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Gastroenterologie 25. Mai 2010

Innovation bei Stuhlinkontinenz

Ein neues Verfahren, das an der Med Uni Graz entwickelt wurde, könnte die Therapie der analen Inkontinenz revolutionieren: In einer Pilotstudie wurden Reparaturzellen injiziert. Der durchschlagende Erfolg überraschte sogar die Ärzte.

Zehn Frauen, deren Schließmuskel auf Grund geburtsbedingter Verletzungen vernarbt und nicht mehr voll funktionsfähig war, wurden im Rahmen einer Pilotstudie Reparaturzellen, die von gesunder, körpereigener Muskulatur gewonnen wurden, in das Narbengewebe injiziert. Bereits nach vier Wochen waren neun Patientinnen völlig kontinent, die zehnte zeigte eine wesentliche Verbesserung ihrer Beschwerden.

Einer der wichtigsten Risikofaktoren für Stuhlinkontinenz bei Frauen ist die geburtstraumatische Schädigung des Beckenbodens. In schweren Fällen waren bis jetzt chirurgische Eingriffe wie das überlappende Vernähen des durchtrennten Schließmuskels oder die Sakralnerven-Stimulation die letzte Hoffnung. Trotz des hohen Aufwands und Komplikationsrisikos hat besonders die Methode des überlappenden Vernähens der Schließmuskelenden sehr schlechte Langzeitergebnisse. Einen ganz anderen Weg schlägt nun Prof. Dr. Andrea Frudinger, Leiterin der Forschungseinheit für anale Inkontinenz an der Universitätsfrauenklinik Graz, ein: Das von ihr entwickelte Behandlungsverfahren zielt darauf ab, den Muskeldefekt mit körpereigenen Zellen zu reparieren.

In der Pilotstudie wurde die Wirksamkeit dieses Therapieansatzes an zehn Frauen im Alter zwischen 24 und 65 Jahren, die bereits seit Jahren an einer schweren, die Lebensqualität dramatisch beeinträchtigenden Stuhlinkontinenz litten, untersucht. In einem ersten Schritt wurden Zellen aus dem Brustwandmuskel durch eine einfache Biopsie in Lokalanästhesie gewonnen, im Labor isoliert und vermehrt. „Dafür reicht ein ein Zentimeter langer Schnitt in der Achselhöhle aus, der keine sichtbare Narbe hinterlässt“, so Frudinger. Drei bis vier Wochen danach konnten die vermehrten Reparaturzellen in mehreren Einzelinjektionen in das Narbengewebe implantiert werden. Dazu mussten eigens eine Ultraschallsonde und eine entsprechende Injektionsvorrichtung, die das exakte Einbringen der kostbaren Zellen gewährleisteten, entwickelt werden. Um das Einwachsen der Zellen zu verbessern, wurde zusätzlich für mehrere Wochen eine Elektrostimulation des Beckenbodens durchgeführt. Da die Eingriffe sehr gut toleriert wurden und es auch keinerlei Komplikationen gab, plant Frudinger, die Implantation in Zukunft als tagesklinischen Eingriff durchzuführen.

Die Ergebnisse (Frudinger et al.: Gut 2010; 59: 55–61) übertrafen alle Erwartungen: Die ersten Patientinnen berichteten bereits eine Woche nach der Implantation, keinen Stuhl mehr zu verlieren, nach vier Wochen waren neun der zehn Studienteilnehmerinnen völlig kontinent. Die Ein- und Zweijahresergebnisse bestätigen die anhaltende Wirksamkeit der Therapie.

Patienten gesucht

Der große klinische Erfolg wurde in der März-Ausgabe der Nature Reviews Gastroenterology and Hepatology (2010; 7: 121) als eines der Research Highlights des Monats gewürdigt. Das Team um Prof. Frudinger möchte nun in einer größeren Pilotstudie Patienten behandeln, die keinen Schließmuskeldefekt, sondern nur eine Schließmuskelschwäche haben. Demnächst sollen die Ergebnisse der Pilotstudien in einer placebokontrollierten Doppelblindstudie überprüft werden. Allen Teilnehmern der Placebostudie wird garantiert, dass sie nach Abschluss der Untersuchungen mit einer Zeitverzögerung von höchstens drei Monaten auf Wunsch eine Therapie mit ihren eigenen Zellen erhalten können.

Damen und Herren, die sich für die Teilnahme an einer der Studien interessieren, können sich bei Prof. Frudinger (Klinische Abteilung für Gynäkologie, MedUni Graz) melden:

Tel: +43-316-385-81439

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