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Gastroenterologie 2. April 2012

Löchriger Filter der Gefühle

US-Studie: Reizdarm ist oft Folge eines Kindheitstraumas, da die Verdauung hochempfindlich auf psychische Belastungen reagiert.


Das häufig verbreitete Reizdarm-Syndrom tritt oft bei Menschen auf, die in der Kindheit Traumatisches erfahren haben - etwa körperlichen, sexuellen oder emotionalen Missbrauch. Das berichten Forscher in der Zeitschrift "Clinical Gastroenterology and Hepatology".

Sie befragten 300 erwachsene Reizdarm-Patienten nach psychologischen, gastrointestinalen und somatischen Symptomen. "Psychische Verletzungen, schlimme Erlebnisse wie auch fehlende Harmonie mit Eltern oder Erziehern erhöhen die Verletzlichkeit für funktionelle Darmstörungen", sagt Studienautor Lin Chang.


Löchriger Reizfilter


"Genau wie Migräne, Rücken- oder Blasenschmerz ist Reizdarm ein Ausdruck des Körpers, dass etwas nicht stimmt, wobei auch die Genetik mitspielen kann", erklärt Harald Vogelsang von der Spezialambulanz für Gastroenterologie und Hepatologie am AKH Wien http://akhwien.at. Nervenzellen im Darm und Gehirn sind eng miteinander verbunden. Üblicherweise wird die Reizweiterleitung gefiltert, damit man nicht jede Blähung spürt. "Stress oder schlimme Erlebnisse können beitragen, dass der Filter zu viele Löcher bekommt, was häufige Bauchschmerzen zur Folge hat", so der Experte.


Bestrafung, Vernachlässigung und Gewalt


Während man bisher schon wusste, dass sexueller Missbrauch und Reizdarm oft zusammenhängen, weiteten die US-Forscher dies nun auf andere Traumen aus. Die beforschten Patienten berichteten viel öfter als die Kontrollgruppe von allgemeinem Trauma, körperlicher Bestrafung oder Vernachlässigung, zudem waren Ereignisse wie das Mitansehen von Gewalt oder geistige Krankheiten in der Familie häufiger. Gleiches galt auch für den bereits früher beforschten sexuellen Missbrauch. Am stärksten war der Zusammenhang allerdings beim emotionalen Missbrauch, zudem waren Frauen eher betroffen als Männer.


Problem für Ärzte in der Praxis


Die Studienautoren raten Ärzten, frühe Ereignisse und psychologische Symptome bei betroffenen Patienten gezielt anzusprechen, um so eher eine Symptomreduktion zu erreichen und das gesamte Wohlbefinden zu bessern. In der Praxis ist das schwer, stellt Vogelsang fest.

"Ärzte sind geschult, auf gefährliche Symptome zu achten und funktionelle Probleme wie etwa Reizdarm zu übersehen oder wegzureden. Die Patienten wenden sich verängstigt ab und wechseln den Arzt. Die einzige Lösung wäre, dass sich jemand eine halbe Stunde Zeit zum Erklären nimmt, was angesichts der Ordinationsrealität jedoch unmöglich scheint."

Um psychische Grundprobleme zu behandeln, eignen sich laut Vogelsang Entspannungsmethoden wie etwa Hypnose gut. In schweren Fällen oder bei Therapieresistenz sind Psychotherapie oder Antidepressiva nötig.

Abstract
unter Clinical Gastroenterology and Hepatology Volume 10, Issue 4 , Pages 385-390.e3, April 2012

Studie
Association Between Early Adverse Life Events and Irritable Bowel Syndrome PII: S1542-3565(11)01333-4 doi:10.1016/j.cgh.2011.12.018

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