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Dosisabhängig reduziert Kaffee bei Patienten mit Lebererkrankungen das Auftreten eines hepatozellurlären Karzinoms.
Foto: www.mdw.at / Foto Wilke

Prof. Dr. Markus Peck- Radosavljevic Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie, MedUni Wien

 
Gastroenterologie 6. Juli 2010

Kaffee stoppt Leberkrebs

Protektiver Effekt bei Leberproblemen nachgewiesen.

Kaffee enthält mehr als 1.000 potenziell wirksame Komponenten, wie z.B. Antioxidantien. Welche Substanzen für das reduzierte Risiko des Fortschreitens einer chronischen Lebererkrankung bzw. für das Auftreten eines hepatozellulären Karzinoms (HCC) verantwortlich sind, ist noch nicht geklärt.

 

Kaffee ist ein in Österreich weit verbreitetes Genussmittel, wobei Österreich mit einem Kaffeekonsum von 5,6 kg pro Einwohner und Jahr im Mittelfeld des Konsums weltweit angesiedelt ist. Bereits seit den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts war aus epidemiologischen Studien bekannt, dass es eine inverse Korrelation zwischen Kaffeekonsum und dem Auftreten verschiedener gastrointestinaler Karzinome gibt, z. B. mit Karzinomen der Mundhöhle, des Pharynx, des Ösophagus oder mit colorektalen Karzinomen.

Außerdem waren bereits in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts mehrere zum Teil sehr große epidemiologische prospektive Studien in den USA und in Japan gestartet worden, bei denen unter anderem auch der Kaffeekonsum der untersuchten Population erhoben worden war. So wurden in der NHANES-I Studie 9.848 Personen, in der NHANES-III Studie 5.994 Personen, in einer japanischen Kohortenstudie 61.107 und in der japanischen kollaborativen Kohortenstudie 110.688 Personen dahingehend untersucht.

Einfluss von Kaffeekonsum auf chronische Lebererkrankungen

In der „National Health And Nutrition Examination Survey-I (NHANES-I)“-Studie wurden die Patienten von 1971 bis 1975 eingeschlossen und in vier Nachbeobachtungsperioden zwischen 1982 und 1994 nachuntersucht. Dabei konnte an 9.849 Personen festgestellt werden, dass es eine klare inverse Korrelation zwischen Kaffeekonsum und dem Auftreten einer chronischen Lebererkrankung gab.

Das relative Risiko für eine chronische Lebererkrankung lag nach einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 19 Jahren bei Personen, welche mehr als zwei Tassen Kaffee pro Tag tranken, nur bei 43 Prozent des Risikos von Personen, welche weniger als eine Tasse Kaffee pro Tag zu sich nahmen.

Außerdem konnte gezeigt werden, dass Patienten mit einem hohen Risiko für eine Lebererkrankung (mehr als zwei alkoholische Getränke pro Tag, Transferrin-Sättigung > 50 %, Diabetes mellitus, BMI > 30 kg/m²) ein deutlich reduziertes Risiko für eine chronische Lebererkrankung durch den Konsum von mehr als zwei Tassen Kaffee pro Tag haben (Reduktion des relativen Risikos auf 40 Prozent verglichen mit Personen, welche weniger als zwei Tassen Kaffee pro Tag zu sich nahmen).

In der NHANES-I-Studie konnte ein ähnlicher Effekt weder für Tee noch für Cola gezeigt werden.

Ebenso konnte in der Hepatitis-C-Langzeittherapiestudie (HALT-C) bei 766 Patienten und einem Nachbeobachtungszeitraum von 3,8 Jahren durch den Konsum von drei oder mehr Tassen Kaffee pro Tag eine Reduktion des relativen Risikos für ein negatives klinisches Outcome (Aszites, Enzephalopathie, HCC, Varizenblutung, spontan-bakterielle Peritonitis, Progression der Leberzirrhose) auf 47 Prozent erzielt werden, verglichen mit Patienten, die weniger als eine Tasse Kaffee pro Tag zu sich nahmen.

In unterschiedlichen Studien konnte also sowohl für die chronische Hepatitis C als auch für die alkoholische Lebererkrankung oder für die nicht-alkoholische Fettlebererkrankung ein positiver Effekt von Kaffeekonsum auf die Progression der Leberfibrose gezeigt werden.

Nachdem das Fortschreiten einer chronischen Lebererkrankung hin zur Leberzirrhose oft die Entwicklung eines hepatozellulären Karzinoms zur Folge hat, war es nur naheliegend, den Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und dem Risiko eines HCCs zu untersuchen.

In einer Fall-Kontrollstudie aus dem Jahr 2005 konnte gezeigt werden, dass das relative Risiko, an einem hepatozellulären Karzinom zu erkranken durch den Konsum von ein bis zwei Tassen Kaffee pro Tag auf 80 Prozent, von drei bis vier Tassen Kaffee pro Tag auf 40 Prozent und von fünf oder mehr Tassen Kaffee pro Tag auf 30 Prozent im Vergleich zu keinem Kaffeekonsum reduziert werden konnte.

Dabei stieg das Risiko, ein hepatozelluläres Karzinom zu erleiden, zwar mit steigendem Alkoholkonsum über einem Schwellenwert von 80 g Alkohol pro Tag deutlich an, allerdings ist der protektive Effekt von Kaffee in allen Dosisgruppen, also auch bei Patienten mit deutlich erhöhtem Alkoholkonsum, gut nachweisbar.

In einer Metaanalyse von mehreren Studien zum Thema Kaffee und HCC-Risiko bestätigte sich die inverse Korrelation zwischen Kaffeekonsum und dem Risiko, eine Leberzirrhose zu erleiden.

Außerdem sind die positiven Effekte von Kaffee stärker bei Patienten mit bereits bekannten Leberproblemen ausgeprägt, da die Wahrscheinlichkeit eines hepatozellulären Karzinoms bei Patienten ohne Lebererkrankung sehr niedrig ist. Es konnte gezeigt werden, dass sich pro zusätzlichen zwei Tassen Kaffee täglich das Risiko eines hepatozellulären Karzinoms um 43 Prozent reduziert.

In einer weiteren großen prospektiven Studie an 60.323 Finnen mit einer Nachbeobachtung von 19,3 Jahren und einem mittleren Kaffeekonsum von fünf Tassen Kaffee pro Tag konnte die negative Korrelation zwischen dem Auftreten eines hepatozellulären Karzinoms und dem Kaffeekonsum neuerlich sehr klar und dosisabhängig dargestellt werden.

Zudem konnte eine direkte Korrelation zwischen dem Risiko eines hepatozellulären Karzinoms und der Höhe der gamma-GT gezeigt und weiters nachgewiesen werden, dass Patienten im obersten Viertel der gamma-GT-Verteilung bei Konsum von sechs oder mehr Tassen Kaffee pro Tag lediglich ein 1,5-fach erhöhtes Risiko für ein HCC, Patienten mit keiner bis einer Tasse Kaffee pro Tag jedoch ein 9,2-fach erhöhtes Risiko für ein HCC aufwiesen.

Wirkmechanismen auf chronische Lebererkrankungen und HCC

Kaffee enthält mehr als 1.000 potenziell wirksame Komponenten, wie z. B. Antioxidantien wie Chlorogensäure (ein Polyphenol), Kahweol, Cafestol und viele andere mehr. Welche dieser Substanzen letztendlich für das reduzierte Risiko des Fortschreitens einer chronischen Lebererkrankung bzw. für das Auftreten eines HCC verantwortlich ist, ist nicht geklärt.

Allerdings zeigt sich im Tierexperiment eine indirekte Korrelation zwischen Koffeinspiegel und Leberschaden sowie bei Untersuchungen beim Menschen eine indirekte Korrelation zwischen Koffeinspiegel und der Höhe der GPT.

Außerdem gibt es einige gute experimentelle Ansatzpunkte dafür, dass Koffein seine antifibrotische Wirkung durch Hemmung der TGF-β-Signaltransduktion und damit der Produktion von Connective Tissue Growth Factor (CTGF) entfalten kann. Zur genaueren Abklärung der molekularen Mechanismen sind jedoch noch weiterführende Untersuchungen angezeigt.

Klinische negative Endpunkte bei Leberpatienten minimiert

Aus dem dargestellten Sachverhalt scheint klar, dass Kaffee dosisabhängig das Fortschreiten chronischer Lebererkrankungen verzögern und damit das Auftreten klinischer negativer Endpunkte bei Leberpatienten minimieren kann.

Außerdem reduziert Kaffee dosisabhängig das Auftreten eines HCC bei Patienten mit Lebererkrankungen, wobei Patienten mit deutlich ausgeprägtem Leberschaden mehr von Kaffee profitieren als solche mit fehlendem Leberschaden. Die Mechanismen für die protektive Wirkung von Kaffee sind noch nicht geklärt, antioxidative Wirkmechanismen sowie antifibrotische über TGF-β und CTGF laufende Prozesse lassen sich aber experimentell gut nachweisen.

Es kann aufgrund der epidemiologischen Evidenz und der geringen Nebenwirkungen auch schon jetzt eine ausreichende Zufuhr von Kaffee als Zusatz zur Standardernährung aller Patienten mit fortgeschrittener Fibrose oder Leberzirrhose empfohlen werden.

Von Prof. Dr. Markus Peck-Radosavljevic, Ärzte Woche 27 /2010

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