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Der Transport der Nahrung durch den Magen-Darm-Trakt ist gestört, wenn er zu schnell, zu langsam oder in die falsche Richtung vonstattengeht.
 
Gastroenterologie 24. August 2011

Gestörte Passage: ein Problem - viele Ursachen

Pathophysiologie gastrointestinaler Motilitätsstörungen.

Kein Wunder: Bei der Vielzahl von Mechanismen, die den Vorwärtstransport auf­genommener Nahrung durch den Magen-Darm-Trakt, die Verdauung und die Resorption von Nahrungsbestandteilen sowie die Exkretion nicht verwertbarer bzw. schädlicher Bestandteile regeln, gibt es natürlich auch eine Vielzahl von pathophysiologischen Störungen und Krankheiten, die auftreten, wenn diese komplexen Vorgänge nicht ordnungsgemäß funktionieren.

Zunächst gilt es zu beachten, dass der Magen-Darm-Trakt aus den Abschnitten der Passage (Ösophagus), der Durchmischung, Verdauung und Speicherung (Magen), der Verdauung mit Sekretion und Resorption (Dünndarm), der Resorption und Eindickung (Dickdarm) sowie der Ausscheidung (Sigma, Rektum) von Nahrung und Nahrungsbestandteilen besteht.

Diese verschiedenen Abschnitte haben hoch differenzierte neurogene Steuerungen der Funktionen, an denen eine Vielzahl von Neuronen und Transmittern des enterischen Nervensystems im Plexus myentericus und Plexus submucosus beteiligt sind. Diese verschiedenen Abschnitte funktionieren nahezu alle weitgehend autonom ohne Verbindung zu übergeordneten spinalen und supraspinalen Zentren, können aber in ihrer Funktion von diesen übergeordneten Zentren moduliert werden.

Im Hinblick auf den Vorwärtstransport der Nahrung gilt es zunächst zu unterscheiden, ob eine zu langsame Passage und ggf. ein Passage- oder Entleerungsstopp vorliegt, oder ob eine zu schnelle Passage oder gar falsche (nämliche umgekehrte) Transportrichtung das Problem darstellt.

Dysphagie

Eine Dysphagie hat immer einen Krankheitswert, da ihr internistische und/oder neurologische Erkrankungen zugrunde liegen können, die abgeklärt werden müssen (Tabelle 3).

Zu schnelle Passage

Eine zu schnelle Passage kann zum Dyskomfort des Patienten führen und manifestiert sich oft als Diarrhoe. Ursachen für eine Diarrhoe können akuter oder chronischer Natur sein, und dies sowohl bei eigentlich gesunden Menschen als auch Patienten mit vorbestehenden Erkrankungen (Tabelle 1). Hinweise auf die Ätiologie der Diarrhoe können die Stuhlbeschaffenheit (Konsistenz, Blut-, Schleim- oder Pusbeimengungen) sowie andere Begleiterscheinungen wie Fieber, Erbrechen, Meteorismus oder Schmerzen liefern.

Neben natürlichen Ursachen (Erreger, Vergiftungen, Nahrungsmittel­unverträglichkeiten) gibt es auch ­iatrogene Schäden durch Radiatio, Chemo- oder Antibiotikatherapie. Ursachen chronischer Diarrhoen sind noch zahlreicher, hier sind neben Infektionen, Nahrungsmittelzusätzen, Genussmitteln, Medikamenten, auch Entzündungen, Neoplasien, Systemerkrankungen, Malabsorption und -digestion, endokrine und Stoffwechelstörungen sowie Operationsfolgen zu nennen. Auch funktionelle Störungen wie das Colon irritabile sind nicht selten.

Zu langsame Passage

Eine zu langsame Passage oder ein Entleerungsstopp zeigt sich klinisch als Obstipation. Beim eigentlich Gesunden können Nahrungsmittel, Fehlernährung, Flüssigkeitsmangel, mangelnde Bewegung, Stress, aber auch (Fern-)Reisen, Umstellung der Lebensgewohnheiten und Adipositas (per magna) Ursachen der Obstipation sein (Tabelle 2).

Bei Patienten kommen zusätzlich eine Vielzahl neurologischer, internistischer und chirurgischer Erkrankungen sowie Elektrolytimbalancen und die Wirkung von Medikamenten in Frage.

Eine Unterform der Obstipation ist die Koprostase, die Stauung von Faeces im Kolon, in Form von Skyballa (Kotballen) oder Kotsteinen.

Ein vollständiger Passage- und Entleerungsstopp zeigt sich klinisch als Ileus. Dieser kann mechanischer oder paralytischer Natur sein. Klinische Zeichen eines Ileus sind allgemeines Krankheitsgefühl, geblähtes Abdomen, Schmerzen, Abwehrspannung, Übelkeit und Erbrechen, Hypotonie und ggf. Kreislaufschock. Röntgenologisch und sonografisch imponieren geblähte Darmschlingen mit Spiegelbildung, klinisch bei mechanischem Ileus hochgestellte Darmgeräusche, beim paralytischen Ileus hingegen komplette Stille.

Eine Sonderform des Ileus ist
die Intestinale Pseudoobstruktion (Ogilvie´s Syndrom), bei der die Ätiologie ungeklärt ist und die häufig ältere Menschen mit Komorbiditäten betrifft. Als Ursache wird eine Störung der autonomen Innervation vermutet.

Eine weitere Variante ist das Kongenitale Megakolon (Morbus Hirschsprung), bei dem es kranial eines spastischen, kontrakten Darmabschnitts zu einer massiven Dilatation des Darms kommt. Als Ursache wird eine kongenitale Aganglionose mit endogenem Mangel relaxierender Mediatoren (Nitric oxide, NO) und/oder eine cholinerge Fehlinnervation diskutiert. Der Morbus Hirschsprung betrifft meist Burschen im Kindesalter, seltener im jungen Erwachsenenalter.

Verkehrte Transportrichtung

Nimmt der Magen-Darm-Inhalt die dem physiologischen Weg entgegengesetzte Transportrichtung, so manifestiert sich dies in Emesis und Miserere bzw. Kopremesis. Emesis ist die schwallartige Entleerung von Magen- und Ösophagusinhalt, beruhend auf einem komplizierten Zusammenspiel neurogener und muskulärer Funktionsstörungen. Miserere oder Kopremesis ist Koterbrechen, als (seltene) Folge eines Ileus, von Retroperistaltik, Insuffizienz der Ileozökalklappe oder der Wirkung von Opioiden.

Prof. Dr. Michael K. Herbert ist an der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie der Universität Würzburg tätig. 


Ursache der Diarrhoe 

Ursachen der Obstipation

Ursachen der Dysphagie

Von M.K. Herbert, Ärzte Woche 34/2011

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