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Prof. Dr. Herbert Tilg Leiter der Internen Abteilung am BKH Hall und des Christian-Doppler-Forschungslabors für Entzündungsbiologie an der Medizinischen Universität Innsbruck
 
Gastroenterologie 8. September 2009

Probiotika - Placebo oder potente Immunmodulation?

Freitag im AKH Hörsaalzentrum, 14.30 bis 16 Uhr

Eines der bewegendsten Gebiete der aktuellen Medizin ist, dass wir begonnen haben, diese „dunkle Box“ aufzumachen – die Keimwelt im Darm, in dem 1014 vorkommen, das sind mehr Keime als Körperzellen. Im Darm leben 2.000 verschiedene Spezies – eine unglaubliche Vielfalt an verschiedenen Familien, die lebenswichtig sind, die wir bisher nur genetisch kennen, darüber hinaus jedoch wenig über sie wissen, geschweige sie kultivieren können (ca. 70 % davon sind nicht kultivierbar). Vor diesem Hintergrund erscheint es als relativ kühner Versuch, dass wir mittels eines Probiotikums, das meist nicht mehr als drei oder vier verschiedene Spezies an Keimen enthält, diese intestinale Flora manipulieren wollen. Wir stehen damit in der Tat erst ganz am Beginn.

Das Thema Probiotika ist dennoch bereits in der Bevölkerung sehr verbreitet, vor allem, weil die Nahrungsmittelindustrie dahinter ein großes Geschäft wittert – das ist verständlich. Ganz wichtig ist allerdings: Probiotikum ist nicht gleich Probiotikum. Letztlich müssen wir verlangen, dass wie bei jedem anderen Medikament große kontrollierte Vergleichsstudien durchgeführt werden, um eine faire, objektive Aussage treffen zu können. Dies ist leider oft nicht der Fall, weil Probiotika meist als Nahrungsergänzungsmittel gelten, die ein viel einfacheres Zulassungsverfahren haben. Sie gelangen relativ rasch auf den Markt, mit wenig Daten können Dinge behauptet und verbreitet werden, die oft nicht wahr sind.

Ungeachtet dessen haben wir bereits einzelne Bereiche definiert, wo die Gabe eines Probiotikums in der Medizin sehr sinnvoll ist. Paradebeispiel ist bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, nämlich der Colitis ulcerosa, die Verwendung von Mutaflor (E. coli Nissle). Dieser über 90 Jahre alte Bakterienstamm ist tatsächlich in der Lage, remissionserhaltend zu wirken. Dazu gibt es große Studien. Mutaflor ist daher als Probiotikum eine etablierte Langzeiterhaltungstherapie bei der Colitis ulcerosa. Eine zweite etablierte Indikation ist die Pouchitis nach Colektomie bei Colitis ulcerosa, und zwar für VSL#3 – ein Komposit aus acht verschiedenen Bakterienstämmen.

Ein zunehmend interessanter werdender Bereich ist die Post-Antibiotika-Diarrhoe, die ja meist nicht durch eine Infektion, sondern eine Fehlentwicklung der intestinalen Flora bedingt ist. Bei einer Clostridium-difficile-Infektion – einer häufigen nosokomialen Infektion im Krankenhaus, typisch nach Antibiotika – besteht für Yomogi (Saccaromyces boulardii) relativ gute Evidenz, dass es Rezidive verhindert. Gute Daten aus England vor allem beim alten Menschen gibt es weiters für die Post-Antibiotika-Diarrhoe. Hier könnte die Zugabe eines Probiotikums zu einem Antibiotikum ein gutes Vorgehen sein, um den Darm zu unterstützen. Ein weiterer Bereich ist das Reizdarmsyndrom. Auch hier gibt es Daten, dass bei Patienten mit gestörter intestinaler Flora ein probiotischer Ansatz sinnvoll ist.

Fazit: Im Moment fehlen für eine sinnvolle Verwendung häufig entsprechende klinische Studiendaten. Daher ist es wichtig, den medizinisch-rationalen Ansatz zu wählen. Denn wie wir aus einer holländischen Studie bei schwerer akuter Pankreatitis wissen, können Probiotika auch Schaden zufügen, sind also nicht automatisch immer nützlich.

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