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Prof. Dr. Franz Martin Riegler GERD Center of Excellence und Laboratorium für Chirurgische Funktionsdiagnostik am AKH Wien
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Prof. Dr. Johannes Zacherl Universitätsklinik für Chirurgie am AKH Wien

 
Gastroenterologie 29. Oktober 2009

Chronischer Reflux bewirkt erhöhtes Krebsrisiko

Die Spitalsletalität von Speiseröhrenkrebs konnte in den letzten fünf Jahren in spezialisierten Zentren auf ein Prozent gesenkt werden.

Fälle von refluxassoziiertem Speiseröhrenkrebs haben sich in den letzten 20 Jahren fast verdoppelt. Mit der innovativen Radiofrequenz-Ablation können Krebsvorstufen – schonend für den Patienten – zerstört werden.

GERD (Gastroesophageal reflux disease) mit den Symptomen Sodbrennen und saures Aufstoßen betrifft nahezu 30 Prozent der Bevölkerung. Das dadurch bedingte Risiko eines Speiseröhrenkarzinoms hat in den letzten Jahren erheblich zugenommen. Lag die Zahl in den 1980er bei rund 170 Neuerkrankungen pro Jahr, hat sich diese auf 320 Fälle pro Jahr fast verdoppelt.

Nicht nur die Ernährung ist schuld

Ausschlaggebend sind sogenannte Lifestyle-Faktoren. „Dazu gehören eine bestimmte Art von körperlichem und psychischem Stress, mangelnde Nahrungsaufnahme-Kultur sowie Fehlernährung mit hohem Anteil an kohlenhydrat- und fettreichen Produkten, die Reflux fördern: Auch kohlensäurehaltige und alkoholische Getränke, Kaffee, Mehlspeisen als Kombination von Fett und Zucker sowie natürlich auch der Zeitpunkt der Nahrungsaufnahme (Essen spätabends, Anm.) können Reflux-Auslöser sein“, so Prof. Dr. Johannes Zacherl von der Universitätsklinik für Chirurgie am AKH Wien, Mitglied der Arbeitsgruppe für onkologische Chirurgie (ACO-ASSO). Auch die Magenentleerungszeit hänge davon ab, welche Nahrungsmittel aufgenommen werden. Die genannten Faktoren, so Zacherl weiter, spielen auch bei der Entwicklung einer Adipositas eine gewichtige Rolle, und diese wiederum ist ein „wesentlicher Mechanismus, der Reflux steigert“. Wie die chirurgische Funktionsdiagnostik am AKH Wien feststellen konnte, wirkt sich auch der Anstieg der Arbeitslosenrate auf die zunehmende Zahl von Reflux-Erkrankungen aus.

Um mehr Aufmerksamkeit auf Krebsrisiko und aktuelle Behandlungsmöglichkeiten legen zu können, wurde kürzlich das GERD Center of Excellence mit Unterstützung von Gesundheitsministerium und Ärztekammer am Wiener AKH gegründet. Das Ziel: bessere Diagnostik und Therapie der Refluxkrankheit.

Grundlage ist ein interdisziplinäres Konzept

Basis möglichst früher Risiko-Abklärung ist das Zusammenarbeiten von Pathologie, Gastroenterologie und Chirurgie. Liegt ein Verdacht vor, werden im Rahmen einer Spiegelung aus der Speiseröhre Gewebeproben entnommen. Der Pathologe hat abzuklären, ob eine Refluxkrankheit vorliegt und/oder Risiko eines Speiseröhren-Karzinoms besteht. Wenn eine Krebsvorstufe in Form eines Barrett-Ösophagus – wobei dessen Häufigkeit bei Patienten mit oder ohne Symptome annähernd gleich ist – vorliegt, kommt am AKH Wien eine gänzlich neue Methode, die Radiofrequenz-Ablation (HALO®, Barrx Medical), zum Einsatz: Mittels einer Ballonsonde wird die Krebsvorstufe durch Applikation hochfrequenter Energie zerstört. Die Behandlung erfolgt ambulant in Kurzschlaf, die Funktion der Speiseröhre wird dabei nicht beeinträchtigt.

Ineffiziente Sonnenbrände

Herkömmliche photodynamische Therapien mit fluoreszierenden Substanzen, die, durch Laserlicht aktiviert, quasi kleine „Sonnenbrände“ in der Speiseröhre erzeugen, bewirken eine durchschnittliche komplette Befreiung der Barrett-Schleimhaut in 50 bis 70 Prozent der Fälle mit daraus resultierenden zehn bis 20 Prozent narbigen Engen im Ösophagus. Demgegenüber führt die Radiofrequenz-Ablation in 95 Prozent zu kompletter Befreiung der Barrett-Schleimhaut mit wesentlich geringerer Rate an narbigen Engen. Zacherl: „Die Methode ist für den Patienten sicher und effektiv, was die Eradikation betrifft – vorausgesetzt, dass eine hoch-säureunterdrückende Medikation oder eine Antireflux-Operation zur Anwendung kommen. Die operative Methode ist effektiver, bedeutet jedoch einen höheren ‚Preis’ für den Patienten.“

Hoffnungen geben

Prof. Dr. Franz Martin Riegler, GERD Center of Excellence und Laboratorium für Chirurgische Funktionsdiagnostik am AKH Wien: „Wir müssen die Menschen verstärkt informieren, dass wir schon bei der Vorstufe zu Speiseröhrenkrebs etwas tun können. Die Botschaft lautet: Die Diagnose bedeutet nicht, dass man die Speiseröhre verlieren muss, es gibt Methoden, diese zu erhalten. Die Radiofrequenz-Ablation wird seit Herbst 2008 im AKH Wien angeboten.“

Minimalinvasiv unterwegs

Lange Zeit war die Speiseröhrenentfernung einer der letalitätsträchtigsten Eingriffe der Chirurgie: Lag die Spitalsletalität bis vor wenigen Jahren noch bei fünf bis zehn Prozent, ist sie in den letzten fünf Jahren in spezialisierten Zentren auf ein Prozent gesunken. Verschiedene Faktoren sind dafür ausschlaggebend: Spezialisierung, Interdisziplinarität, Standardisierung und nicht zuletzt die minimalinvasive Operationstechnik.

Die rechtzeitige Erkennung von Krebsvorstufen ist deswegen so wichtig, weil die Behandlungschancen bei fortgeschrittenem Krebsleiden deutlich schlechter sind. Um die Therapieerfolge zu verbessern, läuft derzeit eine österreichweite randomisierte Multicenterstudie, die voraussichtlich nächstes Jahr abgeschlossen sein wird. Die Ergebnisse sollen dazu beitragen, die Langzeitüberlebenschancen für Patienten mit Speiseröhrenkrebs mittels multimodaler Therapiekonzepte (Operation, Chemo- und Strahlentherapie etc.) zu verbessern. Ein Hoffungsträger ist dabei auch der Marker p53, aus dem sich möglicherweise vorhersagen lässt, auf welche Art von Chemotherapie ein Tumor ansprechen wird.

INFO: GERD Center of Excellence, www.gerdcenter.at

Tabelle:
GERD: Symptome und Beschwerden
Sodbrennen Ja Nein
Saures Aufstoßen Ja Nein
Schluckbeschwerden Ja Nein
Husten Ja Nein
Heiserkeit Ja Nein
Halsschmerzen/Brennen Ja Nein
Bei Bestehen eines oder mehrerer Symptome ist eine Abklärung angezeigt (ärztliches Gespräch, Endoskopie, Entnahme von Gewebeproben aus der Speiseröhre).
Weitere Symptome, die durch Reflux hervorgerufen werden können:
Zungenbrennen Ja Nein
Zahn- und Kieferschmerzen Ja Nein
Ohrenschmerzen Ja Nein
Brustschmerzen Ja Nein
Druck in der Magengegend Ja Nein

Von Mag. Peter Bernthaler, Ärzte Woche 44 /2009

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