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Eine psychotherapeutische Behandlung ist bei üblen Bauchgefühlen oft wirksamer als eine symptomatische Arznei.
Foto: Archiv WMW-Skriptum

Prof. Dr. Gabriele Moser, Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie, Innere Medizin III, MedUni Wien

 
Gastroenterologie 2. März 2011

Die Achse zwischen Hirn und Bauch

Funktionelle Krankheitsbilder – Stress und Trauma.

Stress kann einen Einfluss auf Funktionen, die Permeabilität und die Immunfunktionen des Verdauungstraktes ausüben. Durch die „Gehirn-Bauch-Achse“ oder „Brain-Gut-Axis“ werden klinische Beobachtungen verständlicher, wie Stress bei funktionellen gastrointestinalen Störungen (FGIS) wie etwa dem Reizdarmsyndrom oder einer funktionelle Dyspepsie einen Einfluss auf Entstehung und Verlauf dieser Erkrankungen haben kann. In einer prospektiven Studie wurde gezeigt, dass Betroffene, die gleichzeitig an einem akuten Gastrointestinalinfekt erkrankt waren, unter Stressbelastung häufiger ein postinfektiöses Reizdarmsyndrom entwickelten, als solche mit einem akuten Gastrointestinalinfekt ohne Stressbelastung.

 

Über die Freisetzung des Stresshormons CRF (Corticotropin-releasing Factor) wird die Mastzell-Degranulation und die Freisetzung von proinflammatorischen Mediatoren im Magen-Darm-Trakt bewirkt. Dadurch können einerseits entzündliche Vorgänge getriggert und andererseits eine Hypersensitivität im Gastrointestinaltrakt ausgelöst werden.

Manifestationen von Stressbelastung

Abdomineller Schmerz, Durchfall, Übelkeit, gestörte Nahrungsaufnahme und Erbrechen können auch Manifestationen eines emotionalen oder traumatischen Stresses sein. Viele Studien zeigen, dass 40 bis 60 Prozent der Betroffenen mit FGIS in gastroenterologischen Zentren auch an psychischen Störungen wie Depression, Angst, somatoformen Störungen, chronischen und/oder akuten Lebensbelastungen (Stress) oder posttraumatischen Stressstörungen leiden.

Die Häufigkeit von sexuellem oder physischem Missbrauch bei Betroffenen mit FGIS, die gastroenterologische Spezialzentren aufsuchen, liegt bei 40 Prozent im Vergleich zu zehn bis 25 Prozent bei Gesunden bzw. PatientInnen mit anderen organischen Erkrankungen des Gastrointestinaltraktes. Die Wahrscheinlichkeit von erlebtem Missbrauch scheint bei Patienten mit unteren gastrointestinalen Beschwerden vierfach erhöht. Missbrauch von Patientinnen mit gastroenterologischen Beschwerden ist assoziiert mit eher therapieresistenten Symptomen, häufiger Inanspruchnahme von medizinischen Institutionen („doctor shopping“), der Durchführung von wiederholten oder unnötigen invasiven Untersuchungen und operativen Eingriffen.

Mittels Magnetresonanz-Imaging (fMRI) von Hirnfunktionen konnten Nachweise erbracht werden, dass dieselben ZNS-Strukturen sowohl am Stress-Geschehen als auch an funktionellen gastrointestinalen Erkrankungen beteiligt sind.

Gesteigerte viszerale Empfindung

Betroffene mit FGIS reagieren empfindlicher auf psychosoziale Belastungen und zeigen eine gesteigerte viszerale Empfindung. So konnte gezeigt werden, dass sexueller und physischer Missbrauch mit erhöhter Magensensitivität und verminderter Magenakkommodation assoziiert ist. In Tiermodellen ist es auch gelungen, darzustellen, dass psychischer Stress den Transit im Magen und Dünndarm hemmt, während er die Kolonmotilität stimuliert. Es konnte beim Menschen nachgewiesen werden, dass eine Angststörung mit einer gesteigerten Transitzeit korreliert und depressive Patienten eine Tendenz zu einer Verlängerung der (gesamten und der orozökalen) Transitzeit zeigen.

Arzt-PatientInnen-Beziehung

Eine Therapie, die diesen Erkenntnissen bei FGIS gerecht werden will, muss daher eine multimodale sein, die einerseits die somatischen Regulationsmechanismen beeinflusst und andererseits das psychosozial bedingte Leiden der Betroffenen berücksichtigt. Eine gestörte Kommunikation und Beziehung in der ärztlichen Praxis kann die Hilflosigkeit der Betroffenen (und manchmal auch die der Betreuenden) verstärken.

Eine vorsichtige Exploration einer psychischen Stressbelastung oder Traumatisierung soll nach Etablierung einer vertrauensvollen Arzt-Patienten-Beziehung erfolgen. Eine entsprechend empathische Aufklärung über mögliche Zusammenhänge zwischen dem körperlichen Leidensdruck und dem Erlebten ist oft entscheidend dafür, ob der/die Betroffene eine Weiterüberweisung zu psychosomatisch-psychotherapeutisch behandelnden Personen oder Institutionen in Anspruch nimmt oder nicht.

Psychotherapie wirkt

Der zu erwartende Erfolg einer Psychotherapie ist jedenfalls vielversprechend: Die NNT (number needed to treat) für psychotherapeutische Verfahren wurde in systematischen Reviews mit vier eingestuft und ist allgemein günstiger als jene für symptomatische Medikamente.

Psychotherapie wirkt sowohl auf die gastrointestinalen Symptome wie auf die psychische Komorbidität und die Lebensqualität, und präliminäre Daten belegen, dass diese Wirkungen unabhängig voneinander sind. Insbesondere die „gut directed Hypnotherapie“, eine speziell auf den Bauch gerichtete Hypnose, zeigt einen guten Erfolg auch bei schwer und lang leidenden Patientinnen und Patienten mit RDS (NNT = 2). Diese kann auch in Gruppen angeboten werden und wirkt beim RDS auch unabhängig vom Beschwerdetyp oder einer vorangegangenen Traumatisierung.Antidepressiva sind bei schweren unbeeinflussbaren Schmerzen und assoziierten psychischen Störungen indiziert.

Der Originalartikel inklusive Literaturquellen ist nachzulesen in der Wiener Medizinischen Wochenschrift-Skriptum 7/2010.

© Springer-Verlag, Wien

Von Prof. Dr. Gabriele Moser, Ärzte Woche 9 /2011

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