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Abb. 1: Heute stehen unser Darm und die ca. 1000 Keimstämme, die ihn besiedeln, im Zentrum intensiver Forschung.
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Abb. 2: Die Darmflora in den ersten zwölf Monaten unterscheidet sich noch wesentlich von jener im Erwachsenenalter, sie bleibt dann aber so, wie sie im ersten Lebensjahr aufgebaut wurde.

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Abb. 3: Vor allem psychischer Stress und ständige Hetzerei führt bei vielen Menschen zu Verdauungsproblemen, für die organisch oft keine Ursache erkennbar ist.

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Abb. 4: Die Inzidenz der Reisediarrhoe konnte gesenkt werden, wenn Probiotika rechtzeitig vor und während einer Reise, vor allem aber auch regelmäßig eingenommen wurden.

 
Gastroenterologie 19. Dezember 2009

Darmgesundheit

Darm und Immunsystem – Probiotika – Verdauung – Fernreisen

Ist der Darm gesund, ist der Mensch gesund. Diese Erkenntnis ist so alt wie die Medizin selbst. Bereits in den 4000 Jahre alten Schriften ayurvedischer Heilkundiger wird der Darm als das Zentrum des Wohlbefindens beschrieben. Nirgendwo sonst im Körper findet ein intensiverer Kontakt mit fremden Stoffen statt als im Darm. Eine leistungsstarke Schutzbarriere in Form einer intakten Schleimhaut, durchsetzt mit möglichst vielen gesundheitsfördernden Bakterien ist dabei von Nöten. Ohne diese Grundvoraussetzungen ist eine funktionierende Stoffwechselleistung unseres Organismus nicht möglich

I: Der Darm – Zentrum unseres Immunsystems

Vor über 100 Jahren wurde von dem Pasteur Schüler und späteren Nobelpreisträger Ilja Metschnikoff der Satz geprägt: „Der Tod liegt im Darm“. Der russische Bakteriologe erkannte bereits vor 90 Jahren, dass die im Joghurt enthaltenen Milchsäurebakterien die natürlichen Abwehrkräfte des Körpers stärken und pathogene Keime im Darm bekämpfen. Metschnikoff nahm an, dass durch Lactobacillen im Darm Fäulniserreger verdrängt oder in ihrer Aktivität gehemmt werden.

Und er hatte recht

Heute stehen unser Darm und die ca. 1000 Keimstämme, die ihn besiedeln, im Zen- trum intensiver Forschung (Abb. 1). Besonders interessant sind die spezifischen Eigenschaften jeder einzelnen Bakterienart, ihre Synergien und Wechselwirkungen, ihre Stoffwechselleistungen und ihre zentrale Bedeutung für unser Immunsystem und möglicherweise auch die Zellregeneration.

Faktum ist, dass zehnmal mehr Bakterien in unserem Darm leben, als unser gesamter Organismus an Zellen besitzt, und dass zwischen dem menschlichen Organismus und der Darmflora intensive Wechselbeziehungen zum gegenseitigen Nutzen bestehen. Fest steht aber auch, dass diese Symbiose in der Zivilisations- gesellschaft des 21. Jh. häufig gestört ist und somit auch die Gesundheit der meisten Menschen.

Mit den Nahrungsbestandteilen passieren auch Toxine, Viren, Pilze und Parasiten das Darmlumen. Um die Schleimhaut zu schützen, bildet die Darmflora eine immunologisch wirkungsvolle Barriere zum Schutz des gesamten Organismus gegen diese Fremdstoffe. Dies drückt sich darin aus, dass 80 Prozent des lymphatischen Apparates im Intestinalbereich angesiedelt ist.

Mit seiner Gesamtoberfläche von 300 bis 400 m2 (im Vergleich dazu hat die Lunge nur eine Oberfläche von 30–70 m2 und unsere Haut von maximal 4 m2) enthält die Darmschleimhaut dreimal mehr Plasmazellen als Knochenmark, Milz und Lymphknoten zusammen und stellt somit das größte immunologische Organ im menschlichen Körper dar.

Gelangen pathogene Keime oder Toxine in die Darmschleimhaut, so werden diese vom nachgeschalteten darmassoziierten Immunsystem GALT (gut-associated-lymphoid-tissue) wirksam eliminiert. Hierbei werden sowohl das humorale Abwehrsystem über die B-Lymphozyten wie auch das zelluläre Abwehrsystem über die T-Lymphozyten und Macrophagen in Anspruch genommen. Nach Kontakt und Stimulation wandern dann die Immunzellen, speziell die IgA-produzierenden Plasmazellen, aus dem Darm in den Körper und besiedeln unter anderem die Speicheldrüse, die Lunge, den Urogenitaltrakt und die laktierende Brust stillender Frauen.

Mikroorganismen

Die etwa 100 Billionen Bakterien, die sich teils im Darmlumen aufhalten, teils über spezielle Adhäsivfaktoren an der Darmschleimhaut anhaften, produzieren unter anderem Vitamine (Vitamin K, Folsäure), essentielle Aminosäuren, Hormone, Enzyme, Fermente, antibiotisch wirksame Stoffe, kurzkettige Fettsäuren zur Energieversorgung der Darmepithelien sowie freie Radikale. Sie sind zudem auch für die täglich etwa 1,5 Liter Gasproduktion im Dickdarm verantwortlich. Sie erbringen eine Stoffwechselleistung, die der Intensität der Leberleistung äquivalent ist.

Die Mikroorganismen bestehen aus mehreren hundert verschiedenen Spezies, die sich in unterschiedlicher Weise über den Magen-Darm-Trakt verteilen. Während Magen und Duodenum physiologisch weitgehend keimarm sind, befinden sich im Jejunum überwiegend Lactobazillen; im Ileum findet man neben den Lactobazillen und Enterococcen die mikroaerophile „Säuerungsflora“ der Bifidobakterien und die anaerobe „Fäulnisflora“ der Bakteroiden.

Im Coecum überwiegt ein anaerobes Milieu mit Bifidobakterien, Bakteroiden, Clostridien und Eubakterien, möglicherweise bis zu 5000 Keimspezies. Die Vielzahl von Keimstämmen erklärt, warum gerade im Coecum das ökologische Gleichgewicht sehr empfindlich reagiert und diese Schwachstelle spiegelt sich in der täglichen Praxis wieder in Form der Dysbiosen.

Die gestörte Darmflora

Heute kann aufgrund modernster Laboruntersuchungen, welche die Diagnostik revolutioniert haben, eindeutig festgestellt werden, in welch hohem Maße eine gestörte Darmflora die Ursache vielfältiger Störungen ist: Diese Liste reicht von den Allergien über das chronische Müdigkeitssyndrom bis hin zu Depressionen, von den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen über das Reizdarmsyndrom bis hin zum Coloncarcinom.

II: Probiotika

Gerade im komplementär- oder ganzheitsmedizinischen Bereich kommt dem Darm eine eminente Bedeutung zu, heißt es hier ja an erster Stelle: „Ganzheit bedeutet, nicht nur Symptome zu korrigieren, sondern Ursachen zu ergründen.“

Datenlage

Bisher wurde in großen Studien vielfach mehr Wert auf das Heilen von Krankheitssymptomen als auf die Erhaltung der Gesundheit gelegt wurde. Dies hat sich in den letzten zehn Jahren schlagartig verändert, seit mit der Erforschung von medizinisch relevanten Probiotika immer mehr interessante Studien in internationalen Journalen veröffentlicht wurden, welche die Bedeutung der Darmflora für die Gesundheit des Gesamtorganismus beweisen.

Besonders spektakulär ist der Ansatz, dass Mütter mit familiärer Amnese durch die Einnahme von Lactococcen und Bifidobakterien in Schwangerschaft und Stillzeit, die Neurodermitis-Inzidenz ihrer Kinder trotz genetischer Prädisposition senken könnten. Inzwischen ließ sich auch ein allergieprotektiver Effekt für Asthma zeigen.

Babys & Bakterien

Beim Neugeborenen beginnt die Bakterien-Besiedlung des Darms unmittelbar nach der Geburt. Die Ernährungsgewohnheiten der Mutter, die Art der Entbindung, die Verwendung von Antibiotika bei der Geburt bzw. im Krankenhaus oder auch die Ernährung des Kindes bestimmen, ob der Darm mit den richtigen – sprich gesunden – Darmbakterien besiedelt wird, oder ob Pilze wie Candida albicans Fuß fassen und die Abwehrkraft des Kleinkindes auf eine ziemlich harte Probe stellen.

Werden Babys gestillt, so steigt relativ rasch der Anteil an Lactococcen und Bifidusbakterien, die nicht nur für eine dichte Barriere der Darmschleimhaut gegenüber schädlichen Stoffen sorgen sondern vor allem dafür sorgen, dass ausreichende Mengen an Abwehrzellen gebildet werden.

Die Darmflora in den ersten zwölf Monaten unterscheidet sich noch wesentlich von jener im Erwachsenenalter, sie bleibt dann aber so, wie sie im ersten Lebensjahr aufgebaut wurde (Abb. 2). Das bedeutet: Wenn die Darmflora im ersten Lebensjahr überwiegend positiv ausgestaltet ist, so wird das Kind sein ganzes Leben lang ein stabiles Abwehrsystem aufweisen.

Besonders wichtig sind auch die letzten Monate in der Schwangerschaft, speziell wenn Mutter oder Vater des Ungeborenen Allergiker oder Asthmatiker sind. Denn dann besteht die Gefahr, dass genetisch bereits eine Sensibilisierung des Fötus möglich wird. In den Studien der letzten zehn Jahre wurde dies mehrfach eindrucksvoll bewiesen.

Studien aus Finnland Holland und Schweden zeigten: Die Aufnahme von Probiotika im Säuglingsalter kann vor der Entstehung von IgE-Antikörper vermittelten Ekzemen schützen. Für alle Untersuchungen wurden Familien mit erhöhtem Allergierisiko ausgewählt. Die werdenden Mütter erhielten etwa sechs bis acht Wochen vor der Geburt täglich ein probiotisches Präparat oder ein Placebo. Nach der Geburt nahmen ihre Kinder das gleiche Präparat ein. Alle Wissenschafter resümierten, dass Probiotische Bakterien während der Reifung des Immunsystems eine regulierende Wirkung ausüben.

Allergieneigung

Die gerade im international höchst renommierten Wissenschaftsmagazin „ALLERGY“ publizierte PANDA-Studie zeigt, dass im Nabelschnurblut jener Kinder, deren Mütter kein Probiotikum erhalten hatten, rund 80 Prozent der Kinder bereits am Tag der Geburt eine Sensibilisierung auf Kuhmilch, Hausstaubmilbe oder Katzenhaar aufwiesen, während in der Gruppe mit dem PANDA Probiotikum weniger als 20 Prozent der Kinder eine Reaktion auf diese häufigen Allergene zeigten.

Interessant ist die Studie auch deshalb, da sie über insgesamt fünf Jahre durchgeführt wurde und somit die Kinder über Jahre hinweg in ihrer Gesundheitsentwicklung beobachtet werden konnten. Jene Kinder, deren Mütter bereits in der Schwangerschaft das PANDA Probiotikum erhalten hatten und die über ein Jahr diese Nahrungsergänzung weiter bekamen, litten nie unter Blähungskoliken und zeigten eine viel schnellere und gesündere Besiedlung ihres Darms.

Auch nach Jahren, in denen kein Probiotikum mehr gegeben wurde, zeigte sich derselbe Unterschied im Auftreten der typischen Erkrankungen des allergischen Formenkreises: Neurodermitis, Asthma, Allergien. Während die Erkrankungen von Kindern aus Allergikerfamilien in der Placebogruppe etwa 80 Prozent betrugen, blieb das Auftreten dieser unangenehmen Erscheinungen bei jenen Kindern, die das PANDA Probiotikum im ersten Lebensjahr erhalten hatten, auf etwa 20 Prozent beschränkt.

Antibiotikainduzierte Diarrhoe

Zwischen 15 und 25 Prozent der mit einem Antibiotikum behandelten Patienten leiden an einer Diarrhoe. Bei Kindern tritt der medikamentös induzierte Durchfall noch häufiger auf. Bei ihnen und bei älteren Patienten, sowie bei immundefizitären Menschen hat das Auftreten einer Clostridium difficile induzierten Diarrhoe häufig die Nutzung der intensivmedizinischen Abteilung als Folge.

Grundsätzlich können fast alle Antibiotika eine Diarrhoe auslösen, am häufigsten jedoch Cephalosporine, Clindamycin und die Penicilline Ampicillin und Amoxicillin. Neben den pathogenen Keimen wird durch das Antibiotikum auch die körpereigene, physiologische Bakterienflora beeinträchtigt. Auch nach Abklingen des Durchfalls bleibt die Darmflora noch für einige Wochen gestört.

Wie in einer Studie am AKH Maastricht zu sehen war, können durch den rechtzeitigen Einsatz eines zehnstämmigen Probiotikums gleichzeitig mit dem Antibiotikum nicht nur viele klinische Nebenwirkungen einer AAD verhindert werden, sondern das Immunsystem der Patienten wird nachhaltig unterstützt und die Darmflora binnen zwei Wochen wieder aufgebaut, während dies ohne Probiotische Unterstützung drei bis sechs Monate dauert.

Probiotische Produkte

Den Experten zufolge sind in dieser Anwendung nicht alle probiotischen Produkte gleich nützlich: Ein wichtiges Kriterium ist, wie viele der ursprünglich eingenommenen Keime auch tatsächlich im Darm ankommen. Probiotische Joghurts etwa haben wohl zum Zeitpunkt der Abfüllung eine sehr hohe Keimzahl, ihren Bestimmungsort im Darm erreichen aber nur wenige Keime. Präparate mit einer magensaftresistenten Formulierung sind hier klar im Vorteil. Außerdem besteht die Stuhlflora aus verschiedenen Bakterienarten. Je näher ein probiotisches Präparat dieser Zusammensetzung kommt, desto besser. Multispezies Probiotika haben in allen Studien der letzten zehn Jahre besser abgeschnitten als Mono-Präparate.

COPD und PROBIOTIKA

Noch eine interessante Tatsache zeigte sich im Rahmen dieser AAD Studie. Die mikrobielle Flora von COPD Patienten, die bereits seit Jahren mehrfach mit Antibiotika therapiert worden waren, war sowohl in der Gesamtzahl als auch im Spektrum stark reduziert. Es war nicht möglich dieses zerstörte Ökosystem des Darms innerhalb von einer bis zwei Wochen wieder aufzubauen.

Prof. R. Stockbrugger, der Leiter der Studie, hat daher folgende Forderungen formuliert:

  • Der Einsatz von Probiotika sollte bei COPD Patienten so früh wie möglich beginnen, am besten beim ersten Rezidiv.
  • Die Verwendung eines spezifischen Multispezies Probiotikums, das die Vermehrung pathogener Keime verhindert, ist vorzuziehen.
  • Beim älteren Patienten ist die Anwendung eines immunmodulierenden Probiotikums über mehrere Monate, besser noch über Jahre indiziert.

Hypothesen zum Mechanismus von Probiotika

Wenn somit aufgrund hochwertiger Studien die Diskussion zur Sinnhaftigkeit von Probiotika geringer wird, der Mechanismus und die Pharmakokinetik sind noch weitgehend unentschlüsselt. Gänzlich verschiedene Wirkungswege werden dabei ausdiskutiert. Haupteffekt scheint zu sein, dass Probiotika ihre pathogenen Konkurrenten im Darm zurückdrängen. Wie normale Darmbewohner kommunizieren sie dazu mit den Epithelzellen des Darms. So erkennen die zur angeborenen Immunität gehörenden Toll-like-Rezeptoren die bakteriellen Strukturen und können in den so genannten Paneth-Zellen des Dünndarms Proteine wie Angiogenin induzieren, die bakteriozid auf pathogene Darmbakterien wirken. Auch die Expression von Defensinen lässt sich durch Probiotika stimulieren. Diese ebenfalls antimikrobiell wirkenden Peptide konnten im Tiermodell bakterielle Fehlbesiedelungen, virale Infektionen sowie Pilzinfektionen, etwa durch Candida albicans, inhibieren. Probiotische Bakterien können sich aber auch an der Darmschleimhaut anheften und so eine kompetitive Blockade bewirken, wodurch sich dann beispielsweise pathogene E.-Coli-Bakterien nicht mehr ansiedeln können. Vermutet wird zudem, dass Probiotika die Darmpermeabilität reduzieren oder zumindest normalisieren können. Daneben können Probiotika aber beispielsweise auch als „Sparringpartner“ für das menschliche Immunsystem dienen und die Abwehrzellen auf weitere Angriffe vorbereiten.

III: Verdauung – Zusammenspiel vieler Kräfte

Enzyme

Für eine gesunde Verdauung sind neben den probiotischen Bakterien aber auch bestimmte Enzyme unumgänglich, die normalerweise in der Bauchspeicheldrüse, der Galle und der Leber gebildet werden. Unterstützen kann man deren Tätigkeit durch pflanzliche Wirkstoffe, z. B. aus der Papaya, die bei regelmäßiger Verwendung die Verdauung normalisieren.

Wird die Nahrung nur unzureichend aufgespaltet, gelangt sie unverdaut in den Dickdarm es kommt in der Folge zu einer vermehrten Produktion von Darmgasen. Die Beschwerden sind nach fettreichem Essen besonders ausgeprägt, da die Verdauung dann durch den Enzymmangel besonders schlecht funktioniert.

Ballaststoffe

Vor allem ballaststoffreiches Essen gilt als aussichtsreiches Mittel, den Kampf gegen steigende Darmkrebsarten, koronare Herzerkrankungen, Diabetes, Verdauungsbeschwerden (z. B. Verstopfung, Völlegefühl, etc.), Übergewicht und andere Zivilisationskrankheiten zu gewinnen. Trotzdem nehmen die Europäer im Durchschnitt viel zu wenig, nämlich etwa nur 20 g Ballast pro Tag zu sich. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt eine tägliche Zufuhr von mindestens 30 g Ballaststoffen. Die Wirkung von Ballaststoffen auf den Darm ist in Tabelle 1 dargestellt.

Ruhe und Regelmäßigkeit

Doch das Problem stellen nicht immer Zusatzstoffe dar: Vor allem psychischer Stress und ständige Hetzerei führt bei vielen Menschen zu Verdauungsproblemen, für die organisch oft keine Ursache erkennbar ist (Abb. 3). Eine Wohltat sind hier tägliche Bauchmassagen und die Gewöhnung an gleichbleibende Essens- und „WC-Zeiten“. Wichtig ist dabei, dass man sich ausreichend Zeit für beides nimmt!

Bewegung

Probiotische Bakterien können natürlich die enzymatische Aktivität der Darmflora positiv beeinflussen. Je nach Bakterienart können sie zu einer Erhöhung der Stuhlfrequenz, einer Verbesserung der Stuhlkonsistenz sowie zu einer Beschleunigung der Darmtransitzeit führen.

Wer sich jedoch ständig zuwenig bewegt, kaum trinkt und sich falsch ernährt, macht den Darm in jedem Fall lahm. Zucker, Weißmehlprodukte, Fett, Fleisch und Alkohol fördern die Darmträgheit.

Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr (zwei bis drei Liter täglich) ist enorm wichtig für eine gute Darmfunktion, da sich andernfalls eine Obstipation ausbildet, welche den Verbleib vieler toxischer und kanzerogener Stoffe im Darm wesentlich verlängert.

IV: Fernreisen

Reisen in subtropische oder tropische Länder, wie Afrika, Südasien, Teile der Karibik oder Südamerika, sind nicht nur bildend und entspannend, sie bedeuten für den Darm eine außerordentliche Belastung.

Durch Befragung von 200 000 Urlaubern am Flughafen Zürich konnte die erschreckende Statistik veröffentlicht werden, dass gut 85 Prozent der Heimkehrenden von Darmproblemen geplagt worden waren, und zwar nicht nur in Übersee. Probleme traten überall auf, da die ungewohnte Ernährung, der Stress zu Urlaubsbeginn und die fremde Keimbelastung bereits in Europa zu Problemen führen können. Bei den berühmt-berüchtigten Nilkreuzfahrten traf der „Fluch des Pharao“ bis zu 95 Prozent der Urlauber.

Obwohl die Probleme normalerweise nur wenige Tage dauern, vereiteln sie doch die Urlaubsfreuden. Der Prophylaxe der lästigen Reisediarrhöe kommt daher immer mehr Bedeutung zu. Bei 3 Prozent aller Reisenden nach Übersee entwickelt sich Durchfall, welcher länger als zwei Wochen dauern kann. In dieser Gruppe wiederum leiden 50 Prozent an Durchfall, welcher monatelang andauert.

In einer kürzlich veröffentlichten Meta-Analyse zum Einsatz von Probiotika zur Prävention von Reisedurchfall hat McFarland festgestellt, dass die Inzidenz der Reisediarrhoe gesenkt werden konnte, wenn Probiotika rechtzeitig vor und während einer Reise, vor allem aber auch regelmäßig eingenommen wurden (Abb. 4).

Als Auslöser gelten Bakterien, die Giftstoffe produzieren, welche zur entzündlichen Schwellung des Darmes führen. Verantwortlich für diese unangenehmen Erinnerungen können enterotoxische Escherichia coli (65 %), Salmonellen, Klebsiellen, Yersinien, Campylobacter, Vibrionen, Clostridien und Shigellen sein.

Wie sich in den letzten Arbeiten gezeigt hat, können einfache Präparate, die lediglich aus einem Bakterienstamm bestehen, die wechselnden mikrobiellen Pathogene nicht so effektiv verdrängen wie ein Multispeziespräparat aus verschiedenen probiotischen Bakterienarten. Der synergistische Effekt von sechs und mehr Stämmen zeigt nicht nur gegenüber enterohämorrhagischen E. coli und toxischer Salmonella typhimurium besonders hohe Wirksamkeit. Signifikant ist auch der immunstärkende Effekt, welcher durch erhöhte sIgA Werte in der Mucosa zum Ausdruck gebracht wird.

2 Welt Gastroenterology Organisation, 2008

Tabelle 1 Wirkung von Ballaststoffen auf den Darm
Unlösliche Ballaststoffe z.B. Weizenkleie, PflanzenfasernLösliche Ballaststoffe z.B. resistente Stärke, Haferkleie, Inulin, Oligofructose, Hülsenfruchtballast


Binden Wasser


Vergrößern die Stuhlmenge

Füllen den Darm



Ernähren die Darmflora

Bilden kurzkettige Fettsäuren (Schutzstoffe gegen krankhafte Veränderungen der Darmwand)

Machen den Darm beweglicher

Senken den Cholesterinspiegel

Bessere und schnellere Verdauung
Tabelle nach: Lange, Elisabeth: Probiotics – Bakterien für die Gesundheit, Südwest Verlag, München (1997)
Forschungsergebnisse, die Probiotika sehr interessant erscheinen lassen2
  • Stimulierung der NK-Zellen, CD-16-Zellen werden um 20 Prozent vermehrt (diese sind für Infektabwehr und Zerstörung von Krebszellen wichtig).
  • Probiotika verbessern signifikant die Phagozytose-Kapazität von neutrophilen Granulozyten bei Patienten mit alkoholischer Leberzirrhose.
  • Probiotika führen zu vermehrter Verstoffwechselung von NH3 (Ammoniak) im Kolon (mögliche Besserung der hepatischen Enzephalopathie).
  • Probiotika führen zu vermehrter Bildung von kurzkettigen Fettsäuren im Kolon, besonders Butyrat, das die Proliferation von Krebszellen hemmt und die Apoptose fördert
  • Probiotika nehmen Gallensäuren im Kolon auf; sekundäre Gallensäuren sind für die Schleimhaut potenziell schädlich.
  • Probiotika verkürzen die Darmtransitzeit (Therapie der Konstipation! Verkürzung des Kontaktes mit möglichen Karzinogenen).
  • Probiotika verbessern die Barrierefunktion im Darm, machen die „Tight Junctions“ dichter (gestörte Barriere ist der erste Schritt in der Pathogenese der chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen.)
  • Probiotika führen zu einer Senkung der Rezidive nach Blasenkrebsoperation.
  • Probiotika beeinflussen günstig die Biomarker, die bei der Entstehung von adenomatösen Kolonpolypen und Kolorektalkrebs von Bedeutung sind (SYNCAN-Studie).
  • Bei der Therapie der Adipositas könnten sich Stoffwechseleinflüsse der Darmbakterien positiv auswirken.
  • Behandlung des akuten Durchfalls
  • Antibiotika assoziierter Durchfall
  • Reizdarmsyndrom (IBS)
Fazit für die Praxis
Das Thema „Darmgesundheit“ wird von der Medizin heute ernster genommen als je zuvor und ist geprägt von der Einhaltung eines gesunden Lebensstils mit ausreichend Bewegung, Flüssigkeitszufuhr und ballaststoffhältiger Ernährung.
Die Gabe von hochdosierten, durch Studien in Ihrem gesundheitsmedizinischen Anspruch bestätigten Multispezies-Probiotika kann jedoch immer öfter zur Erhaltung und Wiedererlangung eines gesunden Darm-Ökosystems empfohlen werden. Speziell ist diese Medikation zur Prävention von Erkrankungen des allergischen Formenkreises bei Schwangeren und Kleinkindern geeignet, weiters zur Verhinderung von Durchfallserkrankungen, speziell der antibiotikabedingten Diarrhoe und der Reisediarrhoe.
Der Darm mit seinen vielfachen Wechselbeziehungen zu allen anderen Organen wird in den kommenden Jahren im Zentrum der mikrobiologischen Forschung stehen.

A. Frauwallner, komplementärmedizin 4/2009

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