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Foto: Dietmar Schmidt - 9x13 glänzend 2003, www.9x13.de
Einen Bazar in Kairo könnte man durchaus als Paradies für Hepatitis-C-Viren bezeichnen. Durch Impfen kann kein Tourist geschützt werden, denn noch ist kein Vakzin verfügbar – wohl aber durch intelligente Vorsichtsmaßnahmen.
Foto: Fotostudio Sissi Furgler | Mediendienst.com

Prof. Dr. Harald Kessler Institut für Hygiene, MedUni Graz

 
Gastroenterologie 29. Oktober 2009

Hepatitis C: Mängel im öffentlichen Bewusstsein

Trotz vieler HCV-Aufklärungskampagnen herrscht noch ein Informationsdefizit vor.

Lebererkrankungen werden landläufig vor allem dem übermäßigen Genuss von Alkohol zugeschrieben. Über die Gefahren von leberzerstörenden Viren weiß der Durchschnittsösterreicher noch immer viel zu wenig, sagt Prof. Dr. Harald Kessler von der Medizinischen Universität Graz und verweist in diesem Zusammenhang auf jene Bevölkerungsgruppen, bei denen ein Screening sinnvoll wäre.

 

„Die Hepatitis C-Virusinfektion stellt aufgrund ihrer Häufigkeit und vor allem wegen der hohen Wahrscheinlichkeit chronischer und zum Teil progredienter Krankheitsverläufe weltweit und auch in Österreich ein medizinisches und gesundheitspolitisches Problem dar“, konstatierten die Autoren des Berichts zur Hepatitis C-Infektion des Instituts für Technikfolgenabschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Frühe Diagnose und Therapie könnten Komplikationen und schwerwiegende Krankheitsfolgen verhindern oder zumindest reduzieren. Dafür müsste das Risikobewusstsein in der Öffentlichkeit allerdings noch wesentlich verbessert werden, betont Prof. Dr. Harald Kessler von der Medizinischen Universität Graz.

 

Wie ist das Wissen hinsichtlich von Hepatitisinfektionen in der Bevölkerung, insbesondere der Hepatitis C, verankert?

KESSLER: Das Bewusstsein in der Bevölkerung zu Hepatitisinfektionen ist hinsichtlich Hepatitis A gut, hinsichtlich Hepatitis B zumindest ausreichend und hinsichtlich Hepatitis C leider nach wie vor relativ schlecht. Die Hepatitis D und E sind in weiten Teilen der Bevölkerung unbekannt. Das Wissen über die Hepatitis C ist jedoch, unter anderem durch Medienkampagnen, in den vergangenen Jahren etwas besser geworden. Ich möchte in diesem Zusammenhang die aCtion Hepatitis C hervorheben: Seit 2001 arbeitet ein Expertenkreis, der zunächst beim Staatssekretariat für Gesundheit und jetzt im Gesundheitsministerium angesiedelt ist, an einem Maßnahmenkatalog zur Verbesserung der aktuellen Situation im Bereich Hepatitis. Die aCtion Hepatitis C hat sich zur Aufgabe gemacht, viele ungelöste Problematiken dieser Erkrankung, wie z.B. die große Unsicherheit in der Ärzteschaft und der Bevölkerung, die damit verbundene Diskriminierung der Patienten, das mangelhafte Meldewesen, das Fehlen einheitlicher Standards bei der Diagnose der Erkrankung und vieles mehr zu thematisieren.

 

Wäre ein Screening auf Hepatitis C sinnvoll, wenn ja, nach welchem Schema?

KESSLER: Ein Screening auf Hepatitis C wäre sinnvoll bei Personen mit erhöhten Aminotransferasen („Transaminasen“) und/oder Zeichen einer Hepatitis bzw. chronischen Lebererkrankung mit unklarer Genese, Empfängern von Blut und Blutprodukten, Transplantatempfängern, Hämodialyse-Patienten, aktiven und ehemaligen i. v. Drogenkonsumierenden, HIV- und/oder HBV-Infizierten, Haushaltsangehörigen bzw. Sexualpartnern HCV-Infizierter, Schwangeren und Kindern HCV-positiver Mütter, Personen mit Migrationshintergrund aus Regionen mit erhöhter anti-HCV-Prävalenz, Insassen von Justizvollzugsanstalten, medizinischem Personal und Blut-, Organ- und Gewebespendern. Darüber hinaus sollte eine HCV-Diagnostik einschließlich adäquater Beratung jedem gewährt werden, der eine entsprechende Untersuchung explizit wünscht.

Welche Methoden werden für das Monitoring eines Hepatitis-C-Krankheitsverlaufes eingesetzt und welche Vorteile bringen die neuesten Entwicklungen für den Arzt und Patienten?

KESSLER: Nach neuesten Erkenntnissen sollte der natürliche Verlauf der chronischen Hepatitis C nicht beobachtet, sondern die Krankheit, unter Berücksichtigung eventuell vorliegender Kontraindikationen, möglichst frühzeitig behandelt werden. Der frühzeitige Behandlungsbeginn im Verlauf der chronischen Infektion erhöht die Chancen auf ein anhaltendes virologisches Ansprechen auf die Therapie. Erhöhte „Transaminasen“ und/oder der Nachweis einer Fibrose sind keine in jedem Fall notwendigen Voraussetzungen für die Indikationsstellung zur Therapie.

 

Wie beeinflusst das PCR-Monitoring von Hepatitis C den Therapieverlauf?

KESSLER: Das virologische Ansprechen auf die Therapie wird mittels Bestimmung der HCV-RNA im Serum oder Plasma beurteilt. Heutzutage hat die Bestimmung der HCV-RNA eine zunehmende Bedeutung für die Individualisierung der Therapiedauer. Bei Patienten mit einer HCV-Infektion mit Genotyp 1 bzw. 4 und einer nicht nachweisbaren HCV-RNA-Konzentration zwölf Wochen nach Therapiebeginn wird derzeit eine Standardtherapie über 48 Wochen durchgeführt. Liegt jedoch eine niedrige HCV-RNA-Konzentration vor Therapiebeginn und ein rasches virologisches Ansprechen auf die Therapie vor – definiert mit einer nicht nachweisbaren HCV-RNA vier Wochen nach Therapiebeginn –, kann die Therapie auf 24 Wochen reduziert werden. Die Bedeutung negativer Prädiktoren, wie etwa fortgeschrittene Fibrose, Leberzirrhose, Steatosis hepatis, metabolisches Syndrom und Insulinresistenz, auf die Therapieverkürzung muss allerdings erst in prospektiven Studien untersucht werden. Liegt hingegen ein langsames Ansprechen auf die Therapie – definiert mit einer zwar nachweisbaren, aber im Vergleich zu Therapiebeginn um mindestens 2 log10-Stufen abgefallenen HCV-RNA zwölf Wochen nach Therapiebeginn und einer nicht nachweisbaren HCV-RNA-Konzentration 24 Wochen nach Therapiebeginn – vor, sollte die Therapie auf 72 Wochen verlängert werden. Bei Patienten mit einer HCV-Infektion mit Genotyp 2 bzw. 3 und einer nicht nachweisbaren HCV-RNA-Konzentration zwölf Wochen nach Therapiebeginn wird derzeit eine Standardtherapie über 24 Wochen durchgeführt. Auch hier ist, je nach Ansprechen auf die Therapie, eine Verkürzung bzw. Verlängerung der Therapiedauer in Diskussion. Für diesbezügliche Empfehlungen müssen jedoch die Ergebnisse entsprechender prospektiver Studien abgewartet werden.

 

Wie unterscheiden sich die chronischen Verläufe von Hepatitis B und Hepatitis C? Bei welcher Form ist das Risiko für Langzeitschäden höher?

KESSLER: Die chronische HBV- und die chronische HCV-Infektion führen in der Mehrzahl der Fälle zu einer langsam progredienten chronischen Hepatitis, reduzieren die Lebensqualität und sind mit einer erhöhten Mortalität assoziiert. Eine individuelle Abschätzung der Prognose ist aufgrund der variablen Krankheitsprogression meist nicht möglich.

Warum ist für Hepatitis C – anders als für Hepatitis A und B – kein Impfstoff verfügbar? Wie sind die Perspektiven bezüglich einer möglichen Entwicklung eines Impfstoffs?

KESSLER: Infolge einer Polymerase ohne Korrekturlesefähigkeit ist das HCV durch enorme genetische Unterschiede gekennzeichnet. Dies stellt eine signifikante Hürde bei der Entwicklung eines effektiven Impfstoffes und neuer Medikamente dar. Die Perspektiven sind daher schlecht. Für Patienten mit chronischer Hepatitis C ist jedoch eine kombinierte Schutzimpfung gegen Hepatitis A und Hepatitis B angezeigt, um die erkrankte Leber vor einer eventuellen zusätzlichen Schädigung zu bewahren.

 

Welche prophylaktischen Maßnahmen sollten beachtet werden, wenn man in einer Region mit sehr hoher Hepatitis-C-Prävalenz, beispielsweise in Ägypten, Urlaub macht?

KESSLER: Die Übertragung des HCV kann generell mit dementsprechenden hygienischen Maßnahmen verhindert werden. Da die Übertragung des HCV durch Blutkontakt den wirksamsten Übertragungsweg darstellt, ist besonders auf mangelhafte hygienische Zustände im Gesundheitsbereich, aber auch in allen anderen Bereichen, in denen die potenzielle Gefahr eines Blutkontaktes besteht zu achten, etwa in Tätowier- und Piercingstudios, bei der Mani- und Pediküre oder Rasierklingen beim Frisör. Sowohl die sexuelle als auch die vertikale Übertragung (von der Mutter auf das Kind) scheinen dagegen sehr seltene Ereignisse zu sein.

 

Das Gespräch führte Dr. Verena Kienast

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