-Jensen selbst hat mit Kollegen ein große populationsbasierte Studie durchgeführt und kommt zu dem Schluss, dass das Karzinomrisiko bei Barrett-Patienten fünfmal geringer ist, als es vorher geschätzt wurde. „Umgekehrt haben 95 Prozent der Patienten mit Ösophaguskarzinom vorher keinen Barrett-Ösophagus gehabt“, sagt Funch-Jensen. Seiner Meinung nach zahlt sich also die endoskopische Überwachung des Barrett-Ösophagus keineswegs aus, ausgenommen im ersten Jahr nach der Diagnose. Allerdings empfiehlt er Surveillance und/oder Behandlung in der Subgruppe der Patienten mit Dysplasie. Das sind etwa fünf bis sechs Prozent.

Darmkrebs: Erbärmliches Screening

Als „erbärmlich“ bezeichnet Dr. Pavel Poc, Mitglied des Europäischen Parlaments (MEP), bei der UEG Week die Darmkrebs-Screening-Programme in Europa: „Obwohl das Europäische Parlament schon vor zwei Jahren eine Deklaration zum Kampf gegen Kolorektalkarzinome verabschiedet hat, haben bis jetzt nur acht der 27 Mitgliedsstaaten landesweite Screening-Programme implementiert.“

Die Gründe dafür sieht Poc einerseits im trägen Umsetzungswillen der zuständigen Behörden, andererseits in mangelnder Kompetenz auf nationaler Ebene. Er fordert deshalb eine bessere internationale Koordination, damit Länder, die bereits Screening-Programme erfolgreich implementiert haben, ihre Expertise weitergeben können.

Mehr als 200.000 Menschen sterben jährlich in Europa an malignen Tumoren des Kolons oder Rektums. Viele könnten mit einer frühen Diagnose vor dem Tod bewahrt werden, meint Poc: „Wie viele müssen noch sterben, bevor koordinierte paneuropäische Aktionen stattfinden, wie beim Brust- und Zervixkarzinom-Screening ?“ Mit gutem Beispiel voran gehen die Mitglieder des Europäischen Parlaments im Projekt „Screen the MEPs“, indem sie sich selbst zum Screening begeben.

Quelle: Press Releases, www.ueg.eu

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