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Gastroenterologie 6. Juni 2011

Hypnose und verwandte Verfahren bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED)

Die Pilotstudie lässt auf einen klaren Benefit hoffen

Allgemeines zu Stress und Lebensqualität bei CED

Morbus Crohn und Colitis ulcerosa führen zu Schmerzen, Durchfällen und gesteigertem Stressempfinden, was die Lebensqualität beeinflussen und zu Angst sowie Depressivität führen kann. Chronischer Stress, Depressivität und Angst stellen umgekehrt auch ein Risiko für eine höhere Krankheitsaktivität dar. In einer Langzeitstudie zeigte sich, dass chronisch empfundener Stress über zwei Jahre das Risiko für eine Aktivierung der Colitis ulcerosa innerhalb von 8 Monaten verdreifachte (Levenstein 2000). In dieser Studie korrelierte das Ausmaß des Stressempfindens mit der Häufigkeit der Krankheitsschübe, wobei dieser Zusammenhang nur bei Langzeitstress bestand. Eine weitere Studie (Bitton 2008) zeigte, dass PatientInnen mit M. Crohn, welche weniger Stress und weniger Vermeidungsverhalten bzw. weniger Rückzugstendenzen zeigen, auch weniger Krankheitsaktivität aufweisen. Subjektiv fühlen sich 52 % der Betroffenen mit CED von Stress stark beeinträchtigt (Hardt 2010). Die meisten sind der Meinung, dass Stress ihre Krankheit mit beeinflusst und für die Auslösung der Schübe mitverantwortlich ist. Es liegt daher nahe, die Stressbewältigung zu verbessern, um die Lebensqualität und eventuell auch den Verlauf der Krankheit positiv zu beein-flussen.

Psychotherapiestudien mit Entspannungstechniken

Eine Studie an der Universitätsklinik für Innere Medizin III im AKH Wien (Miehsler 2008) zeigte, dass ein Drittel der Betroffenen in einem CED-Zentrum einen hohen Bedarf an zusätzlicher psychischer Betreuung angibt. Eine systematische Übersicht über alle randomisiert kontrollierte Studien zum Effekt von Psychotherapie bei CED zeigt, dass unselektierte PatientInnen keinen Benefit von psychotherapeutischen Maßnahmen haben und die Diagnose einer CED allein keine Indikation für Psychotherapie darstellt (Timmer 2011). In einer Multicenterstudie zum Effekt von Psychotherapie über etwa 20 Stunden mit zusätzlichen Entspannungsübungen bei PatientInnen mit M. Crohn (ohne psychische Störungen) konnte für unselektierte PatientInnen am Ende der Studie kein Benefit der Psychotherapie mit Entspannung gezeigt werden. Allerdings wies die psychotherapeutisch behandelte Gruppe im Vergleich zur Kon-trollgruppe in den Jahren nach Therapieende eine signifikante Verringerung der Krankenhaus-Aufenthaltstage auf (Deter 2007). Weitere Studien zeigten die Wirksamkeit psychotherapeutischer Interventionen mit Entspannung auf die Verbesserung der Lebensqualität, aber nicht für den klinischen Verlauf.

Auf den Bauch bezogene Hypnose, „Gut-focused hypnotherapy“

Peter Whorwell und seine Arbeitsgruppe entwickelten eine spezielle auf den Bauch gerichtete Hypnose, welche primär zur Behandlung des Reizdarmsyndroms (RDS) erfolgreich angewandt wurde. Hypnose führt nachweislich zur Stressreduktion, Änderung der gastrointestinalen Motilität sowie von Immunfunktionen. Da mehr als doppelt so viel (30–50 %) PatientInnen mit CED auch an einem RDS leiden wie die gesunde Normalbevölkerung (etwa 15 %) wurde versucht, die beim RDS sehr erfolgreiche „Gut-focused hypnotherapy“ auch bei CED anzuwenden. In einer Studie (Keefer 2007) konnte gezeigt werden, dass diese Form der Hypnose auch für Betroffene mit CED eine realisierbare, akzeptierte Methode ist. Bei PatientInnen mit Colitis ulcerosa konnte in einer kontrollierten Studie (Mawdsley 2008) nach einer Hypnose eine Reduktion des Serum Interleukins (IL)-6, der Substanz P, des Histamins und des IL-13 gezeigt werden, während sich bei der Kontrollgruppe keine Veränderung in diesen Variablen zeigte.

Studie an PatientInnen mit CED

In einer Langzeit-Studie (ohne Kontrollgruppe) erhielten 15 PatientInnen mit schwerer therapieresistenter und kortisonabhängiger CED über 12 Wochen eine „Bauch-gerichtete Hypnose“ (Miller 2008). Die PatientInnen wurden im Schnitt 5,4 Jahre nachbeobachtet. Es konnte eine Verbesserung der Lebensqualität und der Krankheitsaktivität in der Mehrheit der Fälle erzielt werden, wobei eine Medikamentenreduktion möglich wurde und bei 60 % sogar vollkommen auf Kortikosteroide verzichtet werden konnte. In einer eigenen Pilotstudie mit 17 CED-PatientInnen wurde ebenfalls eine deutliche subjektive Verbesserung der Lebensqualität, eine Verminderung der Ängstlichkeit und Depressivität während und nach einer Hypnosetherapie im Gruppensetting (zu je 6–8 PatientInnen) mit 10 Sitzungen erhoben. Die „Gut-focused hypnotherapy“ scheint daher auch in der Behandlung der CED hilfreich zu sein, prospektive randomisiert kontrollierte Studien sind erforderlich, um diese ersten Studienergebnisse zu bestätigen bzw. den Erfolg dieser Therapie auch für den biologischen Verlauf der CED nachzuweisen.

 

Literatur

 

Moser G (Hrsg) Psychosomatik in der Gastroenterologie. Wien NewYork, Springer, 2007

 

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Zur Person
A.o. Univ.-Prof. Dr Gabriele Moser
Klinische Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie
Universitätsklinik für Innere Medizin III
Medizinische Universität Wien
Währinger Gürtel 18-20
1090 Wien
Fax: ++43/1/40400-4735
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